Mazedoniens Präsident Ivanov "Ich habe verstanden, dass wir Europa egal sind"

"Niemand will uns": Der mazedonische Präsident beklagt sich in einem Interview bitterlich über die EU. Deutschland habe sich in der Flüchtlingskrise human verhalten, beim Thema Sicherheit aber völlig versagt.

Zeltlager in Idomeni
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Zeltlager in Idomeni


Mazedonien fühlt sich von der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise im Stich gelassen. "Ich habe verstanden, dass wir Europa egal sind", sagte Präsident Gjorge Ivanov der "Bild"-Zeitung. Dabei bezahle sein Land in der Flüchtlingskrise jetzt "die Fehler der EU".

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Heft 10/2016
...offene Europa ab und riskieren unsere Zukunft

Als Nicht-EU-Land schütze Mazedonien Europa vor dem EU-Land Griechenland, das Flüchtlinge "einfach weitergeschickt" habe, sagte Ivanov. Doch während die Regierung in Athen "jetzt schon wieder 700 Millionen Euro von der EU" bekomme, gebe es für sein Land "keinen Cent". Mazedonien sei aus Sicht der EU "nichts, kein EU-Land, kein Schengen, keine Nato. Niemand will uns."

Die Türkei sitze wieder mit der EU am Verhandlungstisch, Mazedonien sei lediglich "Teil der Speisekarte". "Wir waren schon immer Opfer der EU-Institutionen. 25 Jahre lang sind wir angelogen und manipuliert worden."

Mazedonien ist seit 2005 EU-Beitrittskandidat. Am Mittwoch hatte das Land seine Grenzen für Flüchtlinge geschlossen - damit ist die Balkanroute faktisch dicht. Tausende Flüchtlinge harren an der mazedonisch-griechischen Grenze aus, zahlreiche von ihnen in Idomeni. Die Zustände in dem Zeltlager sind katastrophal (einen Bericht aus dem Grenzgebiet lesen Sie hier).

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Flüchtlinge: Aufnahmelager Idomeni versinkt im Schlamm
Präsident Ivanov sagte nun im Interview, Deutschland habe in der Flüchtlingskrise in der Frage der Humanität sehr gut gehandelt - aber beim Thema Sicherheit völlig versagt. So besitze sein Land Informationen über mutmaßliche Dschihadisten und habe diese Informationen mit Deutschland und Europa austauschen wollen. "Aber keiner wollte unsere Daten. Man hat uns gesagt, ihr seid ein Drittland, wir dürfen die Daten nicht austauschen."

Die Sicherheit sei in der Flüchtlingskrise völlig aus den Augen verloren worden, sagte Ivanov. "Wenn wir uns auf Brüssel verlassen und nicht selbst reagiert hätten, wären wir längst mit Dschihadisten überspült worden." So hätten mazedonische Behörden 9000 gefälschte Pässe und Dokumente bei Flüchtlingen sichergestellt.

"Sogenannte Flüchtlinge reisen mit falschen Identitäten durch ganz Europa, und Griechenland gibt ihnen einfach die Stempel zur Weiterreise." Dabei sei davon auszugehen, dass viele radikale Kämpfer mithilfe dieser Papiere auf der Flüchtlingsroute vorankommen wollten (mehr Hintergründe zur Frage, ob mit den Flüchtlingen auch Terroristen nach Europa ziehen, lesen Sie hier).

Auch technische Hilfe habe die Bundesregierung verweigert, sagte Ivanov der Zeitung. "Wir brauchten Ausrüstung für den biometrischen Datenabgleich, Deutschland hat immer alles abgelehnt."

Schon vor knapp zwei Wochen hatte Ivanov im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt, in Krisenzeiten funktioniere Europa eben nicht. Er wolle aber nicht, dass die Griechen die ganze Last allein schultern müssten. "Diese Krise wird eines Tages enden, aber wir werden für immer Nachbarn bleiben. Wir wollen diese Beziehung nicht opfern, weil EU-Institutionen nicht richtig funktionieren."

aar/Reuters



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