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Memoiren des Ex-Premiers: Blair rechnet mit Erzfeind Brown ab

Von , London

In Großbritannien ist es das heiß erwartete Buch des Jahres: Tony Blair veröffentlicht seine Memoiren. Der britische Ex-Premier rechnet mit seinem Nachfolger Gordon Brown ab - und verteidigt den Irak-Krieg.

Blair mit britischen Soldaten im Irak (Aufnahme aus dem Mai 2003): "Ich kann nicht mit Worten Sorry sagen" Zur Großansicht
AFP

Blair mit britischen Soldaten im Irak (Aufnahme aus dem Mai 2003): "Ich kann nicht mit Worten Sorry sagen"

London - Die englischen Buchhändler erlebten am Mittwoch einen Harry-Potter-Moment. Zwar öffnete keiner extra um Mitternacht, auch standen keine Fans Schlange vor den Eingangstüren. Aber die Geheimnistuerei um Tony Blairs Memoiren erinnerte an das Tamtam wegen der Rowling-Bestseller. Im Dunkel der Nacht wurden die 718 Seiten dicken Wälzer in die Läden geschafft und in die Schaufenster gelegt. Nichts von dem brisanten Inhalt sollte vorab durchsickern.

Auf dem Weg zur Arbeit blicken die Briten am Morgen dann überall in die stahlblauen Augen ihres früheren Premierministers. Ernst schaut er vom Cover durch die Fensterscheiben. Wer kurz vor neun Uhr an der Großbuchhandlung Waterstone's am Piccadilly vorbeikommt, kann sogar eine kleine Demonstration gegen den vermeintlichen "Kriegsverbrecher" erleben.

Selten haben politische Memoiren auf der Insel solch einen Wirbel ausgelöst. Natürlich ist von einem "Publishing Event" die Rede, der Online-Händler Amazon rechnet aufgrund der Vorbestellungen sogar mit der meistverkauften politischen Autobiografie aller Zeiten in Großbritannien.

"Tony Blair: A Journey" (Eine Reise) heißt das Buch, an dem Blair seit seinem Abgang aus der Downing Street 2007 geschrieben hat. Zunächst hatte es "The Journey" heißen sollen, bis jemandem noch rechtzeitig auffiel, dass das vielleicht zu vermessen klinge. Doch auch mit dem abgeschwächten Titel dürfte das Werk noch für genug Diskussionen sorgen, wenn es erst verdaut ist. Auf Deutsch erscheint es am 6. September.

Mit Spannung wurde vor allem Blairs Urteil über die beiden entscheidenden Männer in seiner Amtszeit erwartet: Gordon Brown und George W. Bush. Der eine war sein Schatzkanzler, Nachfolger und bitterster innenpolitischer Rivale. Der andere bescherte ihm das außenpolitische Desaster, das seinen Ruf dauerhaft ruinierte: den Irak-Krieg.

Über die Lagerkämpfe zwischen Blair und Brown, die 16 Jahre lang die Labour-Partei und die britische Regierung dominierten, sind bereits zahlreiche Bücher erschienen. Bisher handelte es sich jedoch immer nur um Beobachtungen Dritter - zuletzt im Juli die Memoiren von Peter Mandelson.

"Die Partei tat mir leid"

Nun rechnet Blair selbst ab. Er schreibt vom "Gordon-Problem" und vom "Gordon-Fluch". Als Blair 2007 nach jahrelangem Zögern das Amt des Premierministers endlich an den wartenden Brown übergab, wusste er nach eigenen Angaben, dass dies ein Fehler war. "Es war nicht weise, weil es nie funktionieren würde", schreibt Blair. Und: "Die Partei tat mir leid."

Wie schon Mandelson nimmt auch Blair zu Browns Makeln kein Blatt vor den Mund. "Politisches Kalkül, ja. Politisches Gefühl, nein", schreibt er. "Analytische Intelligenz, absolut. Emotionale Intelligenz, null."

Trotz dieser Mängel konnte Blair sich nie dazu durchringen, seinen Erzrivalen zu feuern. Das hätte die Partei destabilisiert, rechtfertigt er sich. Angesichts der großen Unterstützung, die Brown in Partei und Medien genoss, sei es "nahezu unmöglich" gewesen, den Wechsel in der Downing Street 10 zu verhindern.

Während die britischen Blätter die Lästerei über Brown auf die Titelseiten hoben, wird die Beziehung zu George W. Bush in den ersten Berichten noch nicht erwähnt. Auch in den Vorabauszügen auf der Buch-Website, die seit Mitternacht online sind, findet sich nur eine allgemeine Rechtfertigung des Irak-Kriegs.

Blairs Haltung ist nicht überraschend. Er hat den Krieg stets vehement verteidigt, zuletzt im Januar, als er vor der Chilcot-Untersuchungskommission angehört wurde. Jahrelang wurde er als "Bushs Pudel" verspottet, weil er dem US-Präsidenten scheinbar aufs Wort gehorchte. Doch hat Blair selbst das nie so gesehen. Auch in dem Buch stellt er sich wieder als humanitärer Interventionist dar, der aus eigener Überzeugung Truppen für die vermeintlich gute Sache schickte.

