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10. August 2007, 07:27 Uhr

Menschenrechtsverletzungen in Darfur

Der Tag, als man Ismael ins Feuer warf

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Erschießungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen: Das Elend der Menschen in Darfur ist unvorstellbar. Protokolle von Hilfsorganisationen geben nun Einblick in ihr Schicksal. Sie zeigen: Selbst nach der Flucht sind die Männer und Frauen nicht sicher.

Hamburg – Ismael war sechs, als die Dschandschawid kamen. Sie kamen auf Pferden und Kamelen, sie waren bewaffnet. Ismael musste zusehen, wie sie seinen Vater erschossen und seine Mutter, die die Gräueltaten nicht verkraftete, wenig später starb. Am Ende des Fastenmonats Ramadan kamen auch die Kampfflugzeuge der sudanesischen Armee. Sie flogen tief über das kleine Dorf im Westen des Sudan, aber sie bombardierten es nicht. Der Grund, sagt die Großmutter von Ismael, der heute zehn Jahre alt ist, sei simpel: "Sonst hätten die Dschandschawid das Dorf nicht mehr plündern können." So konnten sie. Und sie nahmen alles mit, was sie gebrauchen konnten: Lebensmittel, Rinder, Esel und junge Frauen.

Einen Monat später kamen die Reitermilizen zurück. Um das restliche Vieh zu holen und das Dorf zu vernichten – so wie sie zuvor schon Hunderte Siedlungen in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie kamen morgens, gegen 6 Uhr. Die Dorfbewohner waren gerade dabei, Frühstück zu machen. Ismaels Großmutter sagt, an dem Angriff seien auch Soldaten der sudanesischen Regierung beteiligt gewesen, aber keine Flugzeuge. Dieses Mal nahmen sie alles. Was sie nicht gebrauchen konnten, brannten sie nieder. Dann fiel ihr Blick auf Ismael.

"Sie stiegen von ihren Pferden und Kamelen, griffen sich den Jungen und warfen ihn in die Flammen", sagte seine Großmutter einer Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Waging Peace". Die Entwicklungshelferin führte in Lagern im Tschad mehr als 500 Interviews mit Flüchtlingen aus Darfur. Einige Protokolle liegen SPIEGEL ONLINE vor. Sie geben einen seltenen Einblick in das Leiden in der Krisenregion, die für internationale Beobachter und Hilfsorganisationen nicht zugänglich ist und aus der es deshalb praktisch keine Berichte gibt.

An jenem Morgen rannte Ismaels Großmutter – und zog ihren Enkel aus den Flammen. Der Junge wird diesen Tag nie vergessen: Die schweren Verbrennungen haben seine Haut zerstört, weiße Striemen ziehen sich über seinen dünnen Arm.

"Ich bin ein Krüppel, der keine Zukunft hat"

Heute lebt Ismael, der in Wahrheit anders heißt, mit seinen Geschwistern und seiner Großmutter in einem Flüchtlingslager im östlichen Tschad. Den Namen des Lagers, des Jungen oder der Mitarbeiterin der Hilfsorganisation zu nennen, ist zu gefährlich. "Die Brutalität, mit der auch in den Flüchtlingslagern gegen die Menschen vorgegangen wird, ist unvorstellbar", sagt die Mitarbeiterin von " Waging Peace".

"Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich in das Feuer geschmissen haben, aber ich kann mich daran erinnern, dass sie meinen Vater vor meinen Augen erschossen haben", hat der Zehnjährige der Frau erzählt. Bei dem Angriff sei alles genau geregelt gewesen, erinnert sich seine Großmutter: Ein Teil der Kämpfer sei für die Plünderungen zuständig gewesen, ein weiterer für das Anzünden der Häuser, ein dritter für die Ermordung derjenigen, die Widerstand leisteten oder schlichtweg im Weg waren. So wie Ismael.

Auf die Frage, wie es ihm in dem Lager geht, in dem er seit vier Jahren lebt, sagt Ismael: "Ich schäme mich so sehr, seit sie meinen Vater erschossen haben. Und nun bin ich selbst ein Krüppel, der keine Zukunft hat." Kaum hat er den Satz ausgesprochen, beginnt er zu weinen.

Die Frauen erniedrigt, die Männer erschossen

In Darfur kämpfen seit mehr als vier Jahren oppositionelle Rebellengruppen gegen die Dschandschawid – arabische Reitermilizen - und die Soldaten der sudanesischen Regierung. Die Dschandschawid werden beschuldigt, gemeinsam mit Soldaten der Regierung schwere Menschenrechtsverletzungen an der nichtarabischen Bevölkerung begangen zu haben.

Bei dem Konflikt, der zugleich eine Auseinandersetzung zwischen der sesshaften schwarzafrikanischen Bevölkerung und den arabischstämmigen Nomaden ist, geht es vor allem um eins: um Demütigung. "Die Dschandschawid haben das Gefühl, der schwarzafrikanischen Bevölkerung ethnisch überlegen zu sein. Sie haben das Gefühl, die Menschen wie Sklaven behandeln zu dürfen", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace" SPIEGEL ONLINE. Aus dieser Überzeugung würden sie die Dörfer plündern. "Sie glauben, dass ihnen all das zusteht."

