Mein Leben als Ausländer: Baby unter Bürokraten

So sieht ein bürokratischer Teufelskreis aus: Wer als Ausländer im Libanon ein Kind zur Welt bringt, kann mit dem Baby nicht einfach ausreisen. Denn raus darf nur, wer einen Einreisestempel hat. Schwierig bei Neugeborenen, oder? So fing für SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Ulrike Putz der Ärger erst an.

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Ulrike Putz

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondententochter Polly: Keine Ausreise ohne Einreisestempel

Alles hatte geklappt wie am Schnürchen: Die Geburt unserer Tochter in einem Beiruter Privatkrankenhaus war reibungslos verlaufen, die Kleine schlief viel und weinte wenig, die frischgebackenen Großeltern waren angereist, zeigten sich entzückt und flogen nach Deutschland zurück.

Dann kann's ja wieder losgehen, dachten wir: In den letzten Wochen der Schwangerschaft hatten wir - arabischer Frühling hin oder her - in Beirut festgesessen. Und obwohl ich dankbar war, meinen Babybauch nicht durch das revolutionäre Libyen schieben zu müssen, hatte ich das Vagabundenleben des Nahost-Korrespondenten vermisst. Vier Wochen nach der Geburt wollte ich endlich wieder reisen: mit meiner Tochter und ihrem Vater, von Beirut ins jordanische Amman.

Den von der Deutschen Botschaft innerhalb von Tagen ausgestellten Kinderpass schmückten ein schmeichelhaftes Babyfoto und eine Eintragung "Geburtsort: Beirut, Libanon". Unserem Trip stand nichts mehr im Wege - außer der Registrierung der Kleinen im Beiruter Standesregister. Die sei nötig, weil die Kleine ja keinen Einreisestempel für den Libanon im Pass habe, hieß es. Ohne Einreisestempel keine Ausreise. Nur die Eintragung ins Standesregister und eine anschließend einzuholende Sondergenehmigung bei der General Security ermöglicht es ausländischen Eltern im Libanon geborener Kinder, mit diesen das Land zu verlassen.

Umständlich, aber machbar, dachten wir: Schritt eins erledigen wir schnell beim Mukhtar, einer Art Kiez-Bürgermeister. Alles war gut, bis der Amtsmann nach unserer Ehebescheinigung fragte. "Wir sind nicht verheiratet", antwortete mein Freund. Stille. Entgeisterung. Schließlich ein gestammeltes: "Das gibt es nicht."

Der Libanon ist ein ordentliches Land

Nach länglicher Diskussion in rudimentärem Englisch kristallisierte sich Folgendes heraus: In seiner langen Laufbahn als Beamter hatte Herr Itani es noch nie mit unverheirateten Eltern zu tun. So etwas gebe es im Libanon einfach nicht, wiederholte er immer wieder. Der Libanon sei ein ordentliches Land.

Wenn wir unser Kind registrieren lassen wollten, würde ein Vermerk "Bastard" in ihre Geburtsurkunde eingetragen werden müssen, so Herr Itani. Bastard? Ja, ein vaterloses Kind. Bevor das geschehen könne, müssten jedoch vier Zeugen beglaubigen, dass wir die Eltern von Polly sind. Wieso der Vater seine Vaterschaft bezeugen lassen muss, um es dann als vaterlos anzumelden, war nicht herauszufinden. Ebenso wenig, wen er als Zeugen dafür anführen soll, dass er der Erzeuger des Mädchens ist. Bei der Mutter waren bei der Geburt ja genügend Schwestern und Ärzte anwesend, um für sie zu bürgen. Aber im Falle des Vaters?

"Vergessen Sie's, wir gehen zum Mukhtar des Nachbar-Kiezes", beschieden wir Herrn Itani.

Mukhtar Nummer zwei sagte dann rundweg nein: Niemals werde er sich die Hände damit beschmutzen, einer unverheirateten Mutter und ihrem Balg Papiere auszustellen, so die ungefähre Übersetzung einer arabischen Schimpftirade. Dass der Schnauzbartträger zur Unterstreichung seiner Abscheu nicht ausspuckte, lag vermutlich daran, dass er an seinem Perserteppich hängt.