Er könne nicht sagen, er habe einen Fehler gemacht, erklärt Blair, selbst wenn manche seiner Unterstützer das gerne hören würden. Er bedauere "mit jeder Faser seines Seins" den Verlust der Menschenleben. Aber seine Entscheidung bedauere er nicht. "Ich kann nicht mit Worten Sorry sagen", schreibt er. "Ich kann nur hoffen, etwas von der Tragödie des Todes durch die Taten meines Lebens wieder gutzumachen."

Einnahmen gehen an Veteranenorganisation

Als eine erste Geste hat er kürzlich verkündet, die Millioneneinnahmen aus dem Buchverkauf der Veteranenorganisation British Royal Legion zu spenden. Seine Kritiker warfen ihm daraufhin Ablasshandel vor, der Vater eines toten Soldaten sprach gar von "Blutgeld". Die meisten Kommentatoren begrüßten die Großspende jedoch.

Blair hat den Kampf um seinen Ruf offensichtlich noch nicht aufgegeben. Eindringlich appelliert er an seine Leser, sich von der vorherrschenden Sichtweise auf den Irak-Krieg zu lösen und sich für die Möglichkeit zu öffnen, dass er das Richtige getan habe. Den Irakern gehe es ohne Saddam besser als zuvor, lautet seine Botschaft.

Die Charme-Offensive in eigener Sache wird am Mittwochabend fortgesetzt, wenn er in der BBC sein erstes großes Fernsehinterview seit seinem Abgang vor drei Jahren gibt. Das Interview musste aufgezeichnet werden, denn Blair weilt am Tag der Buchveröffentlichung nicht in London, sondern in Washington. Er ist zum Dinner im Weißen Haus eingeladen. Als Nahost-Sonderbeauftragter soll er gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama zwischen Israelis und Palästinensern vermitteln.

Daheim war der Ex-Premier seit längerem nicht politisch in Erscheinung getreten. Im Wahlkampf hatte er sich stark zurückgehalten. Sein Comeback auf der nationalen Bühne fällt nun just in eine kritische Phase in der Partei. Am Mittwoch landen die Wahlzettel für die Urwahl des neuen Labour-Parteivorsitzenden bei den Parteimitgliedern im Briefkasten. Die fünf Kandidaten für den Vorsitz fürchten nun, der Übervater könne sich in die Kür einmischen.

Blairs alter Mitstreiter Mandelson hatte am Wochenende bereits vor einer Abkehr von der wirtschaftsliberalen New-Labour-Agenda gewarnt: Ein Linksrutsch würde die Partei bei Wahlen wieder in die "Sackgasse" führen, hatte er gesagt. Blair argumentiert laut "Guardian" in dem Buch ähnlich. Er verteidigt seine Reformen und warnt vor einem Rückfall in die alte Staatsgläubigkeit.

Doch ist die Stimmung in der Partei längst gekippt. Die Zeichen stehen - wie auch anderswo in Europa - auf höhere Steuern und mehr Staat. Selbst Blairs Zögling David Miliband will im Kampf um den Parteivorsitz nicht als Bannerträger von New Labour wahrgenommen werden.

Die Einmischung von Blair und Mandelson stößt denn in der Partei auch auf wenig Gegenliebe. Ratschläge dieser beiden seien "das Letzte, was Labour braucht", wetterte die "Guardian"-Kolumnistin Polly Toynbee. Die beiden hätten seit zehn Jahren keine neuen Ideen mehr gehabt. Es stünde ihnen daher gut an, sich würdevoll in den vergoldeten Ruhestand zu verabschieden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. .
frubi 01.09.2010
Zitat von sysopIn Großbritannien ist es das heiß erwartete Buch des Jahres: Tony Blair veröffentlicht seine Memoiren. Der britische Ex-Premier rechnet mit seinem Erzrivalen Gordon Brown ab - und verteidigt den Irakkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,714998,00.html
Das ist doch schön. Wenigstens steht er zu seinen Kriegsverbrechen. Ich hoffe nur, dass die Briten seine Amtszeit historisch richtig einordnen werden.
2. .
ReinerG, 01.09.2010
Da kann der Gute soviel krähen wie er will, er gehörte vor den Gerichtshof in Den Haag. Oder, der Symbolik wegen, nach Nürnberg.
3. Kriegsverbrecher
durchblick 01.09.2010
Zitat von sysopIn Großbritannien ist es das heiß erwartete Buch des Jahres: Tony Blair veröffentlicht seine Memoiren. Der britische Ex-Premier rechnet mit seinem Erzrivalen Gordon Brown ab - und verteidigt den Irakkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,714998,00.html
Blair ist ein Kriegsverbrecher der uebelsten Sorte, im Nadelstreifenanzug!
4. Spon
axelkli 01.09.2010
heute wie immer als erstes die SPON-Seite aufgerufen und gleich wieder mal zig interessante Artikel entdeckt (Irak, Blair, Peak Oil, Kohls Berlin, etc.) Viel Lesestoff für einen langweiligen Bürotag. Vielen Dank !
5. Eine "Reise"?
hladik 01.09.2010
Da gaeb es doch sicher besser passende Titel fuer einen Politiker, der Krieg um seiner selbst Willen fuehrt und fuer den Zweck "Krieg" bereit ist zu luegen, Beweise zu faelschen und unliebsame Kritiker in den Suizid zu treiben. Wie waere es deshalb mit dem Titel "Ein Kampf", Tony? Uebrigens, die Russen waeren ohne Putin auch besser dran. Wann geht's los? Du wirst doch jetzt nicht kneifen, Tony?
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