Das Vorgehen der Milizen ist brutal: Männer werden in einer Reihe aufgestellt und nacheinander erschossen. "Und dann sagt man ihnen, der eine müsse den anderen beerdigen", so die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation. Frauen berichten von Massenvergewaltigungen, die in Gegenwart ihrer Männer und Familien begangen werden. "Die Frauen werden danach geächtet. Sie haben 'Schande über die Familie gebracht'", sagt die Entwicklungshelferin.

Rebecca Tinsley, Leiterin von "Waging Peace", sagt, ihr hätten sowohl 8- als auch 50-Jährige von Vergewaltigungen berichtet. "Mit 50 Jahren ist man im Sudan schon sehr alt. Mir hat eine Frau erzählt, dass die Milizen ihre Genitalien mit Rasierklingen aufgetrennt haben, die durch Beschneidungen verwachsen waren."

"Riecht diese Erde nach Sudan oder nach Tschad?"

Doch auch nach der Flucht sind die Menschen nicht sicher: Die Dschandschawid treiben auch in den Grenzregionen ihr Unwesen. "Die Grenze zwischen dem Sudan und dem Tschad ist lang. Die Soldaten schaffen es nicht, sie zu kontrollieren. Oder sie wollen es nicht", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace". Deshalb flüchten die einstigen Flüchtlinge aus den Lagern im Tschad zurück in den Sudan.

Die Bevölkerung im Tschad hat das Gefühl, dass die Hilfsorganisationen nur im Land sind, um die Flüchtlinge mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen – während sie selbst nichts haben. Und so ist jeder Gang aus dem Lager – sei es, um Holz zu sammeln, sei es, um auf einen kleinen benachbarten Markt zu gehen, für die Flüchtlinge lebensgefährlich. Die Tschader drücken mitunter das Gesicht eines Flüchtlings auf den staubigen Boden und fragen: "Riecht diese Erde nach Sudan oder nach Tschad? Dann geh dahin zurück, wo du hin gehörst."

Plündernde Milizen - und eine Regierung, die nichts tut

Die internationalen Hilfsorganisationen sind sich einig: Die Dschandschawid werden in ihrem Kampf gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung durch die Soldaten der sudanesischen Regierung unterstützt. "Es gibt sehr viele Belege für diese Vermutung", sagt Anabele Bermejo, Sprecherin von Amnesty International, SPIEGEL ONLINE. "Häufig werden Dörfer von den Flugzeugen der Armee bombardiert, während zur selben Zeit die Dschandschawid angreifen. Außerdem tragen die Reitermilizen die Waffen und Uniformen der Regierungstruppen", sagt Bermejo. So falle es der Regierung leichter, eine Zusammenarbeit mit den Kämpfern zu verneinen – denn die treten als solche nicht länger in Erscheinung. Die sudanesische Regierung tue "praktisch nichts" gegen die Dschandschawid und behindere die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs.

"Khartum gibt sich alle Mühe, die Kämpfe in Darfur als Auseinandersetzungen zwischen Stämmen erscheinen zu lassen. Und das Schlimme ist: Viele westliche Politiker glauben das", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace". "Wenn unsere Regierungen sich eingestehen würden, dass es dort Menschenrechtsverletzungen im hohen Ausmaß gibt, dann müssten sie handeln."

Ehemalige Soldaten der Regierung haben ihr erzählt, dass sie den expliziten Auftrag gehabt hätten, die Menschen in den Dörfern zu töten. "Man hat ihnen gesagt: Entweder ihr tötet sie, oder man wird euch töten." Sie äußert den Verdacht, dass die sudanesische Regierung die arabischen Reitermilizen nicht nur mit Waffen ausstattet und finanziert, sondern sie außerdem – auch in angrenzenden Ländern – ausbildet.

"Nichts als Propaganda, um der Regierung zu schaden"

Der Sprecher der sudanesischen Botschaft in Deutschland, Yonas bol Demanial, weist die Vorwürfe entschieden zurück. "Die Menschenrechtsverletzungen werden von Gesetzlosen begangen, nicht von der Regierung", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Die Gruppen werden nicht durch die Regierung unterstützt. Wir sind darum bemüht, den Frieden in unserem Land wieder herzustellen." Außerdem wäre der Sudan bereit, mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenzuarbeiten – allerdings unter der Bedingung, dass die Verhandlungen innerhalb des Landes und nicht in Den Haag geführt würden. Die Erzählungen der Flüchtlinge seien "Propaganda, um der Regierung zu schaden", sagt Demanial. Wahr seien die Schilderungen und die Ausführungen der Hilfsorganisationen nicht. Die Medien hätten in der Vergangenheit immer wieder dazu beigetragen, dem Ansehen des Landes zu schaden.

Die Einsätze in den Dörfern begründet die Regierung offiziell mit dem Kampf gegen die Oppositionellen. "Die Widerstandsbewegung ist nach unserer Einschätzung die Konsequenz der Angriffe durch die Dschandschawid", sagt die "Waging Peace"-Mitarbeiterin. Zwar seien die Rebellen nicht unschuldig, aber sie versuchten, ihre Dörfer zu verteidigen. Es gehe ihnen nicht darum, Zivilisten anzugreifen. "Und ich habe auch noch nicht von Vergewaltigungen durch diese Gruppen gehört."

Ismael wünscht sich unterdessen nur eins: dass die Wahrheit in die Welt gelangt. Und dass vielleicht irgendwann jemand kommt und seine Wunden heilt. Manchmal versucht seine Großmutter ihn zu beruhigen. Dann sagt sie ihm, dass er nicht der einzige ist, dem so Schlimmes widerfahren ist.

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