Menschenrechte: Malaysia macht Jagd auf Homosexuelle

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

Homosexualität ist in Malaysia geächtet, der Staat macht zunehmend Jagd auf Schwule. Wenn ihnen der Prozess gemacht wird, drohen bis zu 20 Jahre Haft. Wahlkampf-Strategen instrumentalisieren die Hexenjagd nun auch im politischen Geschäft - um Rivalen zu diskreditieren.

Homophobie: Hexenjagd in Malaysia Fotos
AP

Anwar Ibrahim ist ein bekannter Mann in Malaysia. Er war Finanzminister und stellvertretender Premier. Jetzt führt der 64-Jährige die Opposition an. Menschenrechtsaktivisten nennen ihn die "Stimme der Demokratie" in ihrem Land. Bei den kommenden Wahlen hätte er durchaus Chancen, Regierungschef Najib Razak zu schlagen - wenn er nicht wegen angeblicher Homosexualität vor Gericht stünde, zum zweiten Mal in seiner langen politischen Karriere. Das Urteil soll am 9. Januar 2012 verkündet werden. Anwar rechnet mit "dem Schlimmsten" - nach malaiischen Gesetzen eine Gefängnisstrafe von bis zu 20 Jahren.

In den sechs Tagen vor der Urteilsverkündung will er nun noch einmal wie ein Wirbelwind durch neun malaiische Bundesländer touren. "Eine Menge Leute beten dafür, dass ich freigesprochen werde", sagt er. "Und ich will allen beteuern, dass ich unschuldig bin." Er will die Menschen davon überzeugen, "dass es bei der Anklage nur darum geht, meine Kandidatur für die Wahlen zu verhindern".

Denn Homosexualität wird in Malaysias muslimischer Gesellschaft immer noch geächtet und von der Justiz erbarmungslos verfolgt - allein der Verdacht, wie das Beispiel Anwar Ibrahim zeigt, kann zur politischen Waffe werden. Der Oppositionelle war schon einmal wegen angeblicher Homosexualität in zweifelhaften Gerichtsverfahren zu Fall gebracht worden: Der damalige Ministerpräsident Mahathir Bin Mohamad, als dessen Nachfolger Anwar bereits offen gehandelt wurde, entließ ihn 1998 völlig überraschend aus seinem Amt als Vize-Premier. Bis dahin hatte der unkonventionelle Intellektuelle als kommender Star in Malaysias Politik gegolten.

Doch stattdessen wurde er in zwei umstrittenen Prozessen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt: 1999 zu sechs Jahren wegen angeblicher Korruption. Ein Jahr später erhielt er eine zusätzliche Freiheitsstrafe von neun Jahren, weil er seinen Chauffeur zu homosexuellen Handlungen gezwungen haben sollte. Doch 2004 wurde das Urteil vom Obersten Gerichtshof aufgehoben, und der Berufungsrichter befand: "Anwar hätte gleich freigesprochen werden müssen." Denn das Verfahren war mehr als fragwürdig: Das Haus, in dem Anwar seinen Fahrer angeblich zum Sex gezwungen haben sollte, war zum Zeitpunkt der "Tat" noch gar nicht gebaut. Ein Belastungszeuge war, wie er im Berufungsverfahren zugab, unter Folter zu einer Falschaussage gezwungen worden.

Stipendium gegen Falschaussage

Auch diesmal spricht alles dafür, dass der populäre Oppositionspolitiker von einer willfährigen Justiz mit fingierten Beweisen mundtot gemacht werden soll. Der Hauptbelastungszeuge ist Mohd Saiful, ein junger Mann, den Anwar 2008 als Wahlkampfhelfer angeheuert hatte. Anwar war es zu dem Zeitpunkt gelungen, die Opposition kurz vor landesweiten Wahlen in Malaysia zu einen. Sie drohte der Regierungspartei "United Malays National Organisation" (UMNO) gefährlich zu werden. Der neue Mitarbeiter Anwars zeigte seinen Chef nach bewährtem Muster an: Anwar habe ihn zu gleichgeschlechtlichem Sex gezwungen, hieß wiederum der Vorwurf.

Seinem Kontrahenten Abdullah Ahmad Badawi nützte es jedoch nicht viel. Sein Regierungsbündnis verlor zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit des Landes 1963 die Zwei-Drittel-Mehrheit und in fünf von 13 Bundesstaaten sogar die Mehrheit. Die Oppositionsparteien gewannen knapp die Hälfte der Stimmen. Anwar zog ins Parlament ein.

Doch noch war die Sache mit der Anzeige von Mohd Saiful nicht ausgestanden. Es gibt nach übereinstimmenden Presseberichten zwar keinerlei Beweise für die Behauptung des angeblichen Opfers. Allerdings habe sich herausgestellt, dass Mohd Saiful, zwei Tage bevor er die Anzeige gegen Anwar erstattet hatte, mit dem heutigen Premierminister Najib Razak zusammengetroffen war. Dabei soll Najib mit dem Wahlkampfhelfer seines politischen Gegners über ein mögliches Stipendium gesprochen haben. Dennoch wurde im Februar 2010 der Prozess eröffnet. Kurz nachdem das Urteil am 9. Januar verkündet worden ist, soll es nach Medienspekulationen vorgezogene Neuwahlen geben. Wenn Najib Razaks Drehbuch aufgeht ohne seinen Herausforderer Anwar.

Gnadenlose Treibjagd auf Homosexuelle

Denn Malaysia gehört zu den 76 Staaten, in denen Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Nach Paragraf 377 des malaiischen Strafgesetzbuches sind gleichgeschlechtliche Handlungen strafbar, selbst wenn sie einvernehmlich geschehen. 20 Jahre Haft sind die Höchststrafe. Stockschläge werden den Delinquenten von ihren Richtern meist noch zusätzlich verordnet.

