Reaktionen auf Obamas Rede: "Er hat's vermasselt"

Barack Obama hat seine Parteitagsrede in Charlotte souverän, aber nicht brillant gehalten. Das Medienecho in den USA fällt überwiegend kühl aus: Die Reaktionen reichen von "solide" über "nüchtern" bis "enttäuschend". Die große Euphorie ist vorbei.

US-Wahlkampf 2012: Die Stunde Barack Obamas Fotos
AFP

Charlotte/Washington - Der amerikanische Präsident Barack Obama hat seine Anhänger auf dem Parteitag der US-Demokraten in Charlotte um mehr Zeit zur Lösung der Wirtschaftskrise gebeten. Es werde länger "als einige wenige Jahre dauern", um die schlechte Wirtschaftslage zu verbessern, sagte er. In den vier Jahren im Weißen Haus habe er nicht alle seine Ziele erreicht. Doch die Probleme könnten gelöst werden.

Überzeugend finden das die Kommentatoren der US-Medien nicht. Lesen Sie hier einige Meinungen:

Chris Cillizza schreibt in der "Washington Post" zur Ansprache des US-Präsidenten:

"Kurz gesagt: Es war nicht die Art von historisch denkwürdiger Rede, die der ehemalige US-Präsident Bill Clinton am Mittwochabend ablieferte. Aber Obamas Rede wird auch nicht als kolossaler Flop in Erinnerung bleiben. Wenn wir eine Kategorie zwischen Sieg und Niederlage hätten (...), dann würde Obamas Rede in diese fallen."

Sein Kollege Matt Miller lobt in der "Washington Post" die großen politischen Projekte Obamas, macht aber auch ein Gefühl der Ernüchterung aus:

"Obamas Rede lässt mich leicht depressiv zurück. 1992 schrieb Paul Krugman das Buch 'Das Zeitalter der kleinen Erwartungen'. An dieses Gefühl habe ich mich erinnert, als Obama seine politischen Ziele für die nächsten vier Jahre skizzierte."

Jonathan Bernstein kommentiert ebenfalls in der "Washington Post", er meint:

"Barack Obamas Rede heute Abend war eine gute - aber keine große, und wenn man bedenkt, dass diese Reden einfach zu halten sind, ist die von Obama eine sehr solide Leistung."

Auf der Webseite "The Daily Beast" titelt Howard Kurtz "Vier Jahre später - Obama nüchtert aus":

"Präsident Obama (...) ersetzte sein Hope-und-Change-Mantra durch eine eher nüchterne Aufforderung für einen 'härteren' Weg zu wirtschaftlichem Wohlstand. (...) Es war nicht Obamas größte Rede, auch nicht seine leidenschaftlichste. Es war vielmehr eine erwachsene Rede, eine substantielle - eine, die die hohen Töne traf, aber nie in die Höhe schnellte. Was auch immer die spätere Euphorie erzeugen wird, könnte schon bald verblassen, wenn die Wähler wieder mit der Wirklichkeit einer instabilen Wirtschaft und neuen Arbeitslosenzahlen (...) konfrontiert werden.

Sein Kollege Michael Tomasky geht bei "The Daily Beast" noch härter mit dem Präsidenten ins Gericht, er ist enttäuscht von Obamas Ansprache - seine Überschrift lautet "Er hat's vermasselt" :

"Lassen Sie uns ehrlich sein. Barack Obama hat eine glanzlose und langweilige Rede heute Abend gehalten - nicht eine interessante Lehre, politische Linie oder Redewendung."

Die "New York Times" vergleicht Obamas Ansprache mit der von Ex-Präsident Bill Clinton:

"Mittwochnacht kämpfte Clinton gegen die Republikaner bei den Themen Medicaid und Medicare - zwei Bereiche, in denen die Obama-Kampagne es nicht vermochte, Zugkraft zu gewinnen. Clinton argumentierte für die Gesundheitsreform, eine finanzielle Re-Regulierung und eine gerechte Besteuerung - und tat dies alles, während er die Menge anfeuerte. Obama schaffte diese Bravourleistung am Donnerstag nicht. Aber er stellte sich in Charlotte den Aufgaben, die auf ihn warten."

