Menschenschmuggel auf dem Sinai Gefangen und gefoltert

Der Sinai ist zum Gefängnis und Grab für Tausende afrikanischer Flüchtlinge geworden. Sie werden von Kriminellen gekidnappt, eingesperrt und zu Tode gefoltert. Unter Schmerzen zwingt man sie, ihre Familien in der Heimat anzurufen, um Lösegeld zu erbetteln.

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Aus dem Nordsinai berichtet


Sie waren zu fünft, als sie flohen. Der Wind gab ihnen Deckung. Es war Nacht und die Böen zerrten an der Hütte, in der man sie angekettet hatte. Der Aufpasser schien zu schlafen. So laut wütete der Sturm, dass sie ihre Fesseln mit einem Stein zerschlagen konnten, ohne dass er es bemerkte. Nacheinander robbten sie auf der Seite liegend durch einen Spalt in der Wand ins Freie. "Wir wollten entweder sterben oder entkommen", erzählt Zeae, 27, aus Eritrea.

Sie waren barfuß, trugen kaum Kleider an den ausgemergelten, mit Brandwunden und Narben übersäten Leibern. "In der Ferne sahen wir Lichter", sagt Zeae. Doch zwei der Männer waren zu schwach, um zu laufen, sie blieben in der Wüste liegen. Den anderen fehlte die Kraft, sie mitzuschleppen. Sie hatten Mühe, ihre eigenen Körper zu tragen.

Zwei junge Männer und ein Mädchen erreichten schließlich das erste Haus. Ein Beduine öffnete die Tür. "Ich dachte, dass nun alles wieder von vorne anfängt", sagt Zeae. Die Schläge, die Folter, die Vergewaltigungen.

Der Sinai, der Ägypten mit Israel verbindet, ist zum Ort des Martyriums für Tausende Migranten aus Subsahara-Afrika geworden. Sie kommen aus Eritrea, Somalia und dem Sudan und hoffen auf ein besseres Leben in Israel oder Europa. Unterwegs werden sie gekidnappt, festgehalten, gefoltert. Kriminelle Beduinen erpressen Lösegeld von den Familien der Geiseln in deren Heimatländern. Nicht selten quälen sie die Afrikaner bis zum Tod. Die Regierung in Kairo ignoriert die grausamen Verbrechen.

Der Menschenhandel floriert, die Mordrate ist explodiert

Seit die Revolution die Machtverhältnisse in Ägypten umwälzte, ist der Norden der Halbinsel der politischen Kontrolle noch weiter entglitten, zur gesetzlosen Zone verkommen und zum Hort von Kriminellen und Terroristen. Auf den Straßen lungern Gruppen junger Männer, bewaffnet mit Kalaschnikows. Der Menschenhandel floriert, die Mordrate ist explodiert.

"Polizei gibt es hier nicht", sagt Scheich Mohammed, ein junger, bärtiger Beduinenführer. Im Sinai herrschen Familienclans - nach ihren eigenen Regeln.

Scheich Mohammed gehört zu jenen Beduinen, die das grausame Geschäft mit den Flüchtlingen ablehnen. "Ich kann sie nicht befreien. Niemand kann sich in die Angelegenheiten anderer Clans einmischen", erzählt er. Sonst drohten blutige Familienfehden. "Ich kann den Afrikanern nur helfen, wenn sie von allein entkommen."

Am Morgen nach ihrer Flucht sitzen die drei Eritreer in einer Hütte auf Scheich Mohammeds Grundstück. Gegen sechs Uhr morgens hatte der Beduine, an dessen Haus sie angekommen waren, sie hierher gebracht. Man gab ihnen Jacken und Decken. In den Sandboden ist eine Blechtonne eingegraben, glühende Kohlen schwelen darin. Daneben steht eine Pfanne mit Reis und Hühnerschenkeln. Die drei können nicht viel essen. Immer wieder werden ihre Körper von Zitteranfällen erschüttert, immer wieder vergraben sie ihre Köpfe zwischen den knochigen Knien und weinen.

