Deutschland-Bild in Italien "Seid ihr alle merkelisiert?"

In Italien wächst die Wut auf Deutschland. Berlusconi-Blätter ziehen über die Bundeskanzlerin her. In Bars, Kneipen und beim Plausch mit dem Nachbarn müssen Bundesbürger erklären: Warum folgt eine ganze Nation "der Merkel" bei ihrem Euro-Kurs?

Merkel-Schlagzeile in "Il Giornale": "Gewonnen hat Deutschland"
Il Giornale

Merkel-Schlagzeile in "Il Giornale": "Gewonnen hat Deutschland"


"Hast du gestern Olympia gesehen?", fragte mich jüngst mein Nachbar Camillo. Unter dem Arm trug er einen Korb Tomaten, Zucchini und Zwiebeln aus eigener Ernte in der Hand - und im Gesicht ein scheinheiliges Lächeln. "Es war toll: fünf Medaillen für Italien. Wir sind auf Platz zwei, hinter den Chinesen, vor den Amis! Und ihr?" "Ich weiß nicht", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Ihr seid auf Platz 79", frohlockte Camillo, "ihr müsst euch ein bisschen anstrengen!"

Endlich waren "die Deutschen" auch mal die Loser. Wenn auch nur vorübergehend. Eine Verschnaufpause in Zeiten der Demütigung. "Hilfe nur gegen Auflagen", schallt es täglich aus Berlin. Und die Auflagen bestimmen natürlich sie, die reicheren, die fleißigeren, die erfolgreicheren Deutschen. Am meisten macht den Italienern die rigorose Art zu schaffen. "La Merkel" hat "Mikael Skumaker" abgelöst. Wie früher der Kerpener Formel-1-Weltmeister steht nun die Berliner Regierungschefin für Überlegenheit und Arroganz der Deutschen.

Bewundert, aber nicht geliebt, durchaus geschätzt, aber nicht verstanden.

Für viele ist Merkel die Buh-Frau. Italienische Zeitungen aus dem Berlusconi-Imperium pöbeln sie ungeniert an, im Glauben, das sei populär. Und bei einem kleinen Teil der Italiener, etwa den verbliebenen Berlusconi-Anhängern, ist es das auch. Schon werden die Deutschen wieder zu "Krautis" oder "Panzern" degradiert.

Das jüngste Beispiel dafür lieferte das Berlusconi-Blatt "Il Giornale". Die zurückhaltenden Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi zur Rettung des Euro kommentiert die Zeitung auf der Titelseite mit: "Viertes Reich". Darunter ein Foto. Es zeigt die Kanzlerin, wie sie die rechte Hand hebt. "Das Nein Merkels und Deutschlands lässt uns und Europa in die Knie gehen", so "Il Giornale". Und im Leitartikel ist zu lesen: "Gewonnen hat Deutschland, verloren haben Italien, Europa, der Euro." Italien liege nicht mehr in Europa, sondern im Vierten Reich. Draghi habe sich Merkels Willen beugen müssen, gehöre somit zu den Verlierern.

Verständnis für Griechenland

Für die Griechen hingegen haben die Italiener Verständnis. Klar haben die sich selbst in den Schlamassel geritten, aber eben nicht die kleinen Leute, sondern die Oberschicht, die Politiker haben alles verbockt. Man kann sie doch jetzt nicht hängen lassen! Wir sind doch eine europäische Familie, oder? Und in einer Familie hilft man sich.

Das sieht der junge Freiburger anders, der in der römischen Sprachschule "Leonardo da Vinci" Italienisch lernen will und nun über Politik diskutieren muss. "Wir sind keine Familie. Und die Griechen sollen sehen, wie sie klarkommen. Die haben zu wenig gearbeitet und zu lange im Kaffeehaus gesessen." Zu spät erkennt er, der einzige Deutsche im Kurs, dass die Mitschüler - Franzosen, Spanier und vor allem Osteuropäer - ihn entsetzt anstarren. Da ist er, der neue, der hässliche Deutsche.

Haben die Deutschen nicht jahrelang am Euro verdient? Und jetzt wollen sie ihn sterben lassen? "Mehrheit der Deutschen gegen den Euro", berichten die Medien über eine Umfrage. Nur 29 Prozent glauben demnach, er habe ihnen Vorteile gebracht. Ja, spinnen die denn?

"Seid ihr alle merkelisiert?", empört sich ein italienischer Freund. Ich soll ihm erklären, wieso die meisten Deutschen hinter "dieser Merkel" stehen. Aber alles, was ich sage, wischt er als "kalte Ökonomie und Zahlenklempnerei" beiseite. Es gehe um Politik, um Europa, um Menschen! Ich sage, dass die meisten Probleme der Griechen in Griechenland und der Italiener in Italien ihren Ursprung haben und nur dort gelöst werden können. Darauf er: "Klar, Italien ist ein Mistland mit unfähigen Politikern, die immer nur Schulden auf Schulden gehäuft haben, das weiß ich doch, das weiß jeder - aber", sein Ton wird lauter, "das wusstet ihr genauso wie wir! Ihr habt doch sogar die Regeln aufgeweicht, damit alle leichter schludern können. Und jetzt, im Nachhinein wisst ihr alles besser, jetzt soll alles nach deutschen Regeln gehen."

Jeder kennt nur die eigene, national gefärbte Wahrheit

Wie könnte ich ihm die deutsche Position näherbringen, wenn auch Angela Merkel mit ihren Argumenten nicht verfängt bei den mediterranen Amtskollegen? "Madame Merkel entscheidet nicht im Namen aller Europäer", macht Frankreichs Präsident François Hollande daheim Stimmung. Italiens Regierungschef Mario Monti assistiert: "Wenn es Italien schafft, dann nicht, weil Angela Merkel es sagt."

"Ihr spielt euch als Zahlmeister Europas auf", sagt ein bärtiger Mittdreißiger beim Kaffee in der Dorfbar, "wisst ihr nicht, dass das Blödsinn ist?" Er rechnet vor, dass Deutschland mit 190 Milliarden Euro am EU-Rettungsfonds beteiligt ist, aber Italien auch mit 125 Milliarden. "Wir sind ebenso Zahlmeister." Einmal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr: "Außerdem sind wir die drittgrößte Industrienation der Euro-Zone. Warum reden deutsche Politiker über uns wie über ein Entwicklungsland?"

Was soll ich ihm sagen? Dass es in jedem Euro-Land eine eigene Version der Krise gibt, mit jeweils anderen Opfern und anderen Schuldigen? Eine national gefärbte Wahrheit, die Politik und Medien von den EU-Gipfeln in Brüssel oder anderen Schauplätzen des 27-Nationen-Gerangels nach Hause transportieren. Und jeder kennt nur die eigene.

"Zugegeben", mischt sich ein älterer Herr ein, "die Deutschen kriegen manches verdammt gut hin." Die Löhne sind höher, die Krankenhäuser besser, die Busse pünktlicher, und die Bürokratie ist erträglicher. Trotzdem dürfe man sich von Merkel nicht kolonisieren lassen. Stimmt, sagen alle. Nur ein junger Handwerker im Overall hält lachend dagegen: "Wenn das so ist, würde ich mich gerne kolonisieren lassen."



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