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Menschenschmuggel auf dem Sinai: Höllentrip durch die Täler des Todes

Von Gil Yaron, Tel Aviv

Ägyptens Regierung entgleitet die Kontrolle über die Halbinsel Sinai. Islamisten und kriminelle Banden schmuggeln Drogen, Waffen und Menschen durch das vermeintliche Urlaubsparadies. Tausende Afrikaner versuchen die Flucht nach Israel - ein Trip auf Leben und Tod.

Menschenhandel: Flucht durch den Sinai Fotos
Gil Yaron

Europäer kennen von der Halbinsel Sinai meist nur die schönen Strände am Roten Meer, das freundliche Lächeln der Beduinen, die zum Tee in ihre Zelten laden, oder den Gebirgstreck zum Katharinenkloster. Doch das weltweit bekannte Urlaubsziel hat noch eine andere Seite: Die Region ist zum Reich der Gesetzlosen geworden.

Sigal Rozen kennt diese andere Seite nur zu gut. Sie ist Koordinatorin der israelischen Menschenrechtsorganisation "Hotline für Gastarbeiter", sie weiß, was sich abseits der Touristenattraktionen abspielt: "Ganze Täler im Sinai stinken nach Tod und Verwesung", sagt Rozen. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Afrikaner würden hier jährlich auf der Flucht erschossen, schätzt sie. Genaue Zahlen über die Todesopfer gibt es nicht.

Die Macht in der Region haben kriminelle Banden und islamistische Terroristen unter sich aufgeteilt. Sie kontrollieren, wer den Sinai durchqueren darf - und wer nicht. Aktivistin Rozen kümmert sich um die rund tausend Afrikaner, die jeden Monat durch den Sinai nach Israel flüchten, sie kennt die Schreckensberichte der Verzweifelten, die es geschafft haben. "Israelische Soldaten berichten von fast täglichen Schießereien jenseits der Grenze", sagt Rozen. In Israel gibt es bereits mehr als hundert Gräber von Afrikanern, die mit letzter Kraft über die Grenze gelangten - und dann zusammenbrachen.

Die Geschichte von Habtum und Tsion Gabremadhim steht stellvertretend für viele andere, denen es ähnlich ergangen ist. Die beiden heirateten vor drei Jahren in Eritrea, doch die bessere Zukunft, die sie sich erträumten, war in ihrer Heimat unmöglich. Also brachen der 32 Jahre alte Elektriker und die vier Jahre jüngere Hausfrau 2008 zu Fuß in Richtung Norden auf: "Wir wollten nach Italien", sagt Habtum.

Fünf Monate wanderten sie durch den Sudan, bis sie an der libyschen Grenze von Soldaten erwischt und in Misurata eingesperrt wurden. "Die Zellen waren überfüllt. Es gab kein sauberes Wasser, keinerlei medizinische Versorgung", erzählt Tsion. Wer die Flucht versuchte, sei gefoltert worden. Ein Jahr lang saß Habtum in Haft, bis er und seine Frau abgeschoben werden sollten. Der Weg nach Italien schien unerreichbar, also ließ sich das Paar auf eine Alternative ein - Israel. "Ein Schmuggler versprach, uns für 4000 US-Dollar durch den Sinai nach Israel zu bringen", sagt Habtum. Das Geld dafür brachte die Großfamilie auf, aus der ganzen Welt schickten Verwandte ihren Beitrag, per Überweisung auf ein Konto. Dann, im Oktober 2010, ging es mit dem Ruderboot über den Suezkanal. "Wir waren 17 Personen", berichtet Tsion. Danach wurden sie auf Kleinlaster verladen, schließlich gingen sie mehrere Tage zu Fuß.

"Manchmal täuschten sie Hinrichtungen vor"

Dann wurde der Weg ins Heilige Land zum Höllentrip. "Auf einmal begannen die Schmuggler, uns zu schlagen. Sie nahmen uns alles ab, was wir besaßen, und steckten uns in einen Keller", erzählt Habtum. "Plötzlich wollten sie zusätzlich 9200 Dollar pro Kopf, nur um uns über die Grenze zu bringen." Aktivistin Rozen wundert das nicht. "Das ist der Modus Operandi der Schmuggler", sagt sie. "Auch in diesem Moment werden Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen gegen ihren Willen im Sinai festgehalten und suchen nach einer Möglichkeit zur Flucht."

Habtum erinnert sich mit Schaudern an den Keller, in dem die Bande sie festhielt. Er bestand aus zwei Räumen, hatte "weder ein Fenster noch ein Klo", sagte er, "wir waren insgesamt 87 Personen, also rund 40 Personen pro Zimmer". Dort seien sie aneinandergekettet worden, ihre Notdurft mussten sie in einem Loch im Boden verrichten. "Wir bekamen ein Fladenbrot am Tag, auch die schwangeren Frauen bekamen diese Ration." Einmal täglich kamen die Beduinen in den Keller, um Druck auszuüben. Die Angehörigen werden angerufen, damit sie das zusätzliche Geld überweisen - so schildert es Helferin Rozen.