Ihre Familien zahlten 30.000 Dollar an die Kidnapper

"Es gab kaum etwas zu essen und zu trinken. Und wir durften nicht schlafen, sonst haben sie uns verbrannt", erzählt Mhretab, 27, "sie haben uns mit brennendem Plastik die Haut versengt an Armen und Rücken oder uns direkt mit Feuerzeugen angezündet." Er zeigt eine lange Narbe in seinem Nacken. "Sie haben uns an den Füßen aufgehängt und geschlagen. Wenn wir geweint haben, haben sie unsere Familien angerufen, und wir mussten ins Telefon betteln, damit sie für uns zahlen."

Seit mehr als einem Jahr seien sie unfreiwillig im Sinai. Zuerst hätten Menschenhändler sie monatelang in einem unterirdischen Raum gefangen gehalten, später in jener Hütte in der Wüste. "Am Anfang waren wir 22", erzählt Zeae, "zehn von uns sind in dem Keller gestorben."

Ihre Familien hätten 30.000 Dollar für jeden an die Kriminellen überwiesen. Doch nachdem man für sie bezahlt hatte, seien sie nicht freigelassen, sondern an die nächsten Menschenhändler weitergegeben worden. "Meine Eltern haben nichts mehr", sagt Zeae. "Sie haben ihr Land verkauft und alle ihre Tiere. Sie haben in der Kirche für mich gesammelt."

Immer wieder finden die Anwohner tote Afrikaner

Das 15-jährige Mädchen, Lemlem, sitzt in einer Ecke, abgemagert, die Augen blutunterlaufen, in einem riesigen Pulli, den man ihr gegeben hat. Zeae erzählt, dass sie immer wieder vergewaltigt worden sei. "Sie haben sie einfach geholt, jederzeit, immer wenn sie wollten", sagt er. Lemlem selbst spricht kaum. Nur einmal sagt sie etwas. Sie bittet die Reporterin, ob sie ihr eine Unterhose besorgen könnte.

Was die drei Flüchtlinge erzählen, entspricht Hunderten von Berichten, die Human Rights Watch ausgewertet hat. Immer wieder ist die Rede von Elektroschocks, von Vergewaltigungen, Schlafentzug und von brennendem Plastik, das in einigen Fällen sogar in Vagina und Anus eingeführt wurde. Auf Videos eines lokalen Fotografen sind Flüchtlinge mit tiefen Fleischwunden zu sehen, auf denen Fliegen sitzen, und entzündete, dick angeschwollene Gliedmaßen. Die "New York Times" geht von 7000 misshandelten Migranten in den vergangenen vier Jahren aus, von denen 4000 gestorben sein könnten. Sie stützt sich dabei auf die Angaben von Hilfsorganisationen in Israel, Europa und den USA. Immer wieder finden die Anwohner in der Gegend tote Afrikaner, die einfach in der Wüste abgelegt wurden oder deren Gliedmaßen aus dem Sand ragen.

In der Dunkelheit, zwischen der Stadt Arisch und dem Grenzort Rafah, liegt ein flaches Haus. Es gibt keinen Strom, nur ein paar Kerzen spenden Licht. Der Raum ist mit Teppichen ausgelegt. In einer Ecke sitzt ein junger, stämmiger Mann, er trägt eine weißgraue Steppjacke. Er nennt sich Mahmud und ist Menschenhändler.

Er sagt: "Wir behalten sie hier, bis wir das Geld von ihren Familien haben."

Erst vor drei Tagen habe er wieder eine Gruppe Afrikaner an Schlepper weitergegeben, die sie nach Israel bringen sollten. Seit 2009 sei er im Geschäft.

Aber das Leben sei schwieriger geworden.

Die Lage der Flüchtlinge ist qualvoll wie aussichtslos

Lokale Respektpersonen wie Scheich Mohammed wettern in den Moscheen gegen seinesgleichen, prangern die Verbrechen an den Wehrlosen als unislamisch an. Den Menschenhändler Mahmoud grüßen die Leute auf der Straße nicht mehr. Er fürchtet um sein Leben.

