Medienbetreuung in Israel All-inclusive-Paket für Kriegsberichterstatter

Propaganda gehört zu einem Krieg wie Bomben und Soldaten. Wie professionell Israel ausländische Journalisten umsorgt, ist trotzdem beachtlich. Viele lassen sich auf die umfassend betreute Berichterstattung ein.

Aus Israel berichtet


Der Anruf kommt pünktlich, morgens neun Uhr. "Hallo, hier ist das Government Press Office", flötet eine weibliche Stimme, "was haben Sie heute vor, brauchen sie noch eine Idee"? Danach sprudelt es: Gesprächspartner, eine Tour zu den von Raketen getroffenen Häusern Haifas - inklusive, mit Opfern zu sprechen. Ebenso kommt ein Experte mit, der die Raketen erklärt - "gern auch im O-Ton".

Das Angebot ist noch nicht ausgeschöpft. "Das Highlight kommt noch", so die Dame vom Pressebüro der israelischen Regierung, kurz GPO. "Wir haben in Naharya ein Gespräch mit den Eltern eines entführten Soldaten", sagt sie. Die Eltern von Ehud Goldwasser, seit dem 12. Juli in der Hand der Hisbollah, stünden in einem Hotel bereit. Ein Dolmetscher? Nicht nötig. "Sie sprechen gutes Englisch, keine Sorge".

Es kommen viele Journalisten, die meisten per GPO-Bus. Um die 15 Kamerateams, meist kleiner Sender aus Polen und den Ex-Sowjetstaaten haben sich aufgebaut. 20 Radiojournalisten und schreibende Kollegen genießen Kaffee und die vorbereiteten Sandwiches. Dann kommen die Eltern. Unsicher tritt der Vater vor die Mikrophone. Der Tisch vor ihm sieht aus, als ob ein Politiker eine Pressekonferenz abhält. Er schwitzt ein bisschen, die Adern in seinem Gesicht treten hervor.

Es ist nicht viel, was Schlomo Goldwasser zu sagen hat - die typischen Sätze, die Sicherheitsbehörden den Eltern von Gekidnappten einflüstern, wenn sie einen Aufruf durch die Medien senden wollen oder sollen. "Sie, die Entführer meines Sohns, tragen die Verantwortung für die Sicherheit von Ehud", sagt Goldwasser, "sie tragen auch die Verantwortung dafür, dass er bald und unversehrt wieder zu uns zurückkehrt". Mehr falle ihm nicht ein. Er sei Vater, kein Politiker.

Opfer als Statisten

Goldwasser hat kaum ausgesprochen, da bricht Kampfstimmung aus. Kameramänner schreien. "Herr Goldwasser, hierhin", ruft einer, "bitte nicht lächeln". Andere wollen Kinderanekdoten, "das berührt die Zuschauer". Anderswo muss die Ehefrau mehrmals das Album mit Hochzeitsfotos durchblättern.

Das Spektakel dauert 90 Minuten. Die Eltern sagen, dass sie mit Politik nichts zu tun haben. Auch nicht mit dem Krieg. Man hat ihnen erzählt, öffentliche Auftritte könnten ihren Sohn vielleicht retten. Und all das organisiert und inszeniert vom Pressebüro der israelischen Regierung. Organisiert für ausländische Journalisten. Damit einer der Gründe für den aktuellen Krieg, das Leid der Eltern, seine Öffentlichkeit bekommt.

Die Eltern stehen im Fokus der Kameras. Irgendwie aber sind sie nur Statisten.

Propaganda gehört zum Krieg. Vor allem, wenn ein Staat seinen Waffengang als gerecht, als berechtigt erklären will. Der erste Irakkrieg, Afghanistan, noch etwas perfider vor dem zweiten US-Einmarsch im Irak, es war das gleiche Spiel. Ganze Abteilungen arbeiteten am emotional geprägten Bild, dass die Politik der Kriegslenker in den Medien stützen soll. Ein ganz normales Geschäft - PR für den Krieg eben.

