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Menschenrechtsverletzungen in Darfur: Der Tag, als man Ismael ins Feuer warf

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Erschießungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen: Das Elend der Menschen in Darfur ist unvorstellbar. Protokolle von Hilfsorganisationen geben nun Einblick in ihr Schicksal. Sie zeigen: Selbst nach der Flucht sind die Männer und Frauen nicht sicher.

Hamburg – Ismael war sechs, als die Dschandschawid kamen. Sie kamen auf Pferden und Kamelen, sie waren bewaffnet. Ismael musste zusehen, wie sie seinen Vater erschossen und seine Mutter, die die Gräueltaten nicht verkraftete, wenig später starb. Am Ende des Fastenmonats Ramadan kamen auch die Kampfflugzeuge der sudanesischen Armee. Sie flogen tief über das kleine Dorf im Westen des Sudan, aber sie bombardierten es nicht. Der Grund, sagt die Großmutter von Ismael, der heute zehn Jahre alt ist, sei simpel: "Sonst hätten die Dschandschawid das Dorf nicht mehr plündern können." So konnten sie. Und sie nahmen alles mit, was sie gebrauchen konnten: Lebensmittel, Rinder, Esel und junge Frauen.

Einen Monat später kamen die Reitermilizen zurück. Um das restliche Vieh zu holen und das Dorf zu vernichten – so wie sie zuvor schon Hunderte Siedlungen in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie kamen morgens, gegen 6 Uhr. Die Dorfbewohner waren gerade dabei, Frühstück zu machen. Ismaels Großmutter sagt, an dem Angriff seien auch Soldaten der sudanesischen Regierung beteiligt gewesen, aber keine Flugzeuge. Dieses Mal nahmen sie alles. Was sie nicht gebrauchen konnten, brannten sie nieder. Dann fiel ihr Blick auf Ismael.

"Sie stiegen von ihren Pferden und Kamelen, griffen sich den Jungen und warfen ihn in die Flammen", sagte seine Großmutter einer Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Waging Peace". Die Entwicklungshelferin führte in Lagern im Tschad mehr als 500 Interviews mit Flüchtlingen aus Darfur. Einige Protokolle liegen SPIEGEL ONLINE vor. Sie geben einen seltenen Einblick in das Leiden in der Krisenregion, die für internationale Beobachter und Hilfsorganisationen nicht zugänglich ist und aus der es deshalb praktisch keine Berichte gibt.

An jenem Morgen rannte Ismaels Großmutter – und zog ihren Enkel aus den Flammen. Der Junge wird diesen Tag nie vergessen: Die schweren Verbrennungen haben seine Haut zerstört, weiße Striemen ziehen sich über seinen dünnen Arm.

"Ich bin ein Krüppel, der keine Zukunft hat"

Heute lebt Ismael, der in Wahrheit anders heißt, mit seinen Geschwistern und seiner Großmutter in einem Flüchtlingslager im östlichen Tschad. Den Namen des Lagers, des Jungen oder der Mitarbeiterin der Hilfsorganisation zu nennen, ist zu gefährlich. "Die Brutalität, mit der auch in den Flüchtlingslagern gegen die Menschen vorgegangen wird, ist unvorstellbar", sagt die Mitarbeiterin von " Waging Peace".

"Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich in das Feuer geschmissen haben, aber ich kann mich daran erinnern, dass sie meinen Vater vor meinen Augen erschossen haben", hat der Zehnjährige der Frau erzählt. Bei dem Angriff sei alles genau geregelt gewesen, erinnert sich seine Großmutter: Ein Teil der Kämpfer sei für die Plünderungen zuständig gewesen, ein weiterer für das Anzünden der Häuser, ein dritter für die Ermordung derjenigen, die Widerstand leisteten oder schlichtweg im Weg waren. So wie Ismael.

Auf die Frage, wie es ihm in dem Lager geht, in dem er seit vier Jahren lebt, sagt Ismael: "Ich schäme mich so sehr, seit sie meinen Vater erschossen haben. Und nun bin ich selbst ein Krüppel, der keine Zukunft hat." Kaum hat er den Satz ausgesprochen, beginnt er zu weinen.

Die Frauen erniedrigt, die Männer erschossen

In Darfur kämpfen seit mehr als vier Jahren oppositionelle Rebellengruppen gegen die Dschandschawid – arabische Reitermilizen - und die Soldaten der sudanesischen Regierung. Die Dschandschawid werden beschuldigt, gemeinsam mit Soldaten der Regierung schwere Menschenrechtsverletzungen an der nichtarabischen Bevölkerung begangen zu haben.

Bei dem Konflikt, der zugleich eine Auseinandersetzung zwischen der sesshaften schwarzafrikanischen Bevölkerung und den arabischstämmigen Nomaden ist, geht es vor allem um eins: um Demütigung. "Die Dschandschawid haben das Gefühl, der schwarzafrikanischen Bevölkerung ethnisch überlegen zu sein. Sie haben das Gefühl, die Menschen wie Sklaven behandeln zu dürfen", sagt die Mitarbeiterin von "Waging Peace" SPIEGEL ONLINE. Aus dieser Überzeugung würden sie die Dörfer plündern. "Sie glauben, dass ihnen all das zusteht."

Das Vorgehen der Milizen ist brutal: Männer werden in einer Reihe aufgestellt und nacheinander erschossen. "Und dann sagt man ihnen, der eine müsse den anderen beerdigen", so die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation. Frauen berichten von Massenvergewaltigungen, die in Gegenwart ihrer Männer und Familien begangen werden. "Die Frauen werden danach geächtet. Sie haben 'Schande über die Familie gebracht'", sagt die Entwicklungshelferin.

Rebecca Tinsley, Leiterin von "Waging Peace", sagt, ihr hätten sowohl 8- als auch 50-Jährige von Vergewaltigungen berichtet. "Mit 50 Jahren ist man im Sudan schon sehr alt. Mir hat eine Frau erzählt, dass die Milizen ihre Genitalien mit Rasierklingen aufgetrennt haben, die durch Beschneidungen verwachsen waren."

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