Schläge und Quälereien gehören demnach zur grausigen Routine der Banden, oft sind es Beduinen. "Manchmal täuschten sie Hinrichtungen vor", sagt Tsion. Sei selbst war damals schwanger und sei ohnmächtig geworden, als mehrere Mitgefangene brutal zusammengetreten worden seien, "mit Armeestiefeln ins Gesicht". Weibliche Gefangene seien oftmals aus dem Raum gezerrt worden und nicht wiedergekommen. "Die Frauen werden oft vergewaltigt und sind dann bereits schwanger, wenn sie endlich nach Israel kommen", sagt Rozen. Das Paar aus Eritrea berichtet sogar, zwei Männer seien vor ihren Augen erschlagen worden - weil sie nicht zahlen konnten.

"Sie hörten nicht auf zu weinen"

Bei Ibrahim Barry aus Guinea war schnell klar, dass er nicht würden zahlen können. Als er ein Jahr alt war, starb sein Vater an Krebs. Zwölf Jahre später starb Ibrahims Mutter an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Ibrahim wuchs auf dem Markt in der Stadt Labe auf, schlief nachts an den Ständen, an denen tagsüber das Obst auslag, das er verkaufte. Später handelte er mit Elektrowaren. Als er 15 war, schenkte ihm sein Boss 500 Dollar und einen Flugschein, der ihn über Conakry und Marokko nach Ägypten brachte. "Er sagte, er würde mich auf seine Kosten nach Israel schicken, weil man dort mehr Geld verdienen kann."

Nach drei Nächten begann die Reise in den Sinai: "Sie luden uns mitten in der Nacht auf einen Kleinlaster, plötzlich schlug die Atmosphäre um", erinnert sich Ibrahim. "Yalla, yalla! - Los, los!", herrschten die Beduinen sie jetzt an. "Sie fuhren wie verrückt durch die Nacht, bewaffnet waren sie mit AK-47-Sturmgewehren." Auf der Ladefläche saßen auch Frauen, offenbar Nachschub für Bordelle in Israel. "Sie hörten nicht auf zu weinen", sagt Ibrahim.

Zwei Wochen lang wurde er in einem Zelt festgehalten und von bewaffneten Jungen bewacht. Wenn es überhaupt Wasser gab, wimmelte es vor Ungeziefer. Schließlich brachte die Bande ihn an die Grenze zu Israel, wo ein Taxi wartete, um ihn nach Tel Aviv zu bringen.

Abenteuerliche Flucht mit Happy End

Dort sollte ihn ein Abholer in Empfang nehmen und als Billigsklave weiterverkaufen - doch der Mann erschien nicht. "Ich stand unter Schock. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich geteerte Straßen, Laternen, so viele Autos und so hohe Häuser." Nachdem er mehrere Stunden gewartet hatte, begann Ibrahims Leben als illegaler Gastarbeiter.

Für Ibrahim, heute 21 Jahre alt, ist Israel zur neuen Heimat geworden. Seine Geschichte hat ein Happy End: Vor wenigen Jahren von einem jüdischen Ehepaar aufgenommen, gewährte ihm das Innenministerium die Staatsbürgerschaft. Inzwischen spricht Ibrahim perfekt Hebräisch, absolviert einen Offizierskurs in der israelischen Armee und träumt davon, zum Judentum überzutreten und Israels Botschafter in Guinea zu werden. Er nennt sich nun Avi.

Die Zukunft von Tsion und Habtum sieht weniger rosig aus. Sohn Jeffet wurde Anfang Juli in Tel Aviv geboren, doch ein permanentes Bleiberecht hat die junge Familie nicht. Sie lebt in einem Zustand zwischen Illegalität und Duldung. Unglücklich sind die Flüchtlinge aber nicht: "Wenigstens schlägt uns hier niemand."

Schwere Vorwürfe erheben sie allerdings gegen die internationale Staatengemeinschaft, die die Verbrechen im Sinai seit Jahren zulasse. Und auch die ägyptischen Behörden scheinen machtlos. Flüchtlingen berichten, sie seien von Polizeitrupps an der Grenze festgenomen worden - und dann wieder an die Beduinen zurückverkauft worden. Aktivisten wie Flüchtlinge setzen nun darauf, dass die Regierung in Kairo ihr Versprechen nach dem Anschlag in der vergangenen Woche umsetzt und eine Offensive startet. Das, so hoffe sie, könnte auch den Menschenhändlern das Handwerk legen.

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1. Wenn davon...
iii.tempel 03.09.2011
..nur die Hälfte stimmt, kann man sich lebhaft vorstellen, was passiert, wenn es die neue ägyptische Führung nicht schafft den offensichtlich rechtsfreien Raum an der israelischen Südgrenze in den Griff zu bekommen.
2. Das Problem mit den Fleuchlingen kann nur geloesst
blob123y 03.09.2011
werden wenn da unten eine Struktur geschafft wird damit die Leute erst gar nicht weg wollen. Jedoch, wie wir wissen sind unsere Politiker die das anschieben muessten intellektuell nicht auf dem Niveau irgendetwas zu machen. Das Einzige was die noch tun ist schlecht verwalten und zanken. Es gaebe in der Region da hinten genug zu tun um die Leute DORT zu beschaeftigen und unsere Einwanderprobleme im Griff zu bekoomen. Die Chinesen und Koreaner exerzieren das wieder einmal exemplarisch vor. Die kaufen riesige Landzonen auf und bebauen dies. Wenn die EU Politiker wenigstens ein bisschen Graues da oben haetten wuerde man einen Fond gruenden und mit der EU Privatwirschaft zusammen das angreiffen was die obgenannten seit Jahren treiben. Der Unteschied ist, bei den Chinesen und Koreanern kommts denen zu Gute, wenn man dies richtig macht kommts den Einheimischen zu Gute und wir haben nicht jeden Tag ein paar tausend Fluechtlinge von da unten vor der Haustuer. Das kann auf Infrastrucktur, Strassenbau, Eisenbahnbau, Kanalbau um das Wasser zu verteilen usw. ausgedehnt weren. Damit mann man Millionen Menschen beschaeftigen und wirklich etwas SINNVOLLES machen. Ich glaube das dies am Ende sogar noch billiger ist als uns dieses ganze Fluechtlindsdrame kostet mit Sozialleistungen usw. bei uns.
3. Bevölkerungswachstum nicht unterschätzen
purzel123 03.09.2011
Zitat von blob123ywerden wenn da unten eine Struktur geschafft wird damit die Leute erst gar nicht weg wollen. Jedoch, wie wir wissen sind unsere Politiker die das anschieben muessten intellektuell nicht auf dem Niveau irgendetwas zu machen. Das Einzige was die noch tun ist schlecht verwalten und zanken. Es gaebe in der Region da hinten genug zu tun um die Leute DORT zu beschaeftigen und unsere Einwanderprobleme im Griff zu bekoomen. Die Chinesen und Koreaner exerzieren das wieder einmal exemplarisch vor. Die kaufen riesige Landzonen auf und bebauen dies. Wenn die EU Politiker wenigstens ein bisschen Graues da oben haetten wuerde man einen Fond gruenden und mit der EU Privatwirschaft zusammen das angreiffen was die obgenannten seit Jahren treiben. Der Unteschied ist, bei den Chinesen und Koreanern kommts denen zu Gute, wenn man dies richtig macht kommts den Einheimischen zu Gute und wir haben nicht jeden Tag ein paar tausend Fluechtlinge von da unten vor der Haustuer. Das kann auf Infrastrucktur, Strassenbau, Eisenbahnbau, Kanalbau um das Wasser zu verteilen usw. ausgedehnt weren. Damit mann man Millionen Menschen beschaeftigen und wirklich etwas SINNVOLLES machen. Ich glaube das dies am Ende sogar noch billiger ist als uns dieses ganze Fluechtlindsdrame kostet mit Sozialleistungen usw. bei uns.
Die Bevölkerung in diesen Ländern wächst kontinuierlich und das schafft nun mal Probleme. Wenn einer durchkommt, dann motiviert das weitere. In dem Artikel wurde gesagt, dass der Elektriker die 4000 Dollar von Verwandten aus der ganzen Welt bekommen hat. Einige werden wohl in Europa leben.
4. Das war halt anders unter Mubarak
Gandhi, 03.09.2011
Zitat von sysopÄgyptens Regierung entgleitet die Kontrolle über die*Halbinsel*Sinai.*Islamisten und kriminelle Banden schmuggeln Drogen, Waffen*und Menschen durch das vermeintliche Urlaubsparadies. Tausende Afrikaner versuchen*die Flucht nach Israel - ein Trip auf Leben und Tod. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781256,00.html
Der wusste noch, was wichtig war. Dass er dabei die Beduerfnisse des eigenen Volkes vernachlaessigte, bzw. sich gegen sie zur Wehr setzte, verwundert nicht. Schliesslich wurde er fuerstlich belohnt dafuer, dass er die Ostgrenze auf Kosten des Volkes scharf bewachen liess. Doch gegen den Krebs hilft auch die fuerstliche Belohnung nicht.
5. Nichts neues
Slang, 03.09.2011
Mich wundert, dass behauptet wird, Touristen bekämen von der Zuständen am Sinai nichts mit. Schon in den Neunzigern war der Sinai sozusagen das Tijuana des Nahen Ostens. Staatliche Gesetze wurden zwar von den ägyptischen Behörden gnadenlos durchgesetzt - jedoch nicht gegenüber den Beduinen. Diese betrieben in den Bergen des Sinai in großem Stil Anbau und Weiterverarbeitung von Cannabis und Opium. Außerhalb von touristischen Edel-Locations wie Sharm-Al-Sheikh konnte man keine 10m weit auf der Straße gehen, ohne angesprochen zu werden ("tayes bango, mister?"). Der größte Teil der am Sinai -ausschließlich von Beduinen- produzierten Drogen gingen ihren Weg nach und über Israel.
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