Von Julia Amalia Heyer, Athen
Ich bin dann nicht mehr mit Manolis trinken gegangen. Es ist anstrengend, wenn selbst beim Feierabendbier alle Register gezogen werden. Und seit einem Weilchen werden ziemlich oft alle Register gezogen, hier in Griechenland. Da geht es dann nicht mehr nur darum, dass das Land sehenden Auges in den Staatsbankrott geschlittert ist ( "Ganz Europa, ich sage dir, ganz Europa wusste Bescheid"), sondern auch um die Frage, warum das Schuldengebirge des griechischen Staates plötzlich so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, damals, vor zwei, drei Jahren. Schließlich lag die Schuldenquote schon seit über einem Jahrzehnt bei mehr als 100 Prozent. ("Warum so plötzlich? Hm? Warum?") Die Antwort für Manolis wie für ziemlich viele Griechen ist dieselbe: Es war Absicht. Der böse Teil der Welt, das finstere Kapital, hat sich verschworen, um sich Hellas, die Wiege abendländischer Kultur und, wie es hier oft heißt, "das schönste Wohnzimmer der Welt", unter den Nagel zu reißen.
Kurz: Seit einer Weile geht es immer ums Ganze. Um alles. Um die Schuldenfrage und um die Schuldfrage. Und das ist anstrengend. Wenn ich ausgehe, will ich vor meinem Glas Mythos, Stella oder Maisels sitzen und die Krise mal ganz kurz Krise sein lassen. Ich mag dann ausnahmsweise mal nicht über den deutschen respektive griechischen Nationalcharakter psychologisieren, mag nicht mehr sagen: "Ja, was Siemens getan hat, war Unrecht." Mag nicht mehr erklären, dass es Korrupte und Arbeitslose, arme Rentner und prekäre Jugendliche auch in Deutschland gibt. Dass ich trotzdem keinen triftigen Grund sehe, Angela Merkel zur grundbösen Despotin zu erklären.
Deshalb bin ich mit Manolis seit dem Abend, an dem er mich über die große Konspiration aufgeklärt hat, kein Bier mehr trinken gegangen, deshalb fürchte ich größere Runden in Bars. Kleine Ausnahme: Treffen während der Fußball-Europameisterschaft, aber das ist ja auch schon wieder ein bisschen her. Manolis übrigens ist Anfang 30, hat in den USA Film studiert, unterhält eine kleine Produktionsfirma im schicken Kolonaki und einige schicke Immobilien, die seinem Vater gehören. Von den Mieteinnahmen lebt er. Manolis könnte auch Arzt sein oder Taxifahrer, er könnte die Straßen fegen, 20 oder 50 sein, die Sichtweise bliebe höchstwahrscheinlich dieselbe. Je länger diese Krise dauert und je heftiger sie Griechenland im Würgegriff hat, desto wunderlicher blühen hier die Selbstschutzmechanismen. Das mag verständlich sein, aber es nervt auch ein bisschen.
Auf hinterhältige Weise über Jahrzehnte abhängig gemacht
Es wird zugestanden, dass es Probleme gibt, griechischer Natur. Probleme. Aber nicht das wahre Problem. Das wahre Problem, so die weitverbreitete Ansicht, sind zum Beispiel die Schleuderkredite der EU gewesen, die Griechenland auf hinterhältige Weise über Jahrzehnte abhängig gemacht hätten. Und die Bösen dabei sind demnach die Politiker, die ihrem Volk nie die Wahrheit gesagt und sich selbst bereichert haben.
"Aber ihr habt sie doch immer wieder gewählt?!" "Mhm."
Dass viel schiefgelaufen ist auf vielen Seiten, weiß man ja mittlerweile. Allerdings wurden griechische Familien sicher nicht zum Kauf von überteuerten Eigenheimen oder Porsche Cayennes gezwungen. Manchmal wünscht man sich schlicht ein bisschen mehr Einsicht, ein bisschen mehr Selbsterkenntnis. Und das nicht nur beim Feierabendbier.
In Athen kann eine Wirtschaftsministerin wohlgeföhnt hinter schlangenledernen Stiftehaltern an ihrem Schreibtisch thronen und eine Dreiviertelstunde lang über die Notwendigkeit von Bürokratieabbau referieren. Fragt man sie, warum sie selbst über drei Dutzend, zum größten Teil fachfremde persönliche Mitarbeiter unterhält, steht das Interview unter gar keinem guten Stern.
Eine Erkenntnis allerdings ist momentan weitverbreitet: dass Deutsche und Griechen sich nicht mehr besonders grün sind, in diesen schlechten Zeiten. Und nein, das heißt nicht, dass man in Griechenland jetzt bedroht oder belästigt wird, wenn man blond ist und Sonnenbrand hat. Am wunderbaren Urlaubsort hat sich für deutsche Griechenland-Reisende wahrscheinlich nur geändert, dass jetzt alles ein bisschen billiger ist als vorher.
Vorschlag zur Güte: Konspiration und Krise fangen nur zufällig mit demselben Buchstaben an, und ansonsten sparen wir naseweisen Deutschen uns die eine oder andere wohlfeil-dämliche Bemerkung.
Und ich werde nie mehr, weder Manolis noch einem anderen Griechen, in Zimmerlautstärke anbieten, die Rechnung zu begleichen. Ich wollte niemanden kränken. Wäre nett, wenn mir dann im Gegenzug auch die Kommentare über Negativzinsen und über die schändliche Tatsache, dass wir Deutschen nicht nur an unseren tollen Exporten, sondern auch noch an den Rettungspaketen verdienen, einmal erspart blieben.
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