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Mauer ums Westjordanland: Israels Bollwerk gegen den Terrorismus

Von Ulrike Putz, Jerusalem

Ist es eine Mauer, ein Zaun, eine Sperranlage? Auf 760 Kilometern durchschneidet ein Bollwerk das Heilige Land. Es soll Attentäter abschrecken - doch Israel ignoriert mit dem Bau die Waffenstillstandslinie. Und verschärft damit den Nahost-Konflikt.

REUTERS

Man kann es eigentlich nur "das Ding" nennen: Das Bauwerk, mit dem sich Israel von dem seit 1967 besetzten Westjordanland abzuschotten versucht, ist so umstritten, dass allein der Versuch einer Namensgebung verwegen ist. Denn was den einen "eine Mauer" ist, ist den anderen "ein Zaun". Und in ihrem Bemühen, unparteiisch zu bleiben, hat die westliche Presse noch einen dritten Namen für die Monstrosität erdacht, die das Heilige Land durchschneidet: die "Sperranlage".

Etwa 760 Kilometer lang ist diese Sperranlage: Doppelt so lang wie die Waffenstillstandslinie von 1949, die Israel vom Westjordanland trennt. Größtenteils besteht sie aus einem elektronisch gesicherten Zaun, doch auf rund 30 km wird daraus eine bis zu acht Meter hohe Betonmauer. Mauer statt Zaun steht meist in den dicht besiedelten Gebieten in und um Jerusalem: für die Palästinenser ein Hindernis, das den Alltag erschwert - für die Israelis ein Bollwerk gegen den Terrorismus.

Pläne, Israel mit einem Bauwerk von dem von ihm besetzten Territorium abzugrenzen, reiften schon in den neunziger Jahren: Nach mehreren blutigen Angriffen von Palästinensern auf Israelis erklärte der später ermordete Friedensnobelpreisträger und Ministerpräsident Jizchak Rabin, er wolle "Gaza aus Tel Aviv heraushalten." Der Ausbruch der Zweiten Intifada, des palästinensischen Aufstands gegen die israelische Besatzung im Jahr 2000, erhöhte den Druck auf Israels Regierung, Anschlägen von Selbstmordattentätern aus dem Westjordanland Einhalt zu gebieten. Nachdem anfangs hie und da ein paar Zäune entlang der Grenze gezogen wurden, begann 2002 der generalstabsmäßig geplante Bau der heute stehenden Anlage.

Ohne Rücksicht auf die Waffenstillstandslinie

Und mit der Planung begannen die Probleme: Denn zu etwa Dreiviertel ihrer Länge baute Israel Zaun und Mauer östlich der grünen Linie auf palästinensischem Gebiet. Der Bau schlängelte sich über Hügel und durch Täler, schlug dabei Haken, schnitt durch Olivenhaine und Felder, Dörfer und bevölkerungsreiche Jerusalemer Stadteile.

Fotostrecke

4  Bilder
Mauer ums Westjordanland: Die namenlose Grenze
Ziel der absonderlichen Linienführung war es, einen Großteil der jüdischen Siedlungen im Westjordanland an das israelische Kernland anzugliedern. Auf die Waffenstillstandslinie, die vermutlich einmal Grundlage für die Grenze eines künftigen Palästinenserstaats sein wird, wurde kaum Rücksicht genommen.

Einzelne von der Sperranlage umschlossene jüdische Siedlungsblöcke wie Maale Adumim und Ariel schieben sich bis 20 Kilometer tief ins palästinensische Kernland hinein. Für Israel sind sie Brückenköpfe in feindliches Territorium, für Skeptiker Problemgebiete, die noch auf Jahrzehnte einen Friedensschluss schwierig machen werden.

Es ist vor allem der Verlauf der Mauer, der dem Bollwerk internationale Kritik eingebracht hat. Während Israel durchaus das Recht auf Selbstverteidigung habe, sei der Bau einer Mauer auf palästinensischem Gebiet nicht mit internationalem Recht vereinbar, urteilte der Internationale Gerichtshof in Den Haag 2004.

Auch die Palästinenser bemängeln nicht so sehr den Bau einer Absperrung, sondern die Tatsache, dass sie auf ihr Land gebaut wird. "Wer Streit mit den Nachbarn hat, kann natürlich einen Gartenzaun aufstellen. Aber bitte im eigenen Garten", brachte es ein palästinensischer Bauer auf den Punkt.

Das Bollwerk macht den Alltag kompliziert

So aber sind palästinensische Siedlungen wie Kalkilya von drei Seiten umschlossen, jede Fahrt zur Schule oder ins Nachbardorf wird zur Reise. Anderswo wird palästinensischen Bauern der Zugang zu ihren Feldern unmöglich gemacht. In Jerusalem dauert es teils halbe Tage, in die Parallelstraße zu gelangen. Kilometerweit sind die Wege zwischen den Checkpoints, an denen Menschen mit der entsprechenden Erlaubnis auf die andere Seite passieren dürfen.

