Medwedews peinlicher Auftritt: Ein Masochist im Kreml

Er bestellte Journalisten aus aller Welt in die Provinz zur Pressekonferenz, doch Präsident Medwedew hatte ihnen nichts zu sagen. Sein peinlicher Auftritt bewies so klar wie nie, dass in Russland nur einer die Macht im Kreml hat: Wladimir Putin. Ein Kommentar von Christian Neef.

Medwedew in Skolkowo: Der Präsident sagte nichts von Bedeutung Zur Großansicht
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Medwedew in Skolkowo: Der Präsident sagte nichts von Bedeutung

Wie nennt man einen Menschen, der am helllichten Tage fast tausend Menschen zu sich bestellt, sie in einem großen Saal Platz nehmen lässt, und der dann die Bühne erklimmt, um sich vor aller Augen zu entleiben? Das ist ein Masochist, ein Mann, der Lust dadurch empfindet, dass er sich selbst Schmerzen zufügt oder von anderen gedemütigt wird.

Dmitrij Anatoljewitsch Medwedew, 45 Jahre alt und Russlands Präsident, tat am Mittwoch genau dies. Fast auf den Tag drei Jahre nach seinem Amtsantritt hat er sich entleibt, vor den Augen Russlands und dem Rest der Welt. Unter dem Datum des 18. Mai 2011 werden Lexika künftig seinen politischen Selbstmord vermelden.

Nach den Maßstäben der Politik ist am Mittwoch Unglaubliches geschehen. Da lebt ein großes Land seit Monaten in höchster Aufregung, wann ihm endlich offenbart werden wird, wer als Kandidat zur Präsidentenwahl im März 2012 antritt: der bisherige Amtsinhaber Dmitrij Medwedew oder Premierminister Wladimir Putin, der Medwedew 2008 als seinen Nachfolger installiert hat, weil er sich nicht ein drittes Mal bewerben durfte. Immer wieder wichen die beiden einer klaren Antwort aus.

Nun aber bestellt der Präsident in- und ausländische Journalisten zu einer überraschenden Pressekonferenz zu sich - der ersten seit drei Jahren. Er lässt sie über mehrere Stunden hinaus ins Dörfchen Skolkowo fahren, einen Technopark am Rande Moskaus, den er zur "Weltmarke" machen will. Gleich drei Fernsehsender übertragen den seit Tagen großangekündigten Medwedew-Auftritt live. Und dann kommt der Präsident und sagt - nichts. Wirklich nichts.

Kein Wort zur bevorstehenden Wahl

Zwei Stunden und 20 Minuten spricht der Chef der östlichen Weltmacht über die Benzinpreise und die Parkgebühren in Moskau, über den Auto-TÜV und darüber, dass man den Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs (66 Jahre nach dessen Ende!) eigenen Wohnraum geben müsse. Auch die Probleme der Rentierjagd im hohen Norden kommen gebührend vor.

Zur bevorstehenden Wahl? Nein, da könne er sich noch nicht konkreter äußern, Politik habe sich "bestimmten Technologien" unterzuordnen, die sei ja "nicht nur Show". Die Regierung? Ein "gut eingespielter Mechanismus", den man nicht stören dürfe. Kein Wort darüber, dass er als Präsident den Innen- oder den Katastrophenminister zu entlassen gedenke, Leute also, die sich draußen im Land längst diskreditiert haben. Und auch keine böse Bemerkung gegen Regierungschef Putin selbst.

Kein einziges Wort fällt darüber, dass Putin seinerseits längst die Wahlkampagne eröffnet hat: Er hat die Bildung einer "Volksfront" angeregt, der sich alle in Russland noch existierenden Parteien anschließen sollen. Was nichts anderes ist als der Versuch, auch noch die letzte politische Konkurrenz auszuschalten und die Stimmbürger hinter sich zu scharen, während Medwedew ohne eigene politische Partei dasteht.

Warum weder Putin noch Medwedew Farbe bekennt

Keinen einzigen originellen Gedanken brachte Medwedew vor, keine einzige politische Initiative. Es war wie in einer politischen Peepshow: Wir sahen einen hilflosen Mann, einen, der unfähig ist, sich von seinem Mentor zu lösen. Ja, der über zwei Stunden lang krampfhaft bemüht war, seine Loyalität zu Putin zu beteuern. Ach, hätte er mal darüber nachgelesen, wie Angela Merkel sich einst von Helmut Kohl gelöst hat.

Gut, an dieser Stelle kommen die Kreml-Technologen und sagen: Das am Mittwoch war kein Selbstmord, sondern schlaue Zurückhaltung. Das Tandem Putin/Medwedew sei gar nicht in der Lage, in Sachen Wahl bereits Farbe zu bekennen. Sagt Putin jetzt, er trete im März an, wäre der Präsident sofort eine lahme Ente. Tut es umgekehrt Medwedew, bricht Putins Staatspartei wie ein Kartenhaus zusammen, weil deren Mitglieder dann ohne Perspektive sind - und das ist das Gros der russischen Bürokratie. So also wird diese Entscheidung bis auf den letztmöglichen Zeitpunkt verschoben.

