Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Medienbetreuung der Hisbollah: Lasst Bilder sprechen

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz

Sonderlich zuvorkommend ist die Hisbollah gegenüber der ausländischen Presse nicht. Statt aktive Pressearbeit zu machen, hält sich die Miliz an ein einfaches und hochwirksames Prinzip: Lasst Bilder sprechen.

Beirut - Die Szenerie ist grotesk. Mehr als zwei Dutzend Journalisten stehen mitten in einer Trümmerlandschaft um einen Pressesprecher der radikal-islamischen Hisbollah geschart. Kameramänner drehen ein paar letzte Bilder von zerbombten Wohngebäuden, Fernsehreporter tragen für ihre Aufsager Splitterschutzwesten, weil die den Zuschauern ein Gefühl von Gefahr vermitteln. Eine skandinavische Kollegin ist barfuß in modischen Flip-Flops erschienen, um durch diese Straßen zu laufen, in denen die Scherben und Trümmer manchmal meterhoch liegen.

Im zerstörten Beiruter Süden: Ein Libanese mit einem Poster des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah
AFP

Im zerstörten Beiruter Süden: Ein Libanese mit einem Poster des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah

Wir sind am Ende eines von der Hisbollah veranstalteten Rundgangs durch den fast vollends zerstörten Südbeiruter Stadtteil Harek Hreik angelangt und stehen wieder an der zertrümmerten Autobahn-Brücke, die den Stadtteil in zwei Hälften schneidet. Hussein Nabulsi, einer der Pressesprecher der Hisbollah, kündigt an, man werde sich am nächsten Tag zur selben Zeit am selben Ort treffen. "Ich würde die Vertreter von CNN bitten, morgen pünktlich zu sein", sagt er. "Sie sind schon die letzten drei Male zu spät gekommen."

Auch wenn sich nach knapp zwei Wochen Krieg eine gewisse Routine eingespielt hat - dass die Hisbollah gegenüber den ausländischen Medien, die mit Dutzenden Reportern in Beirut vertreten sind, aktive Pressearbeit macht, kann man nicht behaupten. Es ist kein rechtes System hinter der Öffentlichkeitsarbeit der Miliz zu erkennen: Während einige Kamerateams, die auf eigene Faust in der südlichen Vorstadt Dahiye filmen, wollten, unter Druck gesetzt wurden, das Viertel sofort wieder zu verlassen und von Männern auf Motorscootern nach Norden geleitet wurden, konnten sich andere Kollegen so frei bewegen, wie man es in einem völlig zerstörten Stadtteil erwarten kann. An manchen Kreuzungen wird die vom libanesischen Innenministerium ausgestellte Akkreditierung für Journalisten genauestens untersucht, andere Männer, die einen nach dem Wohin fragen, winken ab, sobald Papiere vorgezeigt werden.

in Klassiker aus dem Propaganda-ABC

Zwar wurden in den vergangenen Tagen immer wieder Reporter durch die Dahiye geführt, doch machten die Touren einen eher improvisierten Eindruck. Auch aus dem Süden sieht man keine Bilder von Hisbollah-Kämpfern oder Stellungen: Statt dessen ohne Ende Bilder des Schreckens, der über die Zivilbevölkerung gekommen ist. Die Fotos, die morgens auf den Titelseiten der arabischen Zeitungen jedem Passanten entgegenschreien, sind so knallhart und grausam, dass sie keiner weiteren Erläuterung benötigen. Lasst diese Bilder sprechen, lasst die Flüchtlinge erzählen, das dürfte das Kalkül der Hisbollah sein.

Natürlich ist es eigenartig, dass in diesem Konflikt die eine Seite nahezu unsichtbar bleibt, während die andere über ihren lange Jahre aufgebauten Public-Relation-Apparat Journalisten mit printfertigen Häppchen versorgt. Für die Zurückhaltung der Hisbollah gibt es Gründe: Dass ihre Männer Reporter nicht allein in der Dahiye herumziehen lassen wollen, liegt vermutlich daran, dass die Miliz in ihrer Hochburg einiges zu verbergen hat, seien es Milizionäre oder Stellungen. Gerade die Angst vor Informanten treibt die Hisbollah um: Es wird als sicher angenommen, dass der Boden der südlichen Vororte von Tunnelsystemen und Bunkern durchzogen ist, in denen die Hisbollah Schutz sucht. Gerüchte, dass Spione diese potentiellen Ziele durch Laser oder Peilsender für die israelische Luftwaffe markieren, werden als Tatsachen angenommen. 140 angebliche Spione soll die Hisbollah bislang festgenommen haben.

Bevor Hussein Nabulsi die Reportertruppe für heute entlässt, wird den Fernsehleuten für ihre Kameras dann doch noch ein Klassiker aus dem Propaganda-ABC geboten. Ein bunt bemalter Lastwagen fährt vorbei, Durchhalteparolen und antiisraelische Lieder dröhnen aus den Lautsprechern. Außer uns Reportern hört sie niemand: In diesen Straßen leben keine Menschen mehr.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Krieg im Libanon: Zerstörung, Trauer und Verzweiflung

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: