Londoner Olympia-Gästeliste Herzlich willkommen, Diktatoren!

120 Staatsoberhäupter und Regierungschefs werden zu den Spielen in London erwartet. Die Anreise der übelsten internationalen Polit-Schurken konnte die britische Regierung verhindern. Trotzdem werden wohl etliche Autokraten mit dabei sein - auf Geheiß der Olympia-Funktionäre.

REUTERS

Von Grit Hartmann und


London - Auch das wird ein olympischer Rekord: 120 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt werden am Freitag im Buckingham Palace von der Queen empfangen. Danach kutschiert man die Würdenträger unter größtem Sicherheitsaufgebot gemeinsam zur Eröffnungsfeier ins Olympiastadion. Einige Potentaten aber, die in der olympischen Familie des IOC eigentlich bestens vernetzt sind, müssen diesmal daheim bleiben.

Etwa Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko, "Europas letzter Diktator" genannt. Lukaschenko ist Träger des Ordens des europäischen Olympiakomitees EOC. Die britische Regierung will den Sportkameraden nicht sehen, der, wie die Moskauer Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtet, seine Sportler "vor die Aufgabe gestellt hat, 25 Medaillen, darunter fünf Goldmedaillen, zu gewinnen".

Weißrusslands Staatschef, der selbstverständlich auch das Nationale Olympische Komitee (NOK) seines Landes führt, steht wegen Unterdrückung der Opposition auf der schwarzen Liste der Europäischen Union. Dieser Bann trifft nur ausgesuchte Bösewichte:

  • den greisen Robert Mugabe (Simbabwe), der sich vor der Fußball-WM 2010 mit dem FIFA-Goldpokal zeigen durfte
  • General Frank Bainimarama, der sich 2006 auf den Fidschi-Inseln an die Macht putschte
  • Antonio Injai, der im April den Militär-Coup in Guinea-Bissau anführte

Lukaschenko zürnt nun in heimischen Medien: Die Sommerspiele 2012 "sind politisiert und schwer beschädigt, während wir hier eine Insel des freien Denkens und der Unabhängigkeit sind".

Die diplomatische Formel der Briten für die Ausladung der Diktatoren lautet: "Wenn die Anwesenheit einer Persönlichkeit dem Gemeinwohl nicht zuträglich" sei, werde die Einreise verweigert. Das Kriterium dafür: "unabhängige, verlässliche und glaubhafte Beweise, dass eine Person Menschenrechtsverletzungen begangen hat". Nachdem Lukaschenko seinen Bann selbst bekanntgab, bestätigte die britische Botschaft in Minsk den Vorgang äußerst zurückhaltend. Für die restriktive Informationspolitik gibt es Gründe: Das Wohlbefinden des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) soll nicht allzu sehr getrübt werden. Ginge es nach den Bossen der Ringe, wäre die Gästeliste fürs Londoner Fest deutlich länger.

Bad Guys des Weltgeschehens

Dafür, wen das IOC so einlädt, interessierte sich Viola von Cramon, die sportpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. "Ausweichend", sei die Antwort aus Lausanne ausgefallen, sagt die Abgeordnete. IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper ließ nur wissen, Einladungen seien an alle 204 Nationalen Olympischen Komitees geschickt worden, "nicht an einzelne Vertreter, sondern an die Organisationen". Und die würden schon wissen, dass der Akkreditierungsprozess für die Spiele "nicht in einem Vakuum stattfindet".

Im Fall Weißrussland landete die Einladung aus Lausanne also direkt auf dem Tisch des NOK-Chefs Lukaschenko. Diese Präsidentschaft verstößt zwar gegen die Olympische Charta, doch mit den eigenen Anstandsregeln geht das IOC traditionell entspannt um. Von Cramon hätte sich "gewünscht, dass das IOC seine Charta ernst nimmt und den Bad Guys des Weltgeschehens den Zugang zum Fest der Völkerverständigung verwehrt".

Die Briten verweigerten auch dem syrischen Generals Muwaffak Dschuma die Einreise, auch er NOK-Chef seines Landes und ein weiteres Beispiel dafür, dass Autokraten aus aller Welt ihre Sportführer gern aus vertrautem Kreise rekrutieren. Der Assad-Helfer demonstrierte sogleich, dass ihn weniger das sportliche Fortkommen der Weltjugend als das propagandistische Einspielergebnis für sein Regime interessiert: "Die syrischen Athleten werden trotzdem an den Spielen teilnehmen, um den Willen unseres Volkes und die entschlossene Unterstützung für die Führung unseres Landes und die Armee zu zeigen."

Kim Jong Un bleibt daheim

Der Eindruck, dass die Briten über ihre Visa-Politik für eine autokratenfreie Zone im Olympiastadion gesorgt hätten, wäre allerdings verfehlt. Zu den freiwilligen No-shows gehören die Präsidenten Wladimir Putin und Mahmud Ahmadinedschad. Beiden reichten Proteste von Parlamentariern aus, um ihre Teilnahme an der Eröffnungssause abzusagen. Auch Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, "Genie der Genies" und frisch gebackener Marschall der Armee, bleibt daheim. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur berichtete, dass Kim kürzlich eine Waffenfabrik mit angeschlossenem Schießstand besucht habe, wobei er "Anleitung" gab, wie "die Sportler des Landes erfolgreicher sein könnten". Im Schießen. Allerdings will sich der russische Staatschef Putin, ein Judo-Fan, später die Judo-Wettkämpfe bei Olympia in London anschauen - privat, wie er betonte.

Die Potentaten Islam Karimow (Usbekistan) und sein Pendant Gurbanguly Berdymuchammedow (Turkmenistan) hingegen planen laut britischen Medien ihren Besuch - obgleich Human Rights Watch anlässlich der Spiele darauf hinwies, dass deren Herrschaftsbereiche "zu den schlimmsten Diktaturen der Welt" zählen. Einer von Karimows engsten Vertrauten, Gafour Rachimow, den Kenner schon für den eigentlichen Boss in Usbekistan halten, hat ebenfalls etliche Sportfunktionen: NOK-Chef, Vizepräsident des Welt-Amateurboxverbandes AIBA und des olympischen Councils Asiens (OCA). Weil er in FBI-Akten als Chef des Drogenkartells in seiner Region geführt wird, verwehrte ihm die australische Regierung vor zwölf Jahren die Einreise zu den Sommerspielen nach Sydney. Er sei eine Gefahr für die Sicherheit Olympias und Australiens, hieß es damals. Inzwischen ist er im IOC etabliert.

Proteste von NGO erfolglos

Proteste von NGO blieben auch gegen Scheich Nasser bin Hamad al-Khalifa, Thronfolger von Bahrain und natürlich NOK-Präsident, erfolglos. Nasser war beteiligt an der blutigen Niederschlagung des Arabischen Frühlings in der Golfmonarchie. Das Europäische Zentrum für Menschenrechte (ECCHR) übermittelte Premier David Cameron Beweise dafür, dass die Hoheit "die Verhaftung von rund 150 Athleten, Trainern und Schiedsrichtern organisierte". Zeugen hätten bestätigt, der Prinz habe sie im Gefängnis persönlich mit Fußtritten traktiert. Das Königshaus wies die Vorwürfe in einem offiziellen Statement zurück.

IOC-Mitglied ist der ägyptische General Mounir Sabet, Schwager Mubaraks, ein Waffenhändler, dem schwere Korruption und Geldwäsche vorgeworfen werden. Der Bruder der Kleptomanin Suzanne Mubarak kam bei der Privatisierung von Staatsfirmen auf wundersame Weise zu märchenhaften Reichtümern. Der Schweizer Bundesrat fror seine Konten in der Schweiz schon Anfang 2011 ein. Mit der Olympischen Charta aber kommt der sportive General deshalb nicht in Konflikt.

Ein anderer General aus Ägypten, NOK-Präsident Mahmoud Ahmed Ali, gehörte zu denen, die versuchten, die Proteste auf dem Tahir-Platz gewaltsam zu beenden. Auch darüber wird man nichts hören, wenn das IOC in London mal wieder seinen olympischen Frieden preist.

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Seite 1
l.augenstein 27.07.2012
1. International Organisation of Crimes
Zitat von sysopREUTERS120 Staatsoberhäupter und Regierungschefs werden zu den Spielen in London erwartet. Die Anreise der übelsten internationalen Polit-Schurken konnte die britische Regierung verhindern. Trotzdem werden wohl etliche Autokraten mit dabei sein - auf Geheiß der Olympia-Funktionäre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846610,00.html
Der Artikel bestätigt mir meine Einstellung zu den Olympischen Spielen. Die gehen mir schlichtweg am Allerwertesten vorbei. Dagegen ist die Tour de France ja die reinste Wonneveranstaltung.
Peter.Lublewski 27.07.2012
2. Strolche
Wenn man bedenkt, was für sonstige Strolche - etwas höflicher auch "Politiker" genannt - da nach London kommen, dann hätten die paar richtig bösen Buben sicher nichts ausgemacht.
caecilia_metella 27.07.2012
3.
Zitat von sysopREUTERS120 Staatsoberhäupter und Regierungschefs werden zu den Spielen in London erwartet. Die Anreise der übelsten internationalen Polit-Schurken konnte die britische Regierung verhindern. Trotzdem werden wohl etliche Autokraten mit dabei sein - auf Geheiß der Olympia-Funktionäre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846610,00.html
Dynasten über Dynasten ... Sie wollen mir also erzählen, wie undemokratisch die einen sind.
Peter.Lublewski 27.07.2012
4. Elefantenjäger
Zitat von sysopREUTERS120 Staatsoberhäupter und Regierungschefs werden zu den Spielen in London erwartet. Die Anreise der übelsten internationalen Polit-Schurken konnte die britische Regierung verhindern. Trotzdem werden wohl etliche Autokraten mit dabei sein - auf Geheiß der Olympia-Funktionäre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846610,00.html
Ich verstehe die Kriterien nicht, nach denen da ein- oder ausgeladen wird. Wenn beispielsweise der Elefantenjäger aus Spanien nach London kommt, dann ist das in Ordnung?
frubi 27.07.2012
5. .
Zitat von Peter.LublewskiWenn man bedenkt, was für sonstige Strolche - etwas höflicher auch "Politiker" genannt - da nach London kommen, dann hätten die paar richtig bösen Buben sicher nichts ausgemacht.
Wären wir im Jahre 2008, wären Assad, Ben-ALi, Mubarrak und Co. sicherlich auch mit dabei. 100 %tig. Die sind (oder waren) ja erst seit kurzem böse Buben.
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