Menschenrechtsbericht: Libyscher Ex-Diplomat wurde zu Tode gefoltert

Schwere Vorwürfe gegen die neuen Machthaber in Libyen: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft ihnen vor, den ehemaligen libyschen Botschafter in Frankreich in der Haft gefoltert und getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.

Tripolis/Hamburg - Folter ist nach Angaben von Menschenrechtlern auch nach dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi in Libyen Alltag. Jetzt gibt es neue Vorwürfe: Laut Human Rights Watch (HRW) soll der ehemalige libysche Botschafter in Frankreich, Omar Brebesch, nach seiner Festnahme am 19. Januar in der Haft gefoltert und getötet worden sein.

Verantwortlich sind laut der Menschenrechtsorganisation die im Kampf gegen den ehemaligen libyschen Machthaber Gaddafi siegreichen Rebellen.

Nach Angaben seines Sohnes stellte sich Brebesch, der von 2004 bis 2008 als Diplomat in Frankreich tätig war, im Januar freiwillig den Behörden in Tripolis, nachdem er zu einem Verhör vorgeladen worden war. Am nächsten Tag sei die Familie informiert worden, dass sie seine Leiche im Krankenhaus der Stadt Sintan, etwa 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt gelegen, abholen könnte.

Der Körper des Toten habe schwere Verletzungen und Folterspuren aufgewiesen, berichtet Brebeschs Sohn Mohammed. Aus Nase und Mund der Leiche sei Blut ausgetreten, außerdem habe er große Beulen auf der Stirn aufgewiesen. "Sein ganzes Gesicht sah deformiert aus." Die Familie habe Human Rights Watch Bilder übergeben, die diese Darstellung belegten. Laut einem Autopsiebericht seien Brebesch außerdem mehrere Rippen gebrochen und die Fußnägel herausgerissen worden. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Die neue libysche Führung müsse nun beweisen, dass sie keine Folterungen dulde.

Die Uno ist wegen der Menschenrechtslage zunehmend besorgt

Auch Amnesty International hatte zuletzt schwere Anschuldigungen gegen die neuen Machthaber erhoben. Am vergangenen Donnerstag berichtete die Organisation, dass mehrere Menschen, die in den vergangenen Monaten in Gefängnissen starben, Spuren von Folterungen zeigten. Zudem hätten Vertreter mehrere Häftlinge getroffen, die offensichtlich misshandelt worden seien.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bestätigte die Vorwürfe. In den Internierungslagern der libyschen Stadt Misurata stellten die Helfer nach eigenen Angaben bei insgesamt 115 Gefangenen, die sie behandelten, Verletzungen durch Folter fest.

Ein Sprecher von Ärzte ohne Grenzen erklärte dazu: "Patienten wurden während der Verhöre zur Behandlung zu uns gebracht, um sie wieder fitzumachen für die Fortsetzung der Befragung. Das ist vollkommen inakzeptabel." Die Mediziner hätten die Verantwortlichen in Misurata sowie mehrere Regierungsvertreter über die Misshandlungen informiert. Dies sei jedoch ohne Konsequenzen geblieben. In mindestens einem Fall hätten die Behörden die dringend notwendige Behandlung eines Gefangenen gar verhindert. Außerdem sei versucht worden, die Arbeit der Organisation "zu instrumentalisieren oder zu behindern".

Laut Amnesty International seien sowohl die Milizen und Sicherheitsdienste des Nationalen Übergangsrats als auch verschiedene andere bewaffnete Gruppen für die Folterungen verantwortlich. Die neue Führung in Tripolis habe wiederholt versprochen, die Zustände in den Gefangenenlagern zu verbessern. Gleichwohl sei keine Veränderung zum Positiven erkennbar. Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay schlug in der vergangenen Woche vor dem Weltsicherheitsrat Alarm: In etwa 60 Gefängnissen und Lagern würden landesweit mehr als 8000 Menschen festgehalten.