Nicht nur Politiker wie Anwar Ibrahim sind diesem gnadenlosen Gesetz zum Opfer gefallen. In den vergangenen Jahren wurde eine regelrechte Treibjagd auf Homosexuelle veranstaltet, die Gesetze wurden immer wieder verschärft. Seit 1994 ist der Auftritt von Schwulen und Lesben in den staatlich kontrollierten Medien verboten. 2007 ordnete der damalige Regierungschef Mahathir Bin Mohamad an, dass Homosexuelle keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden dürfen. Das Staatsfernsehen zeigt Dokumentationen aus der Schwulenszene, um die "Widernatürlichkeit" gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu demonstrieren. Immer wieder werden in Clubs, Fitnesscentern und Massage-Salons in Kuala Lumpur, wo es trotz aller Verfolgung eine lebhafte Schwulen- und Lesbenszene gibt, Razzien durchgeführt.

57 Jugendliche, die ihren Lehrern als "weibisch" aufgefallen waren, wurden im April dieses Jahres in ein Umerziehungslager gesteckt. Der US-Rocker Adam Lambert nahm im Oktober 2010 nach Massenprotesten von Mitgliedern der Regierungspartei "aus Respekt vor der Regierung" an seinem Programm mit homosexuellen Szenen "ein paar kleine Korrekturen" vor. Und Lady Gagas "Born This Way" darf in Malaysia nur in staatlich zensierter Form gespielt werden.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das gab es auch in Deutschland
mundi 01.01.2012
Zitat von sysopHomosexualität ist in Malaysia geächtet, ...... Nach Paragraf 377 des malaiischen Strafgesetzbuches sind gleichgeschlechtliche Handlungen strafbar
In Deutschland wurde erst 1994 die Strafbarkeit der homosexuellen Handlung aufgehoben. Laut katholische Kirchenlehre ist Homosexualität kein Problem, das Auleben der gleichgeschlechtlichen Sexualität aber, eine Sünde.
2. Nicht Malaysia...
Reqonquista 01.01.2012
Zitat von sysopHomosexualität ist in Malaysia geächtet, der Staat macht zunehmend Jagd auf Schwule. Wenn ihnen der Prozess gemacht wird, drohen bis zu 20 Jahre Haft. Wahlkampf-Strategen instrumentalisieren die Hexenjagd nun auch im politischen Geschäft - um Rivalen zu diskreditieren. Menschenrechte: Malaysia macht Jagd auf Homosexuelle - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806347,00.html)
...macht Jagd auf Schwule, sondern der Islam im Land! Als Schwuler sollte man sich nie in einem Land mit einer bestimmten Religion outen. Warum spricht man das nicht auch im Titel offen an? Ist das sonst inkorrekt? Malaysia ist ein moderner Staat und sollte bei der Schulengleichberechtigung mit gutem Beispiel vorangehen! So wie man es bei uns immer im Umgang mit fremden Religionen fordert.
3. Ekelhaft
Werner655 01.01.2012
Zitat von sysopHomosexualität ist in Malaysia geächtet, der Staat macht zunehmend Jagd auf Schwule. Wenn ihnen der Prozess gemacht wird, drohen bis zu 20 Jahre Haft. Wahlkampf-Strategen instrumentalisieren die Hexenjagd nun auch im politischen Geschäft - um Rivalen zu diskreditieren. Menschenrechte: Malaysia macht Jagd auf Homosexuelle - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806347,00.html)
In dem Artikel werden zwei Punkte vermischt. Der Umstand, dass Homosexualität strafbar ist zum einen. Dass dieses "Verbrechen" dazu genutzt wird Konkurrenten zu diskreditieren oder gar hinter Gitter zu bringen, zum anderen. Über diesen Skandal wird berichtet, als ginge es um den Wetterbericht. Die Finanzmärkte scheinen bei SpOn inzwischen mehr Emotionen auszulösen, als untragbare Exzesse der islamischen Ideologie. Mir will mehr und mehr nicht einleuchten, dass gebildete Menschen hierzulande nicht zu dem Ergebnis kommen, dass Islam (bei uns) nur dann akzeptabel ist, wenn er im Rahmen einer säkularisierten Struktur statt findet. Die Verfechter der Scharia müssen heftig bekämpft werden.
4. Moderate Muslime
Bhigr 01.01.2012
Malaysia wird ja allenthalben als moderates islamisches Land gepriesen. Das stimmt auch, denn da hängen die Schwulen nicht wie im Iran von den Baukränen. Man ist zivilisierter, weshalb man die Schwulen nur lebenslang wegsperrt. Merke: Islam bedeutet Frieden und Toleranz (Ayman Mazyek, Zentralratsvorsitzender)
5. Ganz normal
Tommie B 01.01.2012
Die staatlich und juristisch rechtmäßige Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen ist in islamischen Ländern doch absolut üblich. So ist das eben in dieser Religion des Friedens, da muss man jetzt einfach mal etwas kultursensibel sein. Außerdem findet der Papst Schwule auch nicht gut und das ist praktisch dasselbe wie ein gesellschaftlich verankerter und auf Staatsräson basierender Schwulenhass. Da dürfen wir jetzt auf keinen Fall schlecht über die Malayen denken, das fördert nur rassistische Ressentiments in der Mitte der Deutschen Gesellschaft. Ich geh´ jetzt erstmal Wellness auf den Malediven machen. Ach ne, das ist ja fast so unislamisch wie Schwulsein und daher auch verboten....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Anwar Ibrahim
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 64 Kommentare