Von Stefan Simons, Paris
Für meine Tochter war es das prägende Ferienerlebnis: Auf einem Campingplatz bei Bordeaux, wo sie mit ihren Abi-Kumpels ihr Lager aufgeschlagen hatte, verköstigten sich die deutschen Youngster mit Nahrungsmitteln aus den Billig- und Sonderangeboten: Mal Nudeln mit Tomatensauce, mal Stangenbrot mit Käseaufstrich, getrunken wurde Flaschenbier vom Discounter und Rotwein aus günstigen Fünf-Liter-Kartons. Kaffee? Löslich. Urlaub deutsch.
Bei den Atlantikurlaubern im Zelt nebenan ging es gepflegter zu. Dort campierte ein Studenten-Trio aus Paris. Und wenngleich auch das Frühstück eher frugal ausfiel - Kaffee und Zigaretten -, glänzte das Mittagsmenü schon mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Allabendlich erreichte die Verpflegung unter dem Zelthimmel der drei Franzosen gefühltes Sterneniveau: Zum Apéro wurde mal Paté, mal Foie gras serviert oder Ziegenkäse auf Baguette überbacken. Stets dabei: Oliven in Grün oder Schwarz und Cornichons mit Silberzwiebeln.
So gestärkt warf die Koch-Crew den Grill an, wo nicht nur Merguez-Würstchen brieten, sondern gelegentlich auch Lammkoteletts. Frischer Salat folgte ebenso wie Camembert oder Comté, die Crème brulée allerdings kam aus dem Plastikbecher. "Kochen ist Lebenskunst", tönten die Vertreter der Gourmet-Nation, gossen sich dann gekühlten Rosé in die Gläser und ließen zum Abschluss die Espresso-Kanne sprudeln. Urlaub französisch.
Und nicht nur bei angehenden Yuppies. Während sich der deutsche Tourist auf dem Weg zur Feriendestination meist während der Fahrt mit Stulle und O-Saft verpflegt, gehört für den französischen Autoreisenden das gemütlich eingenommene Mittagsmahl beinahe zum (all)-täglichen Boxenstopp: Gewiss, oft wird der Klapptisch nebst Bestuhlung in unmittelbarer Nähe zur Route Nationale aufgeschlagen; aber, wie gerade entlang einer Autobahn beobachtet: Rund um die Tafel erhob sich eine Phalanx aus Kühlboxen mit einem unerschöpflichen Feinkost-Angebot.
Teutonische Schlichtheit
Derartige kulinarische Klassenunterschiede sorgen dafür, dass das Bild der deutschen Esskultur bei vielen Nachbarn jenseits des Rheins noch immer vom Klischee derber teutonischer Schlichtheit geprägt ist: Bier, Brot, Bulette oder das deutsche Tellergericht, bei dem Vorspeise, Hauptgericht und Gemüse um geschmackliche Koexistenz kämpfen. Das sind prägende Erlebnisse, etwa beim Firmenausflug zum Oktoberfest. Ersatzweise das Sauerkraut mit Beigaben, ein schwerer Eintopf mit Speckseiten und Wurst, der durch das Elsass Eingang in Frankreichs Vorstellung vom "deutschen Essen" gefunden hat.
Doch selbst in der Heimat der Feinschmecker verblasst das am heimischen Herd komponierte Mehrgang-Essen inzwischen. Obgleich im TV Kochwettbewerbe Kultstatus erreicht haben, sind Fertiggerichte auf dem Vormarsch. In den Supermärkten wird das Angebot bestimmt durch vorgewaschenen Salat, vorgeschnittene Käsehäppchen, vorgekochten Pot-au-feu. Daneben meterweise Tiefkühlkost, die sich durch "kurze Garzeit" empfiehlt - Menüs im Minutentakt der Mikrowelle.
Schrecklicher noch: Der Gastro-Snack aus der Serienproduktion hat sogar in vielen Bistros und Gasthöfen traditionelle Hausmannskost aus regionalen Zutaten verdrängt. Wobei auch bei der "Restauration rapide" die traditionellen Baguettes mit Schinken und Käse noch immer deutlich vor dem amerikanischen Fleischklops im Brötchen liegen.
Doch zurück zu den Deutschen: Wo immer sie vom vorgefassten Bild des eindimensionalen Gourmand-Germanen abweichen, rufen sie in Frankreich Verwunderung und Anerkennung hervor. "Austern, Schnecken, Froschschenkel? Sie mögen das?", so der verblüffte Ausruf, wenn bei Familienfesten die Klassiker der Kochkunst aufgetischt werden und der Deutsche energisch zulangt.
Und wahrhaft anerkennend auch die Bemerkung auf dem Wohnmobil-Standplatz, als wir abends Bouillabaisse mit Aioli zubereiten. "Oh, das riecht gut", sagt die Bäuerin, auf deren Gelände wir nördlich von Marseille die Nacht verbringen. Und schiebt den ultimativen Ritterschlag hinterher: "Sie kochen wie Franzosen!"
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