Überhaupt hätte uns die Bürodekoration im Bürgermeisterzimmer warnen sollen: Wie bei Teenagern die Poster von Pop-Stars hingen bei diesem Mukhtar Politikerproträts an der Wand. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, Irans Ajatollah Chomeini, Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Der Bürgervorsteher war auch politisch eher bei den Hardlinern zu Hause.

Tränen bei Mutter und Kind - aber keine Ausreise

Wir beschlossen, es darauf ankommen zu lassen: Wenn wir erst mal mit Kind und Koffern am Flughafen stünden, würden die Grenzer uns schon durchlassen. Nichts da: Unsere Beteuerungen, wir hätten uns um eine Ausreisegenehmigung bemüht, könnten diese aber nicht bekommen, weil keiner uns das Kind anmeldet, weil wir nicht verheiratet seien, stieß auf taube Ohren. Trotz Tränen bei Mutter und Kind sowie der Intervention der Deutschen Botschaft musste der Kindsvater an jenem Abend alleine fliegen.

Die nächsten Tage verbrachte ich auf diversen Ämtern, Geldscheine wechselten über und unterm Tisch die Hände, Stempel wurden geschwungen, Unterschriften gegeben: Die Botschaft hatte einen Weg gefunden, wie wir unserem Kind die Eintragung ins Standesregister unter der Rubrik "Bastard" ersparen konnten. Der Gegensatz von den hilfsbereiten, erfindungsreichen deutschen Konsularbeamten zu den verstockten libanesischen Bürokraten hätte im Übrigen während der gesamten Odyssee kaum größer sein können.

Die letzte Szene des Dramas mit Happy End spielte sich im Hauptquartier der General Security in Beirut ab: einem Bau, der jederzeit für die Verfilmung von Kafkas Bürokratie-Alptraum "Das Schloss" als Kulisse dienen könnte. Als dort ein libanesischer Beamter der Kleinen schließlich die Ausreisegenehmigung in den Pass stempelte, lächelte das Kind.

Mutti heulte mal wieder, diesmal vor lauter Erleichterung.

Bevor er den Kinderpass wieder herausrückte, wollte der Beamte dann aber doch noch etwas loswerden. "Sie sollten endlich heiraten", riet er und gab noch ein Bonbon aus seinem persönlichen Erfahrungsschatz preis: "Ich verspreche Ihnen, so schlimm ist die Ehe gar nicht."

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insgesamt 182 Beiträge
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1.
matthias_b. 15.08.2011
Das ist wohl die herzigste Folklore der gastfreundlichen, toleranten Gesellschaft, die ich in letzter Zeit lesen durfe.
2. ...
Albanodabango 15.08.2011
So schlimm fände ich den Eintrag "Bastard" in der Geburtsurkunde meines Kindes nicht. Er zeigt doch vor allem die Rückständigkeit der dortigen Gesellschaft auf.
3. Selber schuld...
Wolf im Wolfspelz 15.08.2011
...wenn man in einem fundamentalistischen Land lebt, entweder: (a) anpassen und schnauze halten (b) nix wie weg in ein liberales Land (c) ständig anecken und sich auch noch wundern Selbst schuld, echt!
4. Verständnis
mahtasooma 15.08.2011
mein Verständnis für Leute, in in Ländern wie "Libanon" arbeiten oder Urlaub machen, das auch noch als Frau, und sich dann wundern dass sie in Schwierigkeiten jedweder Art kommen, hält sich massiv in Grenzen. Meiner Meinung nach extrem unverantworlich von Anfang an, insbesondere mit Kind. Einfach mal als Korrespondentin für die Spanien oder so anheuern. Tut Ihren Nerven und Ihrer Gesundheit gut.
5. Titel? Ja genau, Titel muss sein!
unterländer 15.08.2011
Zitat von sysopSo sieht ein bürokratischer Teufelskreis aus: Wer als Ausländer im Libanon ein Kind zur Welt bringt, kann mit dem Baby nicht einfach ausreisen. Denn raus darf nur, wer einen Einreisestempel hat. Schwierig bei Neugeborenen, oder? So fing für*SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Ulrike Putz der Ärger erst an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776942,00.html
Der letzte Satz des libanesischen Beamten kann vorbehaltlos unterschrieben werden. Wenn, ja wenn die Ehe Bestand hat. Andernfalls ....
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