"Aber was soll ich denn sonst machen?", fragt er. "Hier gibt es keine Arbeit, keine Möglichkeit Geld zu machen!"

Dann kniet er in einer Ecke nieder und betet.

Die Lösegeldsumme für eine afrikanische Geisel beträgt inzwischen bis zu 50.000 Dollar. In den vergangenen 20 Monaten zeigte sich ein erschreckender neuer Trend: Viele der Flüchtlinge, die in Israel ankamen, wollten gar nicht dorthin. Beduinen des Stammes Raschaida hatten sie bereits im Sudan gekidnappt, einige wurden sogar aus Flüchtlingslagern entführt. Die Entführer gaben sie an Clans aus dem Sinai weiter. Flüchtlinge berichten, dies sei in Zusammenarbeit mit der sudanesischen Grenzpolizei geschehen.

"Sobald das Lösegeld für eine Person bezahlt ist, wird sofort die nächste Geisel genommen", meint Mohammed Bakr, Manager einer lokalen Nichtregierungsorganisation im Nordsinai. Die einzige Chance sehe er darin, die Menschen schon in ihren Heimatländern über die Gefahren einer Flucht aufzuklären.

Sind die Afrikaner erst einmal im Sinai gefangen, ist ihre Lage so qualvoll wie aussichtslos: Selbst wenn sie überleben und tatsächlich freigelassen werden, dann irren sie in einem Niemandsland vor der israelischen Grenze umher. Wenn sie diese überqueren, laufen sie Gefahr erschossen zu werden, gelangen sie ins Land, droht ihnen Haft. Greift die ägyptische Polizei die Flüchtlinge noch vor dem Grenzübertritt auf, dann sperrt sie sie in Polizeistationen im Sinai ein, wo sie unter menschenverachtenden Bedingungen festgesetzt werden, bis man sie in ihre Heimatländer abschiebt.

Ägypten bricht internationales Flüchtlingsrecht

Dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) wird der Zutritt zu diesen Gefängnissen verweigert. Die ägyptische Regierung begründet dies damit, dass die Migranten Wirtschaftsflüchtlinge seien und illegal im Sinai. Daher müsse ihnen kein Asyl gewährt werden. "Ägypten bricht damit das internationale Flüchtlingsrecht", sagt Mohammed Dairi vom Kairoer Büro der Organisation. Das Hilfswerk der Uno sei die Instanz, die über den Status von Flüchtlingen zu bestimmen habe. Viele Migranten aus Eritrea und Somalia hätten ein Recht auf Asyl.

Mit seiner Ignoranz gegenüber den Verbrechen an den Afrikanern bricht Ägypten auch seine eigenen Gesetze, die Menschenhandel ausdrücklich verbieten. Schmuggler von Tomaten oder Kartoffeln werden immer wieder inhaftiert - aber noch kein einziger der Menschenhändler wurde strafrechtlich verfolgt. Die Regierung in Kairo begründete ihr Nichteingreifen in der Vergangenheit mit Sicherheitsbedenken.

Seit August vergangenen Jahres hat die Regierung Mursi ihre Militärpräsenz im Sinai ausgebaut - ein Einsatz zur Bekämpfung islamistischer Terroristen, nicht zur Befreiung unschuldiger Migranten. Die ägyptische Journalistin Lina Attalah von der Wochenzeitung "Egypt Independent" kritisiert Staatsversagen und eine gleichgültige Haltung: "Die Opfer sind unwichtig. Sie sind Afrikaner." Es gebe keine mächtige Instanz, die ihre Interessen vertrete.

Schleuser bestechen die Grenzpolizei

Auch Mohammed Bakr von den lokalen Nichtregierungsorganisation zweifelt am politischen Willen: "Die Regierung will dieses Problem nicht anerkennen", sagt Bakr. Er ist überzeugt davon, dass die Schleuser die Grenzpolizei bestechen, um die Flüchtlinge in den Sinai zu schmuggeln. Er glaubt, dass Polizei und Militär genau wüssten, wer die Menschenhändler seien und wo sie ihre Gefangenen versteckten. "Aber sie machen nichts, obwohl es ihre Aufgabe wäre."

