McCains Vize-Kandidatin Pitbull mit Lippenstift

Eine Powerfrau wie aus dem Bilderbuch: Sarah Palin hat sich den Republikanern beim Parteitag als die potentielle US-Vizepräsidentin präsentiert. Die Baby-Affäre, die McCain gefährlich werden könnte, erwähnte sie mit keinem Wort.

Aus St. Paul berichtet


St. Paul - Drei Tage lang war sie das Top-Thema beim Parteitag der Republikaner. Drei Tage lang wurde sie mal kritisiert, mal verteidigt, ohne dass sie darauf reagierte. Drei Tage lang war sie das Phantom der Republikaner - stumm, meist unsichtbar, aber doch ständig anwesend. Dann endlich, am Ende dieses dritten Tages, tritt Sarah Palin auf die Bühne des Xcel Energy Centers in St. Paul, stellt sich offiziell als John McCains Vize-Kandidatin vor.

Palin, 44, wird von den rund 15.000 Republikanern im Saal mit minutenlangen Ovationen begrüßt - obwohl die meisten bisher kaum mehr über sie wissen als das, was in der Zeitung steht. Das zu ändern, ist ihr Anspruch. Sie tritt furchtlos auf, adrett und bissig, trägt ihre geschliffene Rede perfekt vor und erfüllt zugleich alle bei diesem Publikum so beliebten Klischees von "Middle America": "Ich bin nur eine von vielen Müttern", sagt sie, als sie sich und ihre Familie vorstellt, die komplett in der ersten Reihe sitzt, geschniegelt und gestriegelt wie die Waltons. Ihr Mann, die Kinder, die schwangere, minderjährige Tochter, das behinderte Baby - Palin schmückt sich mit der Familie und erklärt sie zugleich für tabu. Die Schwangerschaft der 17-jährigen Bristol erwähnt sie mit keinem Wort.

Sarah Palin symbolisiert jene "small town values", die in St. Paul bei jeder Rede beschworen wurden, weil die meisten Strategen das für wahlentscheidend erachten. Ihre Biografie ist das Kondensat dieser Werte. "Palin ist die Verkörperung dessen, was ihre Partei haben will", resigniert Watergate-Urgestein Carl Bernstein.

Diese kleine tapfere Frau ist eine einfache Amerikanerin, zählt nicht zur Elite - das ist die Botschaft, darauf setzt sie in ihrer Rede: "Ich hatte das Privileg, den Großteil meines Lebens in einer Kleinstadt zu leben", sagt Palin und rasselt eine Reihe Attribute herunter, die sich Amerikas Kitschmaler Norman Rockwell kaum besser hätte ausdenken können:

  • "Hockeymutter" mit fünf Kindern (Jubel)
  • ein Sohn dient in der Armee (Jubel)
  • und ab nächster Woche im Irak (Jubel)
  • den kernigen Schulfreund geheiratet (Jubel)
  • der Gatte "ein stolzes Mitglied der Stahlarbeitergewerkschaft" - und "Weltmeister im Snowmobilrennen" (Jubel).

Sie springen auf, brüllen "USA! USA!", winken mit "handgemalten" Schildern, die ihnen die Parteitagsregie en masse in die Hand gedrückt hat. "Palin Power" steht darauf und: "Hockey Moms 4 Palin." Die Riesenleinwand hinter ihr zeigt einen Sonnenuntergang. Kaum einer bekommt mit, dass oben eine Dissidentin mit Protestplakat flugs von Sicherheitsbeamten aus dem Saal entfernt wird. Die kollektive Euphorie duldet keinen Widerspruch.

Palin sagt, was die Republikaner hören wollen. Doch ihre Rede ist - bei allem Biss, allen begrölten Seitenhieben gegen Barack Obama - kaum mehr als eine Ansammlung von Stereotypen und sicheren Applauszeilen. Das stört die meisten nicht weiter. Leute wie sie, ruft Palin, "lieben ihr Land, in guten und schlechten Zeiten, und sie sind immer stolz auf Amerika". Jeder weiß, gegen wen das gerichtet ist: die Obamas.

Inhaltlich liefert Palin wenig - ein Vorwurf, den sie ihrerseits Obama macht. Nichts Konkretes über ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen. Nichts Konkretes über ihre außenpolitischen Ansichten. Nichts Konkretes über die Kreditkrise, die Konjunkturflaute, das Immobiliendesaster.

Ihr Auftritt macht zwei Dinge klar: Die Republikaner setzen auf Tonalität statt Themen. Und: Sarah Palin ist keine Hillary Clinton. Die Demokratin beherrscht die verbalen Attacken - doch sie bleibt dabei konkret. Palin beschränkt sich darauf, die andere Seite anzugreifen und alte Wunden zwischen Republikanern und Demokraten aufzureißen - ganz nach Gusto des früheren Präsidentenberaters Karl Rove, der jetzt in McCains Diensten steht. "Was ist der Unterschied zwischen einer Hockeymutter und einem Pitbull?", kalauert sie. "Lippenstift!"

Das kommt an in den Wechselwählerstaaten. Michigan. Ohio. Pennsylvania. West Virginia. Hier wollen, müssen die Republikaner gewinnen.

Palins Auftritt wurde den ganzen Tag vorbereitet, mit jener telegen-effektvollen, minutiös kontrollierten Polit-Dramaturgie, die die Republikaner so gut beherrschen. Das begann schon am Vormittag, als McCain auf dem Flughafen in Minneapolis eintraf: Zur Begrüßung hatte sich seine Familie versammelt - und auch die Familie Palin. Mit Zuwachs: Levi Johnston, der Freund von Palins 17-jähriger Tochter Bristol, Vater ihres Babys und ihr künftiger Gatte. Johnston, 18, ein High-School-Hockeyspieler, war dazu eigens aus Alaska eingeflogen worden. McCain umarmt das Paar, griff den jungen Mann an den Händen - und wischte damit das Palinsche Familiendrama beiseite.

Nach Palins Rede erscheint McCain selbst "überraschend" auf der Bühne - ein Clou, den er von Obama übernommen hat. "Glaubt ihr nicht, dass wir die richtige Wahl getroffen haben?", ruft er. "Und was für eine schöne Familie!" Siegessicher skandieren sie: "Sarah! Sarah!"

Nur einer scheint sich bei all dem einen Schuss Realitätssinn zu bewahren: Bob Dole, der gescheiterte Präsidentschaftskandidat von 1996. Dole weiß eben, wie flüchtig solcher Parteitagsjubel sein kann. "Wir mühen uns", grollt er. "Kein gutes Jahr für Republikaner."

Palins politische Positionen
Umwelt
Palin hat in mehreren Interviews klargemacht, dass sie die Erderwärmung nicht als Folge menschlichen Handelns ansieht. Palin befürwortet Ölbohrungen in geschützten Naturgebieten in den arktischen Regionen ihres Heimatstaats Alaska. Unter ihrer Führung hat die dortige Landesregierung Klage gegen den Beschluss der Regierung in Washington eingereicht, den Eisbären auf die Liste der bedrohten Tierarten zu setzen.
Wirtschaft
Palin beschreibt sich selbst als finanzpolitisch konservative Republikanerin und überzeugte Befürworterin der freien Marktwirtschaft. In einer Wahlkampfbroschüre von 2006 schrieb sie: "Die freie Marktwirtschaft ermöglicht allen Beteiligten den Wettbewerb und stellt dadurch sicher, dass die besten und effizientesten Projekte umgesetzt werden. Sie sichert einen fairen und demokratischen Prozess." Als Gouverneurin von Alaska hat sie sich durch strenge Sparpolitik profiliert.
Abtreibung
Palin tritt für ein weitreichendes Verbot der Abtreibung ein. Sie will sie nur dann zulassen, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. In ihrem Gouverneurswahlkampf 2006 sagte sie: "Egal, welche Fehler wir als Gesellschaft machen: Wir können es nicht zulassen, das Leben Unschuldiger zu beenden." Ihr im April geborenes fünftes Kind, das an dem Down-Syndrom leidet, bezeichnete sie als "Geschenk Gottes". Obwohl sie die Diagnose schon während der Schwangerschaft kannte, dachte sie nach eigenen Angaben nie an einen Abbruch.
Bildung
Palin hat sich mehrfach klar gegen Sexualkundeunterricht in Schulen ausgesprochen. Sie befürwortet stattdessen Aufrufe zur Enthaltsamkeit bis zur Ehe. Zudem will sie, dass neben der Evolutionstheorie an Schulen gleichwertig die biblische Schöpfungsgeschichte unterrichtet wird. "Man muss beides lehren", sagte sie in einem Zeitungsinterview. "Eine gesunde Debatte ist wichtig und wertvoll in unseren Schulen."
Waffen
Palin tritt gegen Beschränkungen des Rechts auf Waffenbesitz ein und ist Mitglied der einflussreichen konservativen Waffenlobby NRA. Sie selbst ist Jägerin. In einem Interview mit "USA Today" berichtete sie 2006, ihre Tiefkühltruhe sei "voll mit Wildfleisch, das wir hier in Alaska geschossen haben". Palin begrüßte das Urteil des Obersten Gerichts zum Waffenbesitz: Die Richter hoben darin das seit 32 Jahren gültige, weitreichende Verbot von Feuerwaffen in der Stadt Washington D. C. als verfassungswidrig auf.

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