Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Medikamentenmissbrauch: "Milosevic wollte einfache Fahrt nach Moskau"

Der verstorbene Slobodan Milosevic hat nach Einschätzung eines Arztes absichtlich falsche Medikamente eingenommen, um zur Behandlung nach Russland reisen zu dürfen. Informationen einer belgischen Zeitung zufolge wurden in der Zelle Milosevics nicht verordnete Tabletten gefunden.

Belgrad/Brüssel/Den Haag - Hat der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic sich durch die Einnahme falscher Mittel bewusst selbst geschadet, um sich so ein One-Way-Ticket nach Moskau zu sichern, wo er seine Herzkrankheit behandeln lassen wollte? Diese Vermutung hat der niederländische Toxikologe Donald Uges heute in Den Haag geäußert.

Uges hatte eigenen Angaben zufolge vor zwei Wochen eine Blutprobe Milosevics analysiert und darin ein bei Tuberkulose und Lepra angewendetes Antibiotikum nachgewiesen. "Er hat Rifampicin eingenommen, ein Medikament, das die Wirkung von Mitteln gegen Bluthochdruck aufhebt", sagte Uges. Medikamente gegen Bluthochdruck bekam Milosevic auf ärztliche Verordnung. "Ich bin sicher, dass er das Medikament selbst einnahm, weil er eine einfache Fahrt nach Moskau wollte", sagte der Toxikologe weiter.

Der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagte Milosevic war am Wochenende tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Laut Autopsie erlitt er einen Herzinfarkt. Möglicherweise wurde der Tod des 64-Jährigen durch die Einnahme falscher Medikamente mitverursacht. Bislang könnten auch Selbstmord oder eine Vergiftung als Todesursache nicht ausgeschlossen werden, sagte ein Tribunalsprecher.

Wie die Brüsseler Tageszeitung "Le Soir" heute unter Berufung auf einen nicht genannten Mitarbeiter des Uno-Kriegsverbrechertribunals meldet, wurden bereits im Januar bei einer Durchsuchung von Milosevics Zelle im Uno-Gefängnis in Scheveningen nicht verordnete Medikamente sicher gestellt. Nachdem diese entdeckt worden waren, hatten die Richter des Uno-Tribunals dem Zeitungsbericht zufolge über Milosevics Antrag auf Genehmigung einer Reise nach Moskau beraten, wo er sich von Spezialisten behandeln lassen wollte. Der Antrag sei dann abgelehnt worden. Überraschenderweise habe Milosevic dagegen keinen Widerspruch eingelegt.

Das russische Außenministerium bestätigte heute, einen handgeschriebenen Brief von Milosevic erhalten zu haben, in dem dieser sich über eine "unangemessene Behandlung" durch die Ärzte des Haager Tribunals beklagt habe. Der Brief sei am Samstag in der russischen Botschaft in Den Haag eingetroffen. In dem Schreiben nahm Milosevic Bezug auf eine Blutuntersuchung im Januar, die eine hohe Dosis eines Lepra- oder Tuberkulosemedikaments nachgewiesen habe. Er befürchte, vergiftet zu werden, schrieb er demnach. Russlands Außenminister Sergej Lawrow kündigte die Entsendung russischer Ärzte nach Den Haag an.

Leiche freigegeben

Die niederländische Staatsanwaltschaft gab die Leiche des Verstorbenen heute jedoch frei. Milosevics Sohn Marko wolle von Moskau nach Den Haag reisen, um sie abzuholen, sagte der Rechtsberater des Verstorbenen, Zdenko Tomanovic. Er habe die niederländische Regierung gebeten, dem Sohn ein Visum auszustellen. Der Bestattungsort stand weiterhin nicht fest. Die Familie wolle ein Staatsbegräbnis in der serbischen Hauptstadt Belgrad, sagte Tomanovic. Sie bestehe jedoch nicht auf eine Beisetzung in der sogenannten Allee der Großen, in der Serbien seine wichtigen historischen Persönlichkeiten bestattet. Zuvor hatte der serbische Präsident Boris Tadic ein Staatsbegräbnis des früheren Präsidenten wegen seiner Rolle in den Balkankriegen bereits ausgeschlossen.

Milosevics Partei SPS drohte mit dem Sturz der serbischen Regierung, sollte sie nicht Milosevics Beisetzung in Serbien im Beisein seiner Familie ermöglichen. Sollte Regierungschef Vojislav Kostunica der Beerdigung in Belgrad nicht zustimmen, werde die SPS ihm die Unterstützung entziehen, sagte SPS-Generalsekretär Zoran Andjelkovic. Die Minderheitsregierung ist auf mindestens 22 SPS-Stimmen angewiesen.

Tomanovic beantragte als Anwalt von Milosevics Witwe Markovic in Serbien die Rücknahme des Haftbefehls gegen seine Mandantin, nach der wegen Machtmissbrauch gefahndet wird. Der Antrag werde von drei Richtern geprüft, sagte eine Gerichtssprecherin. Markovic war 2003 geflohen und hält sich wahrscheinlich in Russland auf.

Der österreichische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Wolfgang Petritsch, forderte die Fortführung der Beweisführung gegen Milosevic. Der Prozess müsse fortgeführt werden, um Serbien aus seiner historisch belasteten Situation zu führen, sagte der ehemalige Hohe Repräsentant der EU in Bosnien-Herzegowina in Deutschlandradio Kultur.

phw/AFP/Reuters

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: