Melania Trump und ihre Jacke Dumme Sache

"Ist mir echt egal, euch auch?": Als Melania Trump an die mexikanische Grenze flog, um ein Kinderheim zu besuchen, prangte dieser Slogan auf ihrer Jacke. Was sollen wir davon halten?

Melania Trump
AP

Melania Trump

Ein Kommentar von


Was sagt er denn eigentlich dazu? Dennis Thatcher, verheiratet mit der "eisernen" Margaret Thatcher und der erste Brite in dieser Rolle - Ehemann einer Premierministerin - erwiderte etwas sehr Kluges, als er gefragt wurde, warum er in der Öffentlichkeit denn immer so still sei: "Besser, man hält den Mund und alle denken, man sei dumm, als den Mund aufzumachen und jeden Zweifel zu zerstreuen."

Im Hinblick auf Melania Trump würde man sich wünschen, dass sie öfter spräche. Laut und deutlich. Und letzte Zweifel endlich zerstreute.

Ich würde mir gern einen Reim auf diese Frau machen können - vorzugsweise einen anderen als den, dass sie es an mangelnder Intelligenz locker mit ihrem Mann, dem US-Präsidenten, aufnehmen kann.

Die First Lady ließ am Donnerstag ihre Jacke sprechen, als sie an die mexikanische Grenze flog, um dort ein Aufnahmezentrum für Kinder von Migranten zu besuchen.

Als sie in den Flieger stieg, trug Trump nicht wie üblich Designer-Couture, sondern einen 39-Dollar-Parka der Marke Zara. Auf dem Rücken stand in Graffiti-Anmutung ein Schriftzug, über den jetzt alle Welt spricht: "I really don't care, do you?", zu Deutsch: "Ist mir echt egal, euch auch?"

Und das war so ziemlich das Unpassendste, Dümmste, Ärgerlichste, was eine First Lady in dieser Situation hätte ausdrücken können.

Im Video: "Sie verhält sich wie ein Teenager"

REUTERS

Zur Erinnerung: Seit Tagen ist die Welt gezwungen, Bilder aus den USA zu anzuschauen, die unerträglich sind. Kinder von Migranten werden von ihren Eltern getrennt, interniert, in Käfige gesteckt, selbst die Decken, in die man sie hüllt, sind - wie sinnbildlich - aus knisterndem Metall.

"Ist mir echt egal, euch auch?"

An Kindern werden Exempel statuiert, die schutzwürdigsten Wesen einer menschlichen Gemeinschaft werden vom US-Präsidenten benutzt, um eine politische Message auszusenden: Wer unsere Grenzen überschreitet, dem geht's übel.

"Ist mir echt egal, euch auch?"

Zum Symbolbild dieser Barbarei wurde das Foto eines kleinen Mädchens in pinkfarbenen Sneakers, dem man offenbar die Schnürsenkel aus den Schuhen entfernt hatte - zur Suizidprävention (siehe Anmerkung am Ende des Textes).

"Ist mir echt egal, euch auch?"

Fotostrecke

17  Bilder
USA: So sieht es in Trumps Kinderlagern aus

Nachdem die US-Opposition - auch und vor allem die außerparlamentarische - tagelang die Situation angeprangert hatte, nachdem der offensichtliche Verlust amerikanischer Tugenden und Ideale weltweit beklagt worden war, nachdem auch ehemalige First Ladies wie Rosalynn Carter oder Laura Bush explizit dagegen protestiert hatten, weichte Donald Trump per Erlass diese Politik auf - angeblich, so war zu lesen, weil sich Melania und Ivanka Trump bei ihm beschwert hatten.

Es ist nicht bekannt, warum Melania Trump in dieser Situation und kurz bevor sie sich an die mexikanische Grenze aufmachte, ausgerechnet eine Jacke mit "Ist mir echt egal"-Botschaft zur Schau trug.

Sie schweigt - wieder einmal.

"Es ist nur eine Jacke", sagt Melania Trumps Sprecherin. Ihr Mann, Donald Trump, "mansplainte" den Slogan via Twitter, der Spruch habe sich gegen "Fake News Media", den Lieblingsfeind im Trump-Universum, gerichtet.

Spricht der US-Präsident für seine Frau? Man weiß es nicht.

Aber man dürfte es schon extrem deplatziert finden, wenn eine First Lady einen Termin, bei dem es um internierte, traumatisierte Kinder geht, dafür nutzte, einen symbolischen Stinkefinger Richtung Medien zu recken.

Wenn sie andererseits - wie es das Statement ihrer Pressesprecherin vermuten lässt - nicht gewusst haben will, welche fatalen Interpretationsmöglichkeiten der Spruch auf der Jacke zulässt, ist das mindestens naiv.

Die Rolle der amerikanischen First Lady ist undankbar. Sie zwingt die Frau, die es trifft, in ein sehr öffentliches Dasein, ohne Mandat und Entlohnung. Ihre Vorgängerinnen haben sehr Unterschiedliches aus dieser Rolle gemacht, Melania Trump noch nicht viel. Sie macht sich rar.

Und so wird sie zur Projektionsfläche: Mal zum Opfer stilisiert, gar zur Gefangenen im Weißen Haus, mal als coole Ikone ("Sphinx") gelobt, die geschickt und allein durch ihr Schweigen die Deutungsmaschinerie auf Hochtouren hält. Die trotz öffentlicher Demütigungen wie dem Bekanntwerden der Affäre ihres Mannes mit Stormy Daniels an seiner Seite bleibt (Punkte bei konservativen Wählern), es aber schafft, sich doch von ihm zu distanzieren (Sympathiepunkte bei demokratischen Wählern).

Was denkt sich diese Frau?

Es sei daran erinnert, dass Melania Trump mithalf, diesen US-Präsidenten ins Amt zu bringen. Sie war es, die den "Pussy-Grabbing"-Vorfall im Wahlkampf 2016 lächelnd als Kinderei abtat und eine Rede hielt, in der sie seiner "America First"-Politik als einer kommenden Bewegung huldigte. Als längst für jeden bei Twitter nachzulesen war, dass ihr Mann der übelste Cyberbully der Geschichte ist, verkündete sie immer noch, völlig ironiefrei, sich als First Lady gegen Mobbing unter Kindern einsetzen zu wollen.

Was denkt sich diese Frau? Wie kommt sie klar mit den Widersprüchen ihres Lebens? Was hält sie tatsächlich von einer Politik, die ausschließlich Impulsen folgt, keinem Plan, nicht mal Prinzipien?

Ist Melanie Trump so amoralisch wie ihr Mann?

Man kann nur spekulieren, und das tun wir vielleicht alle schon viel zu ausführlich. Aber egal sollte es uns auch nicht sein.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen wurde bekannt, dass jenes weinende Mädchen, welches als Symbol von Trumps Einwanderungspolitik gilt, nicht von seiner Mutter getrennt wurde. Vielmehr sitzt es laut dem Außenministerium von Honduras gegenwärtig zusammen mit der Mutter in einer US-Haftanstalt.



insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
w.weiter 22.06.2018
1. Kann auch anders interpretiert werden:
"Ist mir echt egal,..." - was Mr. President da tut, ich stehe nicht dahinter. - Ist es "...euch auch?..." Tja, bei diesem Wüterling muß man (Frau) vorsichtig sein, sonst heist es: "YOU are fired". Ich empfinde, in diesem Fall, die Art der "First Lady" als gelungen subtil.
jamguy 22.06.2018
2.
ich dachte allgemein das gerade solche Themen zur Interesse von"first ladys" gehört?
eks2040 22.06.2018
3. Melanie - Parka
Warum stoert Sie die Aufschrift? Mit Blick auf die ewige Kritik der US-Presse (und auch in D wird viel gemeckert) ist es verstaendlich, fuer mich jedenfalls, dass ein solcher vorab-Kommentar der Presse etwas zu denken geben kann. Das endet die negative Kommentare leider nicht... und die Entgleisungen der ewigen Noergeler, Protestler, Schreihalse und politischer Gegner sind sicherlich nicht als Komplimente aufzunehmen. Vergleiche mit Nazis, Konzentrationslagern , u.ae. sind auch nicht angebracht, oder? Und wo sind da die Proteste der Presse, auch in D????
rumans 22.06.2018
4.
Klug war es bestimmt nicht sich mit Trump einzulassen. Aber sie mag tatsächlich inzwischen eine Gefangene geworden sein, bis hin dass sie es schon wusste mit der Daniels. Sie haben immer noch keine Ahnung von Trump, wie er unberechenbar zerstörerisch sein kann. Und das mag sie erst spät, wie soviele Frauen (und umgekehrt Männer erkannt haben. Die Realität ist so verbreitet, dass sie nicht mehr verwerflich ist: Schönheit gegen Knete. Da sagte doch Trump nicht nur aus eigener Erfahrung von wegen Pussygrabbing die Wahrheit. Er mag auch wenn es um nichts Ernstes geht ein lustiger unkonventioneller Freizeittyp sein. Klar war das eine Botschaft zurück nach Washington, am ihren Mann. "You" als Einzahl verstanden."Ich! kümmer' mich!"
tim_van_beek 22.06.2018
5. Trumps Razor
Man kann alles, was Trump oder Melania tun, als Rohrschachtest sehen. Die Reaktionen sind ja die eigentliche Unterhaltung bei der ganzen Show. Aber wenn man Trump's razor anwendet, dann hat Melanias Pressesprecherin wohl recht. Sie ist vielleicht wie ihr Mann ein funktionaler Analphabet und hat den Spruch schlicht optisch schön gefunden (sieht so streetmäßig aus, so wie Graffitti, man kann ja keine Gucci-Modesachen neben armen Migrantenkindern tragen!), ohne ihn gelesen zu haben. Finde ich gar nicht so abwegig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.