Mazedoniens Präsident Ivanov "Da spielen Trotz und Revolte mit"

"Man muss aufhören, uns immer neue Bedingungen zu stellen": Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Mazedoniens Präsident Gjorgje Ivanov über den Konflikt mit Griechenland, die Ehre seines Volkes und die Hoffnung, doch noch in der Nato aufgenommen zu werden.


SPIEGEL ONLINE: Seit mehr als einem Jahr blockiert Griechenland den Nato-Beitritt Mazedoniens wegen des Namensstreits und droht mittlerweile auch mit einem Veto zum EU-Beitritt. Die Regierung in Athen fürchtet, Mazedonien könnte territoriale Gebietsansprüche gegenüber Griechenland erheben, da in Nordgriechenland eine gleichnamige Region existiert. Woran scheitert ein Kompromiss?

Gjorgje Ivanov: Wenn der so einfach wäre, hätten wir ihn längst gefunden. Der Namensstreit mit unserem Nachbarn Griechenland dauert mittlerweile 14 Jahre, und er hat historische, geopolitische und natürlich psychologische Gründe. Als Mazedonien nach seiner Unabhängigkeit die Mitgliedschaft in der Uno unter dem Namen "Republik Mazedonien" beantragte, legte Griechenland ein Veto ein. Begründung: Dies gefährde die Sicherheit in der Region. Also zwang man uns den Namen "FYROM" (Former Yugoslav Republik of Macedonia) auf. Aber glaubt denn wirklich jemand, wir würden Griechenland angreifen und eine Vereinigung mit jenen Mazedoniern fordern, die seit 1913 in Griechenland leben?

SPIEGEL ONLINE: Ganz so absurd ist der Gedanke nun auch wieder nicht. Anfang der neunziger Jahre erhoben einige mazedonische Politiker ganz offiziell Gebietsansprüche gegenüber Teilen Nordgriechenlands. Auch Wahlplakate skizzierten eine "großmazedonische Landkarte".

Ivanov: Das waren Karten des ethnischen Mazedonien aus dem 19. Jahrhundert, als alle Mazedonier in einem Staat lebten. Die haben die Emigranten mitgebracht. Sie waren einst als Gegner der Kommunisten vertrieben worden und kehrten nach dem Fall des kommunistischen Regimes zurück.

SPIEGEL ONLINE: ... mit dem Traum eines Großmazedoniens ...

Ivanov: Natürlich - so wie Albaner von Großalbanien träumten oder Serben von Großserbien. Man kann diese Illusionen nicht über Nacht aus den Köpfen löschen. Viele Mazedonier, die aus Griechenland fliehen mussten, hatten ihr gesamtes Hab und Gut zurückgelassen. Jetzt versuchen sie, ihr Eigentum zurückzuerhalten. Auch das erzeugt Nervosität in Athen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es andererseits nicht logisch, dass Mazedonien die Mazedonier in Griechenland und auch in Bulgarien als eigene Minderheiten betrachten und mehr Rechte für diese einfordert?

Ivanov: Das verbietet uns - auf Druck Griechenlands - bereits die Verfassung. Aber Griechenland als Mitglied der EU muss akzeptieren, dass in Europa europäische Prinzipien einzuhalten sind - auch gegenüber seinen Minderheiten.

SPIEGEL ONLINE: Mazedonien sieht in dem größten Eroberer der Antike, Alexander dem Großen, einen Vorfahren seiner Nation. Griechenland ebenfalls. Ist der Ahnenstreit tatsächlich wichtiger als eine schnelle Mitgliedschaft in Nato und EU?

Ivanov: Es war nicht Mazedonien, sondern Griechenland, das die Antike bemühte, um seine Authentizität zu beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Herr Präsident, in Mazedonien herrscht doch ein wahrer Boom an Statuen, Straßen und Gebäuden, die den Namen "Alexander der Große" tragen, darunter sogar der Flughafen von Skopje. Diplomatisch war dies sicher nicht ...

Ivanov: Naja, da spielt schon etwas Trotz und Revolte mit. Die Bevölkerung auf dem Balkan ist temperamentvoll, in der Politik überwiegen die Emotionen. Aber wenn Sie diese Frustration und Depression erlebt hätten nach dem Nato-Gipfel im April 2008 in Bukarest, als wir uns bereits als sicheres Nato-Mitglied feierten - und dann die kalte Dusche. Wieviel Geld und Ressourcen haben wir investiert, um Nato-kompatibel zu sein? Wir haben alle Reformen erfüllt, unsere Menschen planten die Zukunft, ausländische Investitionen waren angekündigt. Und das Schlimmste: Bis heute fand es niemand von den Nato-Offiziellen nötig, mit uns darüber zu reden oder eine Lösung in Aussicht zu stellen. Man hat uns weiß Gott nicht fair behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange soll dieser Konflikt noch dauern? Gibt es einen Namen, der für Sie akzeptabel wäre?

Ivanov: Er darf die Ehre und das Selbstwertgefühl unseres Volkes nicht verletzen. Über 120 Staaten haben uns mittlerweile unter dem Namen Republik Mazedonien anerkannt. Griechenland will, dass wir diese Bezeichnung aufgeben und uns stattdessen Nord-, Ober- oder Slawo-Mazedonien nennen. Eine Vorschrift der Vereinten Nationen legt indes fest, dass dann auch der Name der Nation und Sprache jenem des Staatsnamens angepasst werden muss. Ich weiß nicht, wie die in Mazedonien lebenden Albaner reagieren würden, wenn sie plötzlich zu Slawo-Mazedoniern würden, die slawo-mazedonisch sprechen ...

SPIEGEL ONLINE: Und der Ausweg?

Ivanov: Wir verhandeln derzeit mit den Parteien in unserem Land über die Möglichkeit eines Referendums, da laut Verfassung unsere Bürger die Entscheidung über einen künftigen Namen akzeptieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile herrscht allerdings auch in Brüssel wenig Interesse an der Aufnahme neuer Mitglieder - teils wegen der Korruption von Neumitgliedern wie Bulgarien, aber auch wegen der weltweiten Wirtschaftskrise. Welchen Einfluss hat dies auf die Stabilität Mazedoniens?

Ivanov: Eine mehrjährige Verzögerung unserer Mitgliedschaft wäre höchst riskant. Wenn die Albaner in Mazedonien zum Beispiel realisieren, dass ihre Landsleute in Albanien einen höheren Lebensstandard haben, forciert dies erneut die Träume von Anschluss und Großstaaten. Der Balkan ist ein politisches Erdbebengebiet und mit seinen neu entstandenen Staaten und Minderheiten instabil. Nur Europa, die sogenannte Pax Europa, kann das Friedensprojekt für diese Region sein. Der EU fällt dabei die Rolle zu, den Balkan zu pazifizieren. Doch man muss aufhören, uns immer wieder neue Bedingungen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben bei den Europawahlen ja die Europa-Skeptiker gewonnen. Ist die EU überhaupt noch zukunftsträchtig? Serbien und Bulgarien sind nicht die einzigen, die laut über Alternativen nachdenken - unter anderem durch eine Annäherung an Moskau.

Ivanov: Wenn ein Zug auf einer Schiene steht, entscheidet die Schiene die Richtung. Wir haben uns für Nato und EU entschieden, und der überwiegende Teil unserer Bevölkerung steht auf dieser Schiene. Ich habe erst kürzlich mit dem EU-Beauftragten Javier Solana gesprochen. Er ist optimistisch, dass Mazedonien noch in diesem Jahr einen Termin für Beitrittsgespräche erhält.

SPIEGEL ONLINE: Wie will Mazedonien bis dahin die Wirtschaftskrise überwinden?

Ivanov: Pragmatisch. In Krisensituationen sind wir meist besser als in Zeiten wirtschaftlicher Stabilität. Unsere Bevölkerung hat reiche Erfahrung mit Krisen, Pyramidensystemen und Zinswucherern. Hier glaubt man nicht an Aktien, sondern an Cash. Natürlich fallen die Investitionen und Exporte - vor allem für die Zulieferer von Autoteilen - , aber gleichzeitig ist dies eine Chance für neue Ideen. Wir haben gesunde Nahrung, Wasser - und vor allem Sonne zur Gewinnung von Sonnenenergie. Auch die zurückkehrenden Gastarbeiter werden unser Bewusstsein verändern und uns zeigen, wie der Kapitalismus funktioniert. Dies wird ein Quantensprung in unserer Mentalität sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Prognose für die Zukunft?

Ivanov: Ich bin Optimist. US-Präsident Barack Obama sagte bereits klar, dass Mazedonien Natomitglied werden müsse. Auch der neue Generalsekretär der Nato wird kreativer sein - die Nato könnte sogar ihre eigene Entscheidung nochmal überprüfen und uns trotz griechischen Vetos in die Allianz aufnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Entwarnung auch im Konflikt mit Athen?

Ivanov: Für einen Tango braucht man zwei.

Das Interview führte Renate Flottau



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