Mauerfall im Gaza-Streifen Die Stunde der Geschäftemacher

Es herrscht Jahrmarktstimmung nach dem Mauerfall im Gaza-Streifen. Staubsauger, Reis, Zement, Hammel, Viagra - ägyptische Händler bieten alles an, was den Palästinensern daheim fehlt. Die radikal-islamische Hamas nutzt das Spektakel für ihre Zwecke.

Aus Rafah berichtet Ulrike Putz


Gaza - Für Tehani kam der Mauerfall drei Tage zu spät. "Wäre der Zaun doch nur schon am Wochenende gefallen, ich hätte meinen Cousin noch einmal lebend gesehen", sagt die 35-Jährige Palästinenserin seufzend. Doch der rostige Zaun, der sie von ihrem Cousin auf der ägyptischen Seite des Städtchens Rafah trennte, stand noch bis gestern Morgen, da war ihr Cousin schon unter der Erde.

Rückkehr in den Gaza-Streifen: Palästinenser haben sich in Ägypten mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern eingedeckt
AFP

Rückkehr in den Gaza-Streifen: Palästinenser haben sich in Ägypten mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern eingedeckt

Trotzdem ist für Tehani heute ein Festtag, da stören auch die schwarzen Trauerkleider nicht: Zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren sitzt sie beim ägyptischen Teil ihrer Familie auf dem Sofa.Mit zehn Verwandten hat sich Tehani ihren Weg über die Reste des Metallzauns, durch den Sand und durch das Menschengewimmel gesucht, um endlich ihre Cousinen und Tanten wiederzusehen. Ein Stockwerk über dem Gewusel auf dem Straßenmarkt sitzen sie nun zusammen, es wird geplaudert und gelacht, Neuigkeiten über Hochzeiten, Geburten und eben Todesfälle ausgetauscht. Tehani ist überglücklich. "Ich wohne nur ein paar Hundert Meter von hier auf der palästinensischen Seite, aber wir konnten uns nicht einmal zuwinken, weil diese dumme Mauer die Sicht versperrte."

Dass die Männer des weit verzweigten Gumbus-Clans nicht dabei sein können beim gemütlichen Beisammen sein, schmerzt die Frauen zwar. "Aber die müssen Geschäfte machen", sagt Tehani. Wer den spontan entstandenen Markt vor der Tür nicht nutze, um ein paar Schekel zu machen, sei selbst schuld. "So schnell kommt das nicht wieder, die Ägypter schauen sich das sicher nur ein paar Tage an."

Tag zwei nach dem Mauerfall von Gaza: Es herrscht Jahrmarktsstimmung an der Grenze. Die Menschen strahlen, sei es wegen lang erwarteter Familienzusammenführungen oder weil sie sich ihrem Konsumrausch hingeben können. Am Mittwochmorgen um drei Uhr früh sprengten Bewaffnete den acht Meter hohen Grenzzaun, der Gazas Südgrenze nach Ägypten absperrte. Es war, als habe jemand das Ventil des Dampfkochtopfs Gaza geöffnet: Bereits im Morgengrauen strömten Hunderttausende Palästinenser ins vorher unerreichbare Nachbarland, um zu kaufen, was ihnen daheim zum Leben fehlt.

Tomatenmark, Waschpulver, Viagra, Benzin

Der etwa 40 Kilometer lange und zwölf Kilometer breite Gazastreifen wird im Westen vom Mittelmeer, im Norden und Osten von Israel begrenzt. Israel lässt seit der Machtübernahme der Hamas im Juni nur noch das Nötigste an Waren in den Gazastreifen herüber. Seitdem die Hamas hier regiert, ist auch die Grenze zu Ägypten fast durchgehend geschlossen geblieben. In der vergangenen Woche verschärfte sich die Lage in dem abgeriegelten Landstrich, als Israel auf intensivierte Raketen-Angriffe mit einer vollständigen Blockade reagierte. Seitdem wurden Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff entweder knapp oder unerschwinglich teuer.

Darum also hat sich an der Grenze nach Ägypten jetzt eine nahöstliche Version dessen installiert, was man in Deutschland meist Polenmarkt nennt. Findige Ägypter bieten alles feil, was das Palästinenserherz jemals begehren könnte: Fahrräder, Staubsauger und Generatoren, Kartoffelchips, Reis und Tomatenmark, Waschpulver, Viagra und Benzin. Den orientalischen Touch bekommt das Treiben jedoch durch die Tiere: Herden von Hammeln wechseln den Besitzer, alte Mütterchen ziehen widerspenstige Ziegen hinter sich her heim nach Gaza, selbst Kamele werden über den flachgelegten Grenzzaun Richtung Norden getrieben. Was die Palästinenser mit Hilfe von Eselskarren abtransportieren, wird auf ägyptischer Seite per Lastwagen nachgeliefert. Stoßstange an Stoßstange stehen sie bis direkt an den Grenzzaun. Die Fahrer verkaufen den Zement, die Badezimmerkacheln und die Butan-Gasflaschen direkt von der Ladefläche herab.

Halsabschneider und Geschäftemacher

"Ich habe gestern zwei Säcke Zement für 20 Schekel das Stück gekauft", berichtet ein Vater, dessen Söhne gerade wieder zwei Säcke nach Hause tragen. "Heute wollen die Ägypter schon 80 Schekel!" Das seien Halsabschneider, die sich am Elend des palästinensischen Volkes bereichern wollten, schimpft er. Ein gutes Geschäft macht er trotzdem: "Ich werde die Säcke in Gaza für 100 Schekel das Stück weiterverkaufen."

Unternehmergeist beweist auch der Palästinenser, der sich mit seinem Sohn ein paar Meter weiter mit zwei Leitern an einem gesprengten Mauerstück postiert hat. Vor allem alte Frauen stehen Schlange, um bei ihm sicher das Hindernis zu überwinden. Hüben rauf, drüben runter, macht einen Schekel, die Vater oder Sohn mit ausgestreckter Hand in Empfang nehmen.

Einerseits die Geschäftemacher, andererseits die Touristen, die zum ersten Mal mit großen Augen ein fremdes Land betreten. Nicht, dass das ägyptische Rafah einen Deut anders aussieht als die palästinensische Seite: Die gleichen sandigen Straßen, die gleichen baufälligen Häuser. Trotzdem: "Ich war gestern hier und bin heute wieder gekommen", sagt Hamdi ehrfürchtig. "Ich fühle mich frei, ich spüre großes Glück." Nur einmal zuvor habe er den Gaza-Streifen verlassen dürfen, um in Schweden zu studieren, sagt der 30-jährige Anwalt: "Ich war ein Gefangener". Einkaufen ist für ihn heute Nebensache, ein Tütchen Milch und zwei Stücke Käse sind seine Souvenirs aus Ägypten.

An den engen Stellen des Grenzdurchgangs wogt die Masse hin und her, immer wieder heben ägyptische Polizisten aufgeregt ihre Schlagstöcke. "Rechts, wer nach Ägypten will, links, wer zurück nach Gaza geht", brüllt ein Offizier entnervt. Es macht die Sache nicht besser, dass Händler ihre Imbissstände mitten in die Menge geschoben haben. Ihre Liebesäpfel, Nüsse und Säfte finden reißenden Absatz. Einige Familien ziehen es angesichts des Tumults vor, in sicherer Entfernung mit Blick auf Ägypten zu picknicken.

Der Mauerfall als Test

Wer als Deutscher das Spektakel im Wüstensand betrachtet, kommt nicht umhin, sich an den Mauerfall vom 9. November erinnert zu fühlen. Zwar ist die Vorgeschichte der Grenzöffnung in Gaza, weiß Gott, völlig anders gelagert. Die Freude der wieder vereinten Familien und die Kauflust der lange Eingesperrten scheinen aber ähnlich groß. Und viele Bewohner Gazas haben in den Zeiten, in denen es wenig zu kaufen gab, gespart. "Ich habe 1000 Dollar dabei und werde versuchen, ein Motorrad zu kaufen", sagt ein junger Mann.

Dass die Hamas hinter der gewaltsamen Grenzöffnung steckt, streitet die radikalislamische Partei zwar ab. Doch dürfte es äußerst unwahrscheinlich sein, dass die Alleinherrscher in Gaza nicht Drahtzieher der Mauer- und Zaunsprengungen waren. Die gut sichtbaren, mit Schweißbrennern auf Kniehöhe in den Metallzaun gefrästen Sollbruchstellen, an denen der Zaun am Mittwoch abknickte, sind so alt, dass sie bereits Rost angesetzt haben: Der Durchbruch nach Ägypten ist von langer Hand vorbereitet worden, und in Gaza geht das nicht ohne die Hamas.

Der Mauerfall ist ein Versuch: Wird Ägypten es dulden, dass die radikalislamische Hamas mit diesem Mittel Tatsachen schafft? Israel erwägt, seine Grenzen zu Gaza komplett zu schließen, sollte der Weg nach Ägypten auf lange Sicht gangbar bleiben. Vorerst gibt sich die Hamas damit zufrieden, mit dem Coup an der Grenze Handlungsfähigkeit gezeigt und schwindende Sympathien unter den Palästinensern zurückgewonnen zu haben. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" ist ein Grundsatz, der der Hamas schon zu so manchem Sieg verholfen hat. Um sich die Loyalitäten im Zuge der Grenzöffnung weiter zu sichern, hat die Partei heute 16.000 Angestellten im öffentlichen Dienst ihre Löhne verfrüht ausgezahlt, 8500 Bauern erhielten Sonderzahlungen, um in Ägypten einkaufen zu können.

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