Nicht gelogen, einfach nur gut betreut

Dass bei der gesteuerten Info-Vergabe viel Falsches lanciert wird, gehört zum Allgemeinwissen. Ebenso aber ist es nicht verwerflich, dass ein Staat wie Israel dieser Tage seine Opfer durch Hisbollah-Raketen auch in den Medien abgebildet sehen will. Diese Opfer (seit dem Krieg 17 unter der Zivilbevölkerung) geben dem Waffengang gegen die Hisbollah und den ganzen Libanon einen Sinn.

Die israelische Journalisten-Betreuung kommt trotzdem geradezu exzessiv daher. Kaum hat man sich bei der GPO akkreditiert, wird man mit e-mails und Telefonanfragen bombardiert. Muss man sich bei anderen Krisen gerade als Deutscher eher einschmeicheln, nach persönlichen Kontakten suchen, herrscht hier eine Art all-inclusive-Stimmung. Es wird nicht gelogen oder vertuscht - es wird gut betreut.

Ausgearbeitete Ideen für Reportagen, Busfahrt und Mittagessen inklusive, ausgewählte Experten zu Militärfragen - all das kommt von ganz allein. Viele Journalisten nehmen das Angebot gern an. Tagelang flimmerten die Bilder der Artillerie überall - wohl auch, weil die PR-Krieger die Teams stets zum Sonnenuntergang in die Berge schafften. Das Licht am Abend lieben die Kameraleute und Fotografen.

Ein gutes Beispiel ist eine e-Mail vom Mittwoch. Gleich elf Geschichten sind im Angebot: Entweder die israelischen Flüchtlinge. Oder die Probleme der arabischen Israelis? Ein Feature, wie ein Dorf über ganz Israel verstreut wurde? Eine Reportage über Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten? Ehemalige Geiseln? Oder doch lieber über ein Dorf, das seit Jahrzehnten beschossen wird? Alles ist möglich.

"Die Kontakte kann man auch anrufen"

Bewegen muss man sich nicht. "Die Kontakte kann man anrufen", sagt die Pressedame, "gerade fürs Radio ist das besser". Die Organisatoren kennen die Wünsche der Reporter genau - gerade die Radio- und TV-Kollegen müssen so oft "schalten", dass sie kaum aus dem Hotel kommen. Folglich kommt nach Katjuscha-Einschlägen schnell per Mail eine Liste mit Augenzeugen und Mobilnummern.

Auch die Sprachbarrieren werden gern überbrückt. Auf jeder der Listen sind Augenzeugen, die verschiedene Sprachprofile haben. Im Einwanderungsland Israel kommt da einiges zusammen: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und natürlich auch aus jeder Stadt mehrere Menschen, die Deutsch sprechen. Aufwendige Synchronisation fällt bei diesem Service aus. Spätestens jetzt erinnert dies alles sehr an die "Man spricht Deutsch"-Schilder auf Mallorca.

Auf eigene Faust jedoch machten sich nicht viele auf in den Norden, um zu berichten. Freilich, große Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen schickten ihre Korrespondenten. Doch grade die kleineren Sender konnten es sich nicht leisten. Folglich waren im Gästebuch des Hotels in Naharya nur wenige ausländische Namen zu finden.

Es ist Freitag, um 9.28. Diesmal klingelt nicht das Telefon. Per e-mail versendet das GPO seinen Tagesplan. Heute steht der Besuch eines Kabinettsmitglieds in einer Stadt im Norden an. Laut der Mail würde sich das Thema der arabischen Israelis erneut anbieten, schließlich besuche Isaac Herzog eine solche auf seinem Trip. Wie viele Journalisten der Idee gefolgt sind, war nicht herauszufinden. Dass es in dem vermutlich noch langen Krieg nicht die letzte e-mail war, steht indes fest.



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