"Die Machthaber haben komplett versagt"

Besonders Häftlinge aus Schwarzafrika hätten unter Misshandlungen zu leiden. Sie werden oftmals beschuldigt, während des Aufstands als Söldner auf Seiten Gaddafis gekämpft zu haben. Jetzt nehmen die neuen Machthaber Rache: Gefangene berichten, dass sie von Wärtern mit Peitschen, Kabeln und Metallstangen verprügelt sowie mit Elektroschocks gequält worden seien.

Mitarbeiter von Amnesty International hätten mit eigenen Augen viele Häftlinge gesehen, die Verletzungen am ganzen Körper aufwiesen. In ihrer Not hätten zahlreiche Lagerinsassen Verbrechen gestanden, die sie nie begangen hatten.

Die Menschenrechtsorganisation warf dem libyschen Übergangsrat vor, beim Wiederaufbau von Polizei und Justiz viel zu zögerlich zu sein. Bislang seien die Foltervorwürfe schlicht ignoriert worden. "Die Machthaber haben beim Versuch, die Misshandlungen zu stoppen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, komplett versagt", klagte Amnesty-Sprecherin Donatella Rovera.

syd/heb/dapd/Reuters

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Und?
Stauss 03.02.2012
Wundert das in dem vom Westen herbeigebombten Gottesstaat samt Scharia und Tschador? Von wegen Demokratie und Menschenrechte. Wie im Kosovo, wie im Irak, wie in Afghanistan, wie überall, wo der Westen sich einmischt.
2.
freiheitsk 03.02.2012
Zitat von sysopSchwere Vorwürfe gegen die neuen Machthaber in Libyen: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft ihnen vor, den ehemaligen libyschen Botschafter in Frankreich in der Haft gefoltert und getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813178,00.html
Oha, wieder eine "Heldentat" der friedlichen Freiheitskämpfer aufgeflogen. Was sagt die UN dazu? Ach, die ist ja mit Syrien beschäftigt.
3.
Tomo1970 03.02.2012
Zitat von sysopSchwere Vorwürfe gegen die neuen Machthaber in Libyen: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft ihnen vor, den ehemaligen libyschen Botschafter in Frankreich in der Haft gefoltert und getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813178,00.html
Ich denke nicht, dass sich dafuer irgend jemand interessiert. Wichtig was doch nur, das Gaddafi Regime aus dem Weg zu raeumen. Jetzt soll das Land ruhig im Chasos versinken. Der nachste Kandidat ist schon ausgemacht. Es wird Syrien sein. Und dann kommt endlich Iran an die Reihe. Laender, die man in Buergerkriege stuerzt sind naemlich viel leichter zu handhaben.
4.
belle76 03.02.2012
Zitat von freiheitskOha, wieder eine "Heldentat" der friedlichen Freiheitskämpfer aufgeflogen. Was sagt die UN dazu? Ach, die ist ja mit Syrien beschäftigt.
Nicht nur das. Wie Oberindianer Rasmussen erst sagte: der NATO Einsatz ist beendet, nach ihnen die Sintflut. Interessiert nicht. Im Ägypten Thread haben sich einige - in meinen Augen - vernünftige Leute so geäussert: man kann nicht mit Macht bei Kulturen die völlig anders ticken, eine Demokratie herbeibomben wollen. Es geht einfach nicht, das die westliche Kultur sich selbst über alle anderen erhebt. Westliche Politker, westliche Medien haben mit Macht geleugnet, was manch ein Blog schon seit Monaten veröffentlicht: die neuen Machthaber sind schlimmer, viel schlimmer als die alten Machthaber. Na wenn das kein Erfolg ist. *sarkasmus aus*
5. macht nicht..
kuac 03.02.2012
Zitat von sysopSchwere Vorwürfe gegen die neuen Machthaber in Libyen: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft ihnen vor, den ehemaligen libyschen Botschafter in Frankreich in der Haft gefoltert und getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813178,00.html
Das macht nicht. Die neuen Machthaber sind ja unsere Hurensöhne!!
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Fotostrecke
Machtkampf in Libyen: Gaddafis Besieger verspielen ihre Chance


Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014)

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