"Die Bewegungsfreiheit der Menschen in den Dörfern, die Bauern, die nicht zu ihrem Land kommen, die Menschen in Jerusalem, die von Krankenhäusern, Schulen, religiösen Zentren abgeschottet sind", benennt Ray Dolphin, "Barriere-Spezialist" des Uno-Nothilfebüros Ocha in Jerusalem die drei größten Probleme, die Mauer und Zaun den Palästinensern bereiten.

In Israel gilt die Sperranlage trotz ihrer immensen Kosten als Erfolg. Seit ihrer Errichtung sei die Infiltration von Selbstmordattentätern auf fast Null zurückgegangen, erinnern Militärs und Politiker die Öffentlichkeit gern. Trotzdem gibt es immer wieder Ärger: Den Obersten Gerichtshof beschäftigen Hunderte von Klagen, mit denen Palästinenser die Versetzung der Anlage von ihrem Land durchsetzen wollen. Immer wieder gibt das Gericht den Klägern Recht.

Die Kosten der Korrektur des Mauerverlaufs könnten auf lange Sicht die eigentlichen Baukosten übersteigen. Dennoch: "Abreißen und auf eigenem Land neu bauen ist die einzige Lösung, die langfristig Ruhe bringen wird", sagt Ray Dolphin.

Das Thema Mauer wird das Heilige Land noch lange beschäftigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Machtverschiebung
pappel 08.08.2011
Zitat von sysopIst es eine Mauer, ein Zaun, eine Sperranlage?*Auf 760 Kilometern durchschneidet ein Bollwerk das*Heilige Land. Es*soll Attentäter abschrecken - doch Israel ignoriert mit dem Bau die Waffenstillstandslinie. Und verschärft damit den Nahost-Konflikt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778243,00.html
vielleicht ändert sich etwas daran wenn die Machtverhältnisse in diesem Gebiet neu geordnet werden. (Mehr Atommächte drum herum und kein Geld mehr von den Amis). Bis dahin kann Israel machen was es will.
2. fast keine Bombenanschläge
Ha Am Gaai 08.08.2011
Es gibt fast keine fast keine Bombenanschläge, es ist leicht zu verurteilen. Die Mauer hat seinen Dienst erwiesen
3. Mauer gut, Verlauf schlecht
werauchimmer 08.08.2011
Was soll man da diskutieren? Es steht ja alles schon im Artikel: Die Mauer wird zur Abwehr von Selbstmordattentätern dringend gebraucht und leistet dabei gute Dienste, aber sie steht ohne Rechtfertigung nicht auf der Grenze, sondern großenteils jenseits davon im Palästinensergebiet. Von dort muß sie zurückgenommen werden.
4. Die Mauer, die übrigens zu etwa 90% ein Zaun ist,
atherom 08.08.2011
Zitat von sysopIst es eine Mauer, ein Zaun, eine Sperranlage?*Auf 760 Kilometern durchschneidet ein Bollwerk das*Heilige Land. Es*soll Attentäter abschrecken - doch Israel ignoriert mit dem Bau die Waffenstillstandslinie. Und verschärft damit den Nahost-Konflikt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778243,00.html
soll Attentäter nicht "abschrecken" -das dürfte bei zum Selbstmord entschiedenen Menschen kaum etwas bewirken- sondern Attentäter am Eindringen in das Land hindern. Und das tut sie auch, wenn man sich die Zahl der Attentate vor dem Bau und jetzt anschaut. Eine Frage an die Autorin: würde der Nahost-Konflikt entschärft werden, wenn wieder Bomben in israelischen Restaurants und Bussen hochgingen?
5. Gilo/Beit Jala oder Sperranlage
soylentyellow1 08.08.2011
Ich glaube die letzten Bilder der Fotostrecke (die bunt angemalte Betonmauer, das Bushäuschen und die Betonelemente auf dem Laster) sind NICHT Teil dieser Sperranlage sondern stammen aus Gilo, wo sie zu Anfang der zweiten Intifadah aufgebaut wurden da aus Beit Jala (Ortsteil von Bethlehem) nach Gilo (Siedlung/Ortsteil bei/von Jerusalem) hinübergeschossen wurde. Irgendwann wurde sie bemalt (stand auch in der Zeitung) da sie die tolle Sicht versperrte. Mit dem Ende der zweiten Intifadah wurde diese Mauer dann abgebaut, deshalb auch das Bild mit dem Laster ;) (stand auch in der Zeitung, deshalb wahrscheinlich die Bilder aus dem Archiv) @ Thema: Die Mauer verhindert natürlich auch dass man sich illegal auf einer Baustelle in Tel Aviv als Palästinenser etwas dazu verdienen kann, was wirtschaftlich auch negativ für die ausgesperrten ist.
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