Aktivistin über ihr Snowden-Treffen "Er sieht aus wie ein Schulkind"

Die Menschenrechtsaktivistin Tatjana Lokschina traf Edward Snowden am Moskauer Flughafen. In einem Bericht, den sie anschließend schrieb, schildert sie das Gespräch mit dem Flüchtling - und ihre ganz persönlichen Eindrücke des "meistgesuchten Mannes der Welt".

Aktivistin Lokschina: "Das Erste, was ich dachte, war, wie jung er aussieht"
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Aktivistin Lokschina: "Das Erste, was ich dachte, war, wie jung er aussieht"


Hamburg - Schon bei der Einladung habe sie "den Hauch eines Agententhrillers aus der Zeit des Kalten Krieges" gespürt, berichtet Tatjana Lokschina. Die Russin ist Funktionärin bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und gehörte zu den wenigen Auserwählten, die am Moskauer Flughafen den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden treffen durften. In der Nacht nach dem Treffen fasste sie auf der Internetseite der Organisation ihre ganz persönlichen Eindrücke zusammen.

Lokschina beschreibt Snowden mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verwunderung: "Das Erste, was ich dachte, war, wie jung er aussieht - wie ein Schulkind."

Snowden hatte ein riesiges Spähprogramm des US-Geheimdienstes NSA öffentlich gemacht und ist seither auf der Flucht vor der US-Justiz. Seit etwa drei Wochen hält er sich offenbar im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf.

Zuerst habe sie die E-Mail mit der Einladung für einen Scherz gehalten, berichtet Lokschina. Selbst als die Medien bei ihr anriefen, sei sie noch skeptisch gewesen. Erst als sich die Sicherheitsfirma des Flughafens meldete und nach ihrer Ausweisnummer fragte, sei ihr bewusst geworden: "Der meistgesuchte Mann der Welt will mich treffen."

"Ich habe immer noch nichts gefrühstückt"

Noch auf dem Weg zum Flughafen habe sie einen Anruf der amerikanischen Botschaft bekommen. "Ob ich die Position der USA verstanden hätte, dass Snowden kein Verteidiger der Menschenrechte sei, sondern ein Gesetzesbrecher der zur Verantwortung gezogen werden müsse." Sie solle Snowden die US-Position überbringen - und habe dies auch getan. "Ich war nur fair, ihn über den Anruf zu informieren."

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NSA-Skandal: Snowden will temporäres Asyl in Russland

Bei dem einstündigen Treffen habe Snowden zuerst eine Stellungnahme verlesen, dann hätten die Gäste Fragen stellen können. "Er sagte, wir sollten die USA und europäische Staaten ersuchen, seine Schritte nicht zu behindern", schreibt Lokschina. Unter den gegebenen Umständen habe er keine andere Wahl, als einen Asylantrag in Russland zu stellen. Seine Lebensbedingungen seien in Ordnung und er sei bei guter Gesundheit - aber er könne nicht ewig auf dem Flughafen bleiben. Wiederholt habe er deshalb gesagt, dass er eigentlich nach Südamerika ausreisen wolle. "Russland sei nur eine vorübergehende Station", berichtet Lokschina.

Das dürfte auch dem russischen Präsidenten am liebsten sein. Wladimir Putin hat Snowden zwar Asyl angeboten, käme aber in die Bredouille, wenn Snowden tatsächlich offiziell anerkannt würde. Die USA machen mächtig Druck - am Freitagabend schaltete sich sogar Präsident Barack Obama persönlich in den Streit ein und legte Putin telefonisch seine Argumente dar.

Selbst wenn Snowden bald aus Moskau verschwinden sollte, Aktivistin Lokschina dürfte die Begegnung mit ihm nie vergessen. "Es ist jetzt Mitternacht in Moskau", schrieb sie am Ende ihres Berichts, "und ich habe immer noch nichts gefrühstückt."

Lesen Sie hier eine Chronologie der gesamten NSA-Affäre.

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NSA-Enthüllungen: Chronologie der Snowden-Affäre

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rainer_humbug 13.07.2013
1. Wahnsinns Artikel
Ich weiß jetzt, dass Lokschina, wer auch immer das ist, noch nie gehölt, offensichtlich zuvor noch kein Bild von ihm gesehen hat und sein Aussehen als Schulkind deutet und dass sie immernoch nicht gefrühstückt hat. Echte Profis ihr Journalisten! Für diesen Qualitätsjournalismus gabs bestimmt ordentliche Boni vom Chef.
skilliard 13.07.2013
2. Schuss ins Knie
Ob die US-Regierung wohl jemals begreifen wird, dass es nicht Snowden ist, der ihnen die schlechte Publicity einbrockt sondern dass sie das ganz alleine zu verantworten haben? Mit jedem Tag der vergeht gruselt es einen mehr vor den "Verteidigern der Freiheit".
carahyba 13.07.2013
3. Botengängerin?
Zitat von sysopREUTERSDie Menschenrechtsaktivistin Tanja Lokschina traf Edward Snowden am Moskauer Flughafen. In einem Bericht, den sie anschließend schrieb, schildert sie das Gespräch mit dem Flüchtling - und ihre ganz persönlichen Eindrücke des "meistgesuchten Mannes der Welt". http://www.spiegel.de/politik/ausland/menschenrechtsaktivistin-lokschina-schreibt-ueber-edward-snowden-a-910941.html
Was muss eine Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation HRW(Human Rights Watch) eine Nachricht der US-Botschaft überbringen. Ist sie deren Botengängerin oder arbeitet sie gar für das State-Department?
epigone 13.07.2013
4. unerträglich ...
wie die meisten "liberalen" Medien in Deutschland den Dackel und Speichellecker für die Deutsche Regierung und die USA mimen!!! Dass SPON da nicht mitmacht finde ich sehr wichtig. Auch heute wieder in der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar, der v.a. die Rechte der USA und die Unangebrachtheit des Verhaltens Russlands bekrittelt. Bekommen diese Speichellecker denn nun auch ihr Geld aus den USA??? Übrigens die gleichen Typen, die noch beim viel viel viel viel harmloseren Gesetz über die Vorratsdatenspeicherung den Untergang der freien Bundesrepublik erwarteten. Ich empfinde es jedenfalls aus unerträglich, wie offen wieder einmal zutage liegt, dass Recht und Gesetz immer nur solange gelten, wie es den Mächtigen nicht unbequem ist. Ein Schritt weiter und auch elementare Bürgerrechte werden auf die Schnelle kassiert. Wie sagte der ehem. Verfassungsrichter Papier zu der Geschichte jüngst (sinngemäß): "Das Grundrecht auf das Post- und Telekommunikationsgeheimnis ist in Deutschland schon längst zerstört".
Qual 13.07.2013
5. optional
Die erste und zweite Überschrift ließ eigentlich Informationen erwarten, aber irgendwie finde ich die nicht außer von einem Anruf der US-Botschaft der irgendwie wenig mit den Erwartungen zur Überschrift zu tun hat.
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