Wotkinsk/Kairo/Moskau - Die Bewertung der westlichen Kampfeinsätze in Libyen hat in Russland überraschend ein innenpolitisches Erdbeben ausgelöst. Präsident Dmitrij Medwedew wies Regierungschef Wladimir Putin in die Schranken, weil der die Libyen-Angriffe als "mittelalterlichen Kreuzzug" kritisiert hatte.
Solche Vergleiche seien "unangebracht", betonte Medwedew nach einem Bericht der Agentur Interfax vor Journalisten in seiner Residenz bei Moskau. Der Staatschef übte damit in bisher ungewohnt deutlicher Art Kritik am Politikstil seines Ziehvaters Putin.
Aussagen wie die von Putin förderten das Aufeinanderprallen der Kulturen. "So kann alles noch viel schlimmer enden, als es ohnehin schon ist. Daran sollte jeder denken", warnte Medwedew. Bisher hatte Medwedew lediglich indirekt und in meist mildem Ton seinen Vorgänger im Kreml kritisiert.
Wladimir Putin hat den Einsatz der Alliierten gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi zuvor scharf kritisiert. Die Uno-Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone sei "unbrauchbar und fehlerhaft", sagte der Regierungschef am Montag vor Arbeitern einer russischen Raketenfabrik in Wotkinsk. "Sie erlaubt alles. Sie gleicht einem mittelalterlichen Aufruf zum Kreuzzug, wo irgendeiner jemanden aufstachelte, in ein beliebiges Gebiet einzumarschieren und es zu befreien."
Es sei beunruhigend, mit welcher Leichtigkeit in der heutigen Zeit Kampfhandlungen auf internationaler Ebene gegen souveräne Staaten durchgesetzt würden, sagte Putin. Die Entwicklung in Libyen deute darauf hin, dass Russland seine eigenen Verteidigungsfähigkeiten stärken sollte, kündigte er an. Die Staatsduma will an diesem Mittwoch eine Erklärung verabschieden, in der sich Moskau von dem Einsatz gegen Libyen distanziert.
"Kein Land, das demokratischen Kriterien genügt"
Russland hatte die Resolution gegen Libyen im Weltsicherheitsrat nicht abgelehnt, sich aber wie Deutschland, Brasilien, Indien und China nur der Stimme enthalten. Der Uno-Beschluss erlaubt die Einrichtung einer Flugverbotszone zum Schutz von Zivilisten vor den Truppen von Gaddafi. Seit Samstag greifen französische, britische und amerikanische Streitkräfte Gaddafi-Truppen aus der Luft an.
Libyen sei "natürlich kein Land, das demokratischen Kriterien genügt", hatte Putin in Wotkinsk gesagt. Trotzdem habe der Westen kein Recht, sich in einen inneren Konflikt dieses "schwierigen Staates" zugunsten nur einer Seite einzumischen. Es werde zu einem Trend in der US-Außenpolitik, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen.
Putins Außenminister Sergej Lawrow verurteilte die Aktionen gegen Libyen ebenfalls. Bei einem Besuch in der ägyptischen Hauptstadt Kairo forderte er Sicherheit für die russischen Staatsbürger, die sich noch in Libyen aufhielten. Der russische Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin warf dem Westen Täuschungsmanöver vor. Er kritisierte insbesondere die mangelhafte Informationspolitik über das Ausmaß der Bombardierungen, Schäden und Opfer in Libyen.
Über die militärische Führung der Anti-Gaddafi-Koalition hat es zuletzt Verwirrung gegeben. Frankreich hatte angedeutet, die Rolle für sich zu beanspruchen - während beispielsweise Großbritannien will, dass das Kommando an die Nato übergeht. Die Nato-Mitglieder konnten sich aber bisher nicht darauf einigen, die Militärführung in Libyen zu übernehmen.
Bislang führen die USA das Kommando über die "Operation Odyssey Dawn", möchten dies jedoch so schnell wie möglich abgeben - an Frankreich, Großbritannien oder eben die Nato. Die USA würden die Koalition weiterhin unterstützen, auch weiter eine militärische Rolle spielen, "aber nicht die Hauptrolle", hatte Pentagon-Chef Robert Gates angekündigt.
Die Nato kann sich bislang nicht auf eine Beteiligung an der militärischen Durchsetzung der Flugverbotszone über Libyen verständigen. Vor allem die Türkei legt Einspruch ein. Sie fordert eine erneute Überprüfung der möglichen Strategie des Bündnisses in Libyen.
als/pad/dpa/Reuters
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