Berlusconi-Prozess mit Hindernissen: "Mit einer Verurteilung machen sie mich zum Märtyrer"

Aus Rom berichtet

Silvio Belusconi: Hat ein reines Gewissen, kann aber nachts nicht schlafen Zur Großansicht
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Silvio Belusconi: Hat ein reines Gewissen, kann aber nachts nicht schlafen

Experten sind ratlos, ein Richter nickt ein, Berlusconis Anwalt verteilt Handküsse. Das Land hält den Atem an, das Oberste Gericht in Rom entscheidet über die Zukunft des Skandalpolitikers - und lässt sich reichlich Zeit. Geboten wird italienisches Theater.

Was wird mit Berlusconi passieren? Sein Anwalt, hager, zwei Meter groß und Senator in Berlusconis Partei, beugt sich hinab. Ein Handkuss für die Fragestellerin, Gerichtsreporterin der "Repubblica", und einen zweiten für die Kollegin des Kommunistenblatts "Unità". Dann sagt Niccolò Ghedini: "Es kann alles passieren."

Der große Prozess gegen Silvio Berlusconi, Tag zwei. Italiens Ex-Premier droht erstmals eine rechtskräftige Verurteilung, womöglich gar das Karriereende als Politiker. Das Kassationsgericht muss über eine Haftstrafe (vier Jahre) und ein Ämterverbot (fünf Jahre) entscheiden - macht es aber bislang nicht. Dienstag sollte das Urteil fallen, dann am Mittwoch. Am Nachmittag wird klar, dass es frühestens am Donnerstag dazu kommt.

Es geht um Steuerhinterziehung, schwarze Kassen bei seiner Firma Mediaset in den Jahren 2002 und 2003. Die Frage ist: Ordnete Berlusconi das direkt an? Die Verteidigung sieht dafür, anders als die Anklage und die Richter der ersten zwei Instanzen, keine Beweise. Das Verfahren läuft seit sieben Jahren. Und auch in Rom machen die fünf Richter mit dem "Cavaliere" langen Prozess.

Reporter und Anwälte drängen sich in den Saal Brancaccio (Marmorsäulen, Holz, schwere Luft) im zweiten Stock des Justizpalasts am Tiber. Carabinieri wachen darüber, dass die Telefone und iPads aus bleiben. Die Zuschauer schleichen raus auf die majestätischen Flure, um ins iPhone zu sagen: "Wir sind noch nicht weiter." Es gibt Mineralwasser für 30 Cent, aber kein Essen.

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Oder?

Drinnen im Saal Brancaccio ist der große Prozess nur der Fall Nummer acht. Vorher ging es um einen Sorgerechtsstreit. Jetzt der Mediaset-Prozess mit Reizfigur Berlusconi. Vor dem Gesetz sind alle gleich, es soll ablaufen wie immer. Die Leidenschaften müssen draußen bleiben, sagt der Staatsanwalt in seinem fünfstündigen Plädoyer.

Richtig so. Nur dass die Leidenschaften draußen keine Geduld mit der Hängepartie drinnen haben. Was wird aus Italiens wichtigstem Politiker? Bricht die Regierung auseinander? Blitzmeldung: Die Mediaset-Aktien steigen. Premier Enrico Letta betont, das Urteil werde kein Erdbeben auslösen, Ex-Premier Romano Prodi mahnt, Italien verliere den Gerechtigkeitssinn. Und Berlusconi lässt in der Titelgeschichte der treu ergebenen Zeitung "Libero" ausrichten: "Wenn sie mich verurteilen, werde ich der heilige Märtyrer des italienischen Unrechtsstats."

Die Hauptfigur spricht in diesem Theaterstück nur aus dem Off. Berlusconi sitzt seit Montagabend in seinem Palazzo Grazioli, an der Seite einen alten Vertrauten. Er habe ein reines Gewissen, und er könne seit einem Monat nicht schlafen. Sagt er in ein und demselben Gespräch ebenfalls mit "Libero". Mittwochabend sollen Sohn Pier Silvio und Tochter Marina kommen.

Berlusconi-Anwälte reichen 50 Einwände ein, sieben Verteidiger reden

Freispruch, Bestätigung, oder der Fall wandert zurück an eine tiefere Instanz, das sind die Möglichkeiten. Im Publikum sitzt der Anwalt Pietro Osnato. Er sei sich sicher, der Fall breche zusammen. Überhaupt macht er überall Feinde Berlusconis aus, in den Gerichten, im Parlament, in den Medien natürlich. Zeit für Gerechtigkeit, sagt Osnato.

Dabei haben die Experten bereits aufgegeben, über das Urteil an sich zu spekulieren. Sie debattieren nur noch, wann es kommen wird. Die Fraktion, die das Urteil am Mittwoch erwartete, ist schnell zusammengeschmolzen.

Da ist Maurizio Martinelli, Moderator bei der Rai, der sich seit 15 Jahren mit der Justiz beschäftigt. Man könne keine Vorhersagen machen, sagt er. Dann zieht er einen Zettel aus der Tasche - einen Anhaltspunkt gibt es doch: Englische Buchmacher zahlen eine Quote 1,25 für einen Freispruch, liest er vor, aber 2,95 für die Verurteilung. Am Mittwochnachmittag drehen dann die Quoten. Für eine Verurteilung gibt es nur noch das 1,36-fache.

50 Einwände haben die Berlusconi-Anwälte eingereicht, sieben Verteidiger reden. Von Ghedini, dem Stammanwalt des "Cavaliere", heißt es, er wolle dreieinhalb Stunden sprechen. Am liebsten vormittags, wenn die Richter wach seien. Beim Plädoyer der Anklage fielen einem schon kurz die Augen zu.

Nun muss er doch noch am Mittwoch ran. Ghedini und sein Kollege, Staranwalt Franco Coppi, fordern am Mittwochabend den kompletten Freispruch - es gebe keine Beweise für Berlusconis Täterschaft. Ghedini macht es lebhaft und kurz, keine zwei Stunden dauert sein Plädoyer.

Der vorsitzende Richter sagte zuvor, man wolle nun die Zügel anziehen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Irgendwann . . .
dr.joe.66 31.07.2013
. . . wird er genauso sterben wie jeder von uns. Er wird weder Geld mitnehmen noch Macht noch 17-jährige Mädels. Was ein armseliges Leben führt dieser Mann. Ich bin mir sogar sicher, dass er das weiß.
2. Bananen-Republik ...
Bavarius 31.07.2013
... Italien !!!
3. theater
p.donhauser 31.07.2013
wen intressiert berlusconi
4. Berlusconi > der Spiegel unserer Gesellschaft
tyroleanScrat 31.07.2013
Warum regen sich soviele über Berlusconi auf? Er zeigt uns doch wie diese monetäre Gesellschaft funktioniert; er hält uns den Spiegel vor! Jeder der mit Macht, mit Kontakten bis in höchste Politikerkreise ausgestattet ist und den nötigen Zaster hat, kann sich im Grunde alles erlauben. Solche Personen werden immer mit schlüpfrigen Tusserln fette Parties feiern & Champagner statt Wasser trinken. Sie werden sich auch nie vor der weltlichen Gerichtsbarkeit vorführen lassen müssen, denn sie werden sich die besten Winkeladvokaten leisten können, die alles rhetorisch zerpflücken, und notfalls politisch die Weichen stellen, wie immer sie es brauchen! So etwas ist nur möglich weil es im Hintergrund geldgeile Leute gibt, die einem die Stange halten, und selbst dabei gehörig profitieren. Rechtsanwälte, Banker, korumbierbare Politiker, bestechliche Richter & mächtige Wirtschaftsbosse bilden ja die Grundlage für derlei Personen. Alles eine schrecklich nette Familie der gesetzlosen Selbstbereicherer!
5.
Questionator 31.07.2013
Zitat von tyroleanScratweil es im Hintergrund geldgeile Leute gibt, die einem die Stange halten...
Das meinen Sie aber jetzt nicht so, oder :-D?
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Urteil gegen Berlusconi: Entscheidung mit politischer Sprengkraft

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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