Flüchtlinge in Mazedonien In Idomeni zeigt sich Europas Versagen

Weinende Kinder, verzweifelte Eltern, Tränengas - an der griechisch-mazedonischen Grenze spielen sich dramatische Szenen ab. Auch die Polizisten sind erschöpft.

Aus Idomeni berichtet


Zuerst ein lauter Knall. Weißer Rauch umhüllt alles und jeden. Eltern packen ihre schreienden und hustenden Kinder. Sie wollen weg - weg vom Tränengas.

Idomeni an der Grenze zu Mazedonien. Das griechische Dorf ist zum Symbol geplatzter Träume geworden. Träume von einer Zukunft in Deutschland. Für die meisten Flüchtlinge, so scheint es, ist die Reise hier vorbei. Idomeni ist der Ort, an dem Europas beschämende Antwort auf die Krise für alle sichtbar wird.

Für 1500, vielleicht für 2000 Menschen war das Flüchtlingslager an der Grenze ausgelegt. Jetzt harren hier 8000 Hilfesuchende aus. Jeder Dritte ist ein Kind. Sie wollen weiter nach Mazedonien, weiter nach Norden. Doch die Grenze ist zu.

Gegen Mittag haben mehrere Hundert das Warten satt. Sie besetzen die Bahnschienen an der Grenze, sie gelangen bis zum Stacheldrahtzaun - Mazedoniens erste Verteidigungslinie. Dann drücken sie. Einige Flüchtlinge bewerfen Polizisten auf der anderen Seite mit Steinen, Beamte werden dabei verletzt. Als der Zaun fast eingerissen ist, antworten die mazedonischen Sicherheitskräfte mit Tränengas.

Die Menge zieht sich zurück. Wenig später sind viele aber wieder da. "Geht zurück, geht zurück", ruft ein griechischer Beamter. "Egal, was ihr tut, die Grenze wird geöffnet, wenn sich die Länder dazu entscheiden." Seine Worte verhallen. "Warum lassen sie uns nicht durch?", schreit ein Flüchtling zurück. "Wir wollen hier nicht bleiben. Sagt ihnen, dass wir nach Deutschland wollen."

Video: Die Polizei geht mit Tränengas gegen die Flüchtlinge vor

AP/dpa
Die Situation in Idomeni, in ganz Griechenland wird immer chaotischer. Täglich kommen nach wie vor Tausende auf den Inseln in der Ägäis an. Doch nur wenige Dutzend dürfen die mazedonische Grenze passieren.

Niemand wisse, wann die Grenze wieder geöffnet und wie viele Menschen dann durchgelassen werden, sagt ein griechischer Polizist. Etwa 50 Flüchtlinge warten seit Stunden in einem Zelt. Die meisten sind Familien, alle haben die erforderliche Staatsangehörigkeit: Sie sind Syrer und Iraker. Am Sonntag durften 300 Personen Griechenland Richtung Mazedonien verlassen. Ein Fortschritt, am Mittwoch noch war die Grenze komplett geschlossen geblieben. Doch bei Weitem nicht genug, um die Situation in Idomeni zu entspannen.

Der Polizist kann nicht mehr. Erschöpft sagt er: "Ich bin hier seit August. Nichts funktioniert wie es soll." Die Beamten sind die einzigen offiziellen Vertreter des griechischen Staats an der Grenze. Von der Regierung lässt sich niemand blicken, niemand koordiniert die Lage, niemand nimmt die Sache in die Hand.

Vor den Zelten von Ärzte ohne Grenzen bilden sich lange Schlangen: Es sind Mütter mit ihren kranken Kindern. Ein Bäcker verkauft belegte Brote und Croissants. Ein Euro das Stück - nur für die, die es sich leisten können. Abseits des offiziellen Lagers haben Flüchtlinge Hunderte eigene Zelte aufgestellt. Sie haben Feuer entfacht, um sich zu wärmen.

Auf mazedonischer Seite herrscht mehr Ordnung. Dafür sorgen tschechische Polizisten mit schwarzen Helmen und Kampfausrüstung. Auch Österreicher sollen darunter sein, heißt es. Wien streitet einen Einsatz direkt an der Grenze auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE später jedoch ab. Man helfe lediglich ein paar Hundert Meter weiter im Landesinneren bei der Registrierung. Die ausländischen Sicherheitskräfte, so ist vor Ort dagegen zu hören, sollen die Mazedonier bei der Kontrolle unterstützen. "Sie haben das Sagen, nicht wir oder die Mazedonier", sagt ein griechischer Beamter. "Sie bestimmen, wer passieren darf."

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Flüchtlingskrise: Drama an der Grenze

Die mazedonischen Polizisten sollen Anweisungen bekommen haben, keine Gewalt einzusetzen, sagt ein mazedonischer Beamter. Der Tränengaseinsatz sei bedauerlich, aber notwendig gewesen, um eine Eskalation zu verhindern.

Flüchtlinge aus dem Irak oder aus Syrien haben geringe Chancen, wenn sie nur das Dokument bei sich tragen, das ihnen die griechische Polizei bei der Registrierung auf einem der Hotspots auf den Inseln ausgehändigt hat. Diese Schreiben sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Um weiter nach Norden reisen zu dürfen, benötigen die Menschen Pässe oder Personalausweise.

Aber selbst dann gibt es Probleme: Zum Beispiel, wenn die Geburtsdaten auf den griechischen Dokumenten und den Reisepässen nicht übereinstimmen. Laut Polizei kommt das häufig vor. Dann geht es für die Hilfesuchenden nicht weiter. Die Menschen müssen dann neue Papiere holen - und zurück zu den Hotspots, zurück zu den Inseln. Der ganz normale Wahnsinn in Idomeni.

Die griechischen Behörden haben die Zahl der Neuankömmlinge in Idomeni stark begrenzt - aus Angst, die Situation könnte vollends außer Kontrolle geraten. Trotzdem gelangen immer noch Menschen an die Grenze. Die meisten waren im Lager in Thessaloniki, andere kommen aus der Stadt Kavala. Manche sind einfach zu Fuß unterwegs. 60 bis 90 Euro kostet die Fahrt mit dem Taxi. Für viele ist das zu viel.

Die Armee baut derweil neue Lager im Norden Griechenlands. 30.000 Flüchtlinge sind Schätzungen zufolge im Land. Im März könnten es 40.000 sein, glaubt die Regierung - wenn die Grenze nach Mazedonien geschlossen bleibt.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Übersetzung: Kevin Hagen

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