Wegen der vielen Checkpoints in Folge des Militäreinsatzes im Sinai hat sich der Flüchtlingsstrom in den vergangenen Monaten dennoch verringert. "Leider wird das Problem dadurch nicht gelöst", sagt Dairi vom UNHCR, "die Menschenhändler suchen sich andere Routen. Wir wissen von Flüchtlingen, die neuerdings in Assuan festgehalten werden."

Im Sinai sollen sich derzeit rund tausend gefangene afrikanische Migranten befinden.

Zeae, Lemlem und Mhretab sind ihren Peinigern entkommen, aber sie sitzen noch immer in der Hütte von Scheich Mohammed - im Sinai. Ihre Zukunft ist ungewiss. Sie hoffen, dass der Scheich sie nach Kairo schmuggeln wird und einer Hilfsorganisation übergibt.

"Dann will ich nach Europa", sagt Mhretab, "ich will sehr viel arbeiten, um meiner Familie das ganze Geld zurückzugeben."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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diefetteberta 25.03.2013
1. Menschenschmuggel
Ergänzend dazu möchte ich auf die CNN_Dokumentation "Death ind desert" ('Death in the Desert' – The CNN Freedom Project: Ending Modern-Day Slavery - CNN.com Blogs (http://thecnnfreedomproject.blogs.cnn.com/2011/11/08/death-in-the-desert/)) hinweisen, wo explizit noch einmal auf den Punkt des Organhandels eingegangen wird.
thanks-top-info 25.03.2013
2.
es gibt einen ausgeprägten Rassismus in Afrika, je dunkler die Haut desto weniger Ansehen
steuerzahler24 25.03.2013
3. Im Namen des Islam?
Warum gibt es da keinen internationalen Druck auf Mursi? Wer das tatenlos hinnimmt macht sich zum Mittäter!
yael.schlichting 25.03.2013
4. So einfach liegt das Problem auch wieder nicht, denn....
Zitat von steuerzahler24Warum gibt es da keinen internationalen Druck auf Mursi? Wer das tatenlos hinnimmt macht sich zum Mittäter!
Der Flüchtlingsstrom über den Sinai schwoll erst an, als die EU anfing die Flüchtlinge im Meer ersaufen zu lassen. Die Flüchtlinge wissen, daß sie im Sudan und in Ägypten nicht leben können und so ziehen sie weiter durch den Sinai nach Israel. Das nahm so zu, daß Israel nicht zuletzt auch wegen der Flüchtlinge einen Grenzzaun zum Sinai bauen mußte. Immer noch befinden sich zehntausende überwiegend Schwarze Muslimische Wirtschaftsflüchtlinge in Israel und genießen dort Asyl. Meine Hebräischlehrerin hat auf eigene Kosten einen Muslimischen Buben aus Eritrea bei sich aufgenommen und zieht den jungen Mann durch die Schule. Irgendwann wird er aber wieder gehen müssen. Zurück in Eritrea wird er wohl lebenslangen Dienst in der Armee verrichten müssen. Wie das alles läuft, weiß man in der EU und den entsprechenden Ländern (Ägypten, Sudan, Eritrea...) sehr genau.
blackpride 25.03.2013
5. Hört Hört
Zitat von thanks-top-infoes gibt einen ausgeprägten Rassismus in Afrika, je dunkler die Haut desto weniger Ansehen
Wir scheinen hier einen Afrikaexperten unter uns zu haben. Haben Sie sich über Ihre Theorie schon einmal mit den Senegalesen unterhalten? Sie werden sicherlich wissen, warum ich ausgerechnet auf die Senegalesen zu sprechen komme. Der Rassismus in Afrika ist nicht ausgeprägter als der in Europa. Also runter vom hohen Ross mit Ihnen.
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