Der britische "Telegraph" schreibt zur Rede des US-Präsidenten:

"Ein trauriger, weiser Obama hat sich an seine Fußsoldaten gewandt. Als schlachterprobter Kommandant trägt er die Narben aus vier Jahren politischer Kriegsführung. Die Unschuld vergangener Jahre ist der Erfahrung gewichen, in vier Jahre die Probleme der USA nicht lösen zu können. Für einen Präsidenten, der sonst rhetorische Höhen erklimmt, war es eine bemerkenswert bodenständige Rede."

heb/jok/pad

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1. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 07.09.2012
Zitat von sysop"Er hat's vermasselt"
Wenn er es vermasselt hat, dann in den zurückliegenden 4 Jahren. Es ist aber schon bezeichnend, dass das Reden schwingen scheinbar die zentrale Kompetenz eines Politikers sein soll. Da muss man sich dann nicht wundern, dass es dort von eitlen Schwätzern wimmelt.
2. Wenn es jemand vermasselt hat...
sitcom 07.09.2012
das sind das die Republikaner in den 8 Jahren Bush Regierung... der Schaden der dort angerichtet wurde ist so enorm das NIEMAND ihn in 4 Jahre korrigieren kann...
3. Obama...
Michael Reichardt 07.09.2012
...ist sicherlich selber desillusioniert. Nach acht katastophalen Bush-Jahren und vier Jahren eigener Amtszeit, die von Dauerblokaden der Republikaner geprägt waren muss auch Obama erkennen, dass er nichts Gutes tun kann, wenn es dem bösen Republikaner nicht gefällt...
4. An
infernoxx 07.09.2012
"Es ist aber schon bezeichnend, dass das Reden schwingen scheinbar die zentrale Kompetenz eines Politikers sein soll." Da stimme ich Ihnen vollauf zu. Bei manchen Politikern ist sogar die einzige und überdies sogar sehr gering ausgeprägte Kompetenz, wie Gabriel, Trittin, Roth etc uns ja täglich beweisen.
5. Ja die komplette Politelite
na,na,na 07.09.2012
sei es hier bei uns oder in der ganzen Welt sind nicht anderes als protagnistische Schwätzer ohne Wissens- und Können-Background.
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Twitter zur Präsidentschaftswahl


US-Wahl
Wahl des Präsidenten
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
Parteien und Swing States
In den USA hat sich, durch das einfache Mehrheitswahlrecht begünstigt, ein Zweiparteiensystem gebildet: Praktisch spielen nur die demokratische und die republikanische Partei eine Rolle. Da in vielen Bundesstaaten die Mehrzahl der Wähler traditionell einer der beiden Parteien zugetan sind, steht in diesen Staaten praktisch fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden.
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Wahlmänner
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt von Wahlmännern ("electors"). Ein Wahlmann ist ein Bürger, den die Einwohner eines US-Bundesstaates gewählt haben, damit er oder sie in einem landesweiten Gremium in ihrem Namen seine Stimme für den Präsidenten und den Vizepräsidenten abgibt. Die Wahlmänner werden von ihrer jeweiligen Partei in einem Auswahlprozess aufgestellt, der von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden ist. Normalerweise nominieren die Parteien sie auf einem Parteitag im jeweiligen Bundesstaat, oder der Zentralausschuss ("central committee") der Partei stellt sie auf.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Wahlmännergremium
Das Electoral College ist ein Kollegium von insgesamt 538 Vertretern der einzelnen US-Bundesstaaten, das den US-Präsidenten und seinen Vize wählt - denn Amerikas Bürger entscheiden nicht direkt darüber, wer sie regiert, sondern nur über die Zusammensetzung des Gremiums, das den Präsidenten wählt.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
"Winner takes all"
In 48 US-Bundesstaaten gilt bei den Präsidentschaftswahlen das Mehrheitswahlrecht: Alle Wahlmännerstimmen eines Staates werden komplett dem Präsidentschaftskandidaten zugeordnet, der in diesem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erhalten hat - "Der Sieger bekommt alles" ("The winner takes it all"). Der in diesem Staat unterlegene Präsidentschaftskandidat geht leer aus, ganz gleich wie viele Stimmen der Bürger er auf sich vereinigen konnte - diese Stimmen entfallen.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.