Aber das zeigt ja gerade, wie krank das politische System in Russland ist. 20 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion gibt es noch immer keine demokratischen Wahlen, im Grunde wird gewählt wie in Kasachstan, der Elfenbeinküste oder beim Weißrussen Alexander Lukaschenko: Das Volk spielt keine Rolle, es wird nicht wirklich nach seiner Meinung befragt. Irgendwann bekommt es eine Entscheidung vorgesetzt, die hinter den Kreml-Kulissen ausgekungelt wurde und den Bedürfnissen der politischen Elite Rechnung trägt; der Wähler hat sie nur noch abzunicken.

Auch die Journalisten schwiegen

Die Pressekonferenz von Skolkowo hat den Zustand Russlands noch einmal schlaglichtartig beleuchtet, auch wenn das wohl nicht die Absicht des Veranstalters war.

Putin hielt bei derartigen TV-Events stets eine Botschaft fürs Volk bereit, Medwedews Auftritt war sinnfreier Zeitvertreib. Das Schlimme nur: Die meisten russischen Journalisten machten mit. Statt den Staatschef mit kritischen Fragen zu klareren Antworten zu zwingen, dankten sie ihm unaufhörlich für die Möglichkeit dieses Treffens mit ihm, bewunderten sein jugendliches Aussehen oder feierten ihn für die Unterstützung des unsäglichen Tschetschenenführers Ramsan Kadyrow. Da war erschreckend viel Speichelleckerei dabei. Auch Russlands Journaille ist auf den Hund gekommen.

Auf die Frage, wie er denn seine bisherige Amtszeit zusammenfasse, sagte Medwedew: Keine Macht sei auf ewig angelegt. Das betreffe auch den Präsidenten. Dmitrij Medwedew - vorschnell als liberaler Neuerer gefeiert - hat sie am Mittwoch in aller Öffentlichkeit zurückgegeben. Selbst wenn er nach 2012 Kreml-Chef bleiben sollte, was nicht völlig ausgeschlossen ist - er bleibt ein Präsident von Putins Gnaden.

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1. ...
chefkoch1 19.05.2011
Zitat von sysopEr bestellte Journalisten aus aller Welt in die Provinz zur Pressekonferenz, doch Präsident Medwedew hatte ihnen nichts zu sagen. Sein peinlicher Auftritt bewies so klar wie nie, dass*in Russland nur einer das Macht im Kreml hat: Wladimir Putin.*Ein Kommentar von Christian Neef. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763598,00.html
Lustig, das ist ja wie bei uns!
2. |
Dunedin, 19.05.2011
"Gut, an dieser Stelle kommen die Kremltechnologen und sagen: Das am Mittwoch war kein Selbstmord, sondern schlaue Zurückhaltung. Das Tandem Putin/Medwedew sei gar nicht in der Lage, in Sachen Wahl bereits Farbe zu bekennen. Sagt Putin jetzt, er trete im März an, wäre der Präsident sofort eine lahme Ente. Tut es umgekehrt Medwedew, bricht Putins Staatspartei wie ein Kartenhaus zusammen, weil deren Mitglieder dann ohne Perspektive sind - und das ist das Gros der russischen Bürokratie. So also wird diese Entscheidung bis auf den letztmöglichen Zeitpunkt verschoben." das hat der Autor doch selber richtig erkannt, warum also diese Aufregung, oder wurde er selber nervtötend stundenlang in dieses Kaff transportiert um am Ende dann gar nichsts zu erfahren ?
3. Allgemeinwissen
Meckermann 19.05.2011
Ich dachte es wäre allgemein bekannt, dass Russland von Putin beherrscht wird und Medwedew bloß eine Strohpuppe ist, um die Verfassung zu auszutricksen. Wo ist nun die Überraschung?
4. Prophezeiung oder nur falsches Vorurteil?
Yabanci Unsur 19.05.2011
"...im Grunde wird gewählt wie in Kasachstan, der Elfenbeinküste oder beim Weissrussen Alexander Lukaschenko..." Die Wahl in der Elfenbeinküste wurde von der EU anerkannt und die UNO verhalf dem Sieger zur Machtübernahme...
5. Ironie?
M.O.A. 19.05.2011
Zitat von chefkoch1Lustig, das ist ja wie bei uns!
Hoffe, das ist ein Witz. Ansonsten finde ich solche an Aussagelosigkeit - von der Unwahrheit derselben einmal ganz zu schweigen - nicht mehr zu überbietenden Einwürfe immer ganz besonders überflüssig.
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Medwedew und Putin: Kunst der späten Entscheidung

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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AP
Der Präsident ist animalisch, Deutsch hat eine eher ungewöhnliche Bedeutung - und vor dem Wodkatrinken sollten Sie ein, zwei Dinge dringend beachten. Wissenswertes und wundervolle Verrücktheiten: Entdecken Sie Russland im großen SPIEGEL-ONLINE-Test!