Mazedonien Eine Nation verliert ihren Namen

Wem gehört der Name Mazedonien? Uns!, sagt die einstige Teilrepublik Jugoslawiens, die seit 1991 so firmiert. Von wegen!, kontern die Griechen, die sich als Erben der antiken Makedonier sehen. Und Athen macht Druck - mit einem Veto gegen den Nato-Beitritt der Slawen.

Von Gerd Höhler, Athen


Athen - Wie keine andere außenpolitische Frage erregt der Namensstreit die Griechen. Er beherrscht Leitartikel, Fernseh-Talkshows und Kaffeehausdebatten, sorgt für Massenaufmärsche, Regierungskrisen und diplomatische Hektik. Jetzt hat er auch die Nato erreicht: Das Allianzmitglied Griechenland will der Aufnahme Mazedoniens nur zustimmen, wenn es seinen Namen ändert.

Griechen oder Mazedonier - wer sind die rechtmäßigen Nachkommen Alexander des Großen?
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Griechen oder Mazedonier - wer sind die rechtmäßigen Nachkommen Alexander des Großen?

Die Kontroverse überschattet den Nato-Gipfel in der kommenden Woche. Sie könnte die geplante Erweiterung der Allianz platzen lassen - und Mazedonien in eine schwere innenpolitische Krise stürzen.

Der Streit gehe zurück bis ins Altertum, meinen manche Griechen. Es gehe in letzter Konsequenz um die Frage: Wer sind die rechtmäßigen Nachkommen Alexanders des Großen - wer die Erben des Aristoteles? Lange schwelte der Konflikt, der für Außenstehende noch nie leicht zu verstehen war. Virulent zu werden begann er 1991, als sich die jugoslawische Teilrepublik von Belgrad lossagte und den Namen Republik Mazedonien annahm. In Athen sah und sieht man darin mögliche Gebietsansprüche der Nachbarn auf den zu Griechenland gehörenden Teil der Landschaft Mazedonien.

Nationalistische Kräfte in Skopje, wie die "Interne Mazedonische Revolutionäre Organisation" (IMRO), schürten die griechischen Ängste: Sie ließen das bereits nach dem Zweiten Weltkrieg von Tito und Stalin verfolgte Konzept eines kommunistisch kontrollierten Groß-Mazedoniens wieder aufleben. Auf den Landkarten, die von den mazedonischen Nationalisten verbreitet werden, ist ganz Nordgriechenland bis hinunter nach Thessalien einem künftigen Groß-Mazedonien einverleibt - einschließlich des Olymp, wo die alten Griechen ihre Götter wähnten.

Für ihre Ahnenreihe reklamieren die mazedonischen Nationalisten Alexander den Großen, nach dem der Flughafen der mazedonischen Hauptstadt Skopje benannt ist, ebenso wie den Philosophen Aristoteles – sie wurden posthum slawisiert. Zur künftigen Metropole ihres Großreichs haben sie die nordgriechische Hafenstadt Thessaloniki ausersehen – "Solun", wie sie es nennen. Besondere Brisanz haben diese expansionistischen Träume aus der Sicht der Griechen, weil es in Nordgriechenland eine mazedonischsprachige, slawische Minderheit von einigen zehntausend Menschen gibt.

In den Jahren 1992 bis 1995 erreichte der Konflikt seinen Höhepunkt: mit dem Schlachtruf "Mazedonien ist hier!" gingen im nordgriechischen Thessaloniki Hunderttausende Griechen auf die Straße. Der sozialistische Oppositionspolitiker Stelios Papathemelis sah in dem Staatsnamen "Republik Mazedonien" einen Kriegsgrund. Der Streit führte schließlich 1993 zum Sturz des konservativen Ministerpräsidenten Kostas Mitsotakis, der sich für eine kompromissbereite Haltung gegenüber den Nachbarn eingesetzt hatte. Der danach an die Macht zurückgekehrte Sozialist Andreas Papandreou versuchte, Mazedonien mit einem Wirtschaftsboykott in die Knie zu zwingen – und isolierte damit sein Land in der EU.

Das Embargo traf auch Tausende griechische Unternehmer, die in den Jahren zuvor jenseits der Grenze investiert hatten und dort gute Geschäfte machten - ungeachtet des Namensstreits. 1995 hoben die Griechen die Handelsblockade auf, und beide Länder schlossen unter Vermittlung der Uno ein Übergangsabkommen. Es sah vor, dass Mazedonien in internationalen Organisationen als "Frühere jugoslawische Republik Mazedonien" (Fyrom) firmiert.

Auf Verlangen Griechenlands änderte Mazedonien seine Verfassung und seine Landesflagge, um die griechischen Ängste vor einem Groß-Mazedonien auszuräumen. Im Gegenzug verpflichtete sich Athen, den Beitritt des Nachbarlandes unter dem Namen "Fyrom" zu internationalen Organisationen nicht zu behindern.

Davon aber will man nun in der griechischen Hauptstadt nichts mehr wissen: Vor einem Beitritt zur Nato sollen die Nachbarn, die in Griechenland meist nach ihrer Landeshauptstadt Skopje als "Skopianer" bezeichnet werden, für ihre internationalen Beziehungen und in ihren Reisepässen einen anderen Staatsnamen annehmen. Er darf zwar nach Auffassung der Athener Außenministerin Dora Bakogiannis das Wort "Mazedonien" beinhalten - soll aber durch einen Zusatz zum Ausdruck bringen, dass es sich dabei um eine geografische Bezeichnung handelt.



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