Merkel auf Bushs Ranch Partner: Ja. Kumpel: Nein!

Die "Prairie Chapel Ranch" im tiefsten Texas ist zum Symbol für die Bush-Präsidentschaft geworden - und für dessen Auswahl von Freunden. Wer dorthin darf, gilt als sein "buddy". Diesen Eindruck wollte Angela Merkel zu Beginn ihres Besuches unbedingt vermeiden.

Aus Crawford berichtet


Es ist richtig schön hier. Mit jeder Meile schöner, die sich die Straße vom unansehnlichen Waco über das verschlafene 700-Seelen-Nest Crawford gen Ranch schlängelt. Immer weiter reicht der Blick, immer goldener färbt die untergehende Sonne die Maisfelder. Sobald die "Prairie Chapel Road" einsetzt, beginnen Büffel ins Bild zu rücken, die genüsslich aus Wasserlöchern schlürfen. 27 Grad ist es immer noch warm, so dass selbst die zahlreichen "Secret Service"-Agenten am Eingang zur Ranch nur T-Shirts unter ihren schicken blauen Schusswesten tragen. Auf der "Prairie Chapel Ranch", seit 1999 bevorzugtes Refugium von US-Präsident George W. Bush, ruht der breite See direkt vor dem Hauptgebäude ganz ruhig. Angenehm still ist es hier, nur ein paar Vögel zwitschern, und einen Moment lang kann man fast verstehen, warum Bush bei kniffligen Pressekonferenzen gerne träumerisch seufzt, man wisse ja, wo er ab Januar 2009 zu finden sei - auf der Ranch!

Aber dann ist es auch schon mit dem Träumen vorbei. Ein Hubschrauber mit dem Ehepaar Merkel/Sauer an Bord knattert durch die Luft. Und während die wartenden Journalisten noch überlegen, wann Bush eigentlich kommt, steht schon ein weißer Ford mit offener Ladefläche direkt am Hubschrauberlandeplatz. Dem entsteigen: Bush und Frau Laura. Golden leuchtet Bushs massive Gürtelschnalle, breitbeinig wirkt sein Gang in Jeans. Die Bushs stellen sich am Hubschrauber auf, Kanzlerin Merkel, ganz in Braun, und ihr Mann - Jeans, helles Sporthemd- klettern heraus. Hände werden geschüttelt, aber es kommt zu keinen unkontrollierten Körperkontakten, wie Merkel sie einmal bei einer Nackenmassage durch Bush erfahren durfte.

Der Präsident sagt kurz, in Texas sei es ein Zeichen von Sympathie und Respekt, jemanden in sein Haus einzuladen. Merkel preist die wunderschöne Gegend, und schon führt Bush die Kanzlerin zum Wagen. Er fragt besorgt: "Bist Du müde?" - aber Merkel schüttelt heftig den Kopf. Keine Spur. Also fahren sie langsam in den Sonnenuntergang, Bush steuert den weißen Ford persönlich. Die Kanzlerin sitzt lächelnd neben ihm. Wenn das nicht der Beginn eines wundervollen Grillabends unter eng befreundeten Ehepaaren ist.

Nein, halt. Soll heißen: Unter strategischen Partnern.

Bloß nicht auftreten wie Sarkozy!

Das ist zumindest die Sprachregelung der deutschen Delegation. Denn kaum einen Eindruck wollen die Berater der Kanzlerin mehr vermeiden als den eines Treffens unter "buddies" - unter Kumpeln. In Gesprächen im Vorfeld des Besuches zeichnen sie immer wieder Merkel als Gegenentwurf zum französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der gerade eine emotionstrunkene Versöhnungs- und Umarmungstour durch die US-Hauptstadt absolvierte. Sie schildern Merkel auch in den transatlantischen Beziehungen als die nüchterne Beobachterin einer klaren Versuchsanordnung. Die ist nach ihrer Beschreibung so aufgebaut: Bush ist nun mal eine Realität, die noch jede Menge Handlungsspielraum hat. Immerhin bis Januar 2009. Außerdem ist er mittlerweile ein Präsident, der weitaus stärker den Dialog sucht. Und ein privates Treffen ohne Zeitdruck außerhalb des hektischen Washington bietet eine einmalige Gelegenheit, gemeinsam über strategische Fragen nachzudenken - etwa den Umgang mit Russland, Iran, Afghanistan, die Zukunft der Nato, die Verhandlungen im Kosovo.

Noch mal: Als Partner. Nicht als Kumpel.

Die Wortwahl ist so wichtig, weil die Berater der Kanzlerin natürlich um die Fallstricke dieses Besuches wissen: Eine Einladung von George W. Bush auf seine Ranch in Texas ist ein Symbol. Auf der Gästeliste finden sich nur die Herrscher großer Mächte, oder die auserwählter Partner. Und weil der Präsident diese Ehre so selektiv gewährt, läuft jeder, der dort erscheint, auch Gefahr, mit den dunklen Seiten seiner Regierungszeit assoziiert zu werden. Wird etwa einst als "Bush buddies"-Ahnenreihe in Erinnerung bleiben: Blair, Berlusconi, Aznar, Mubarak, die Saudis - und Merkel?

Das sind Aussichten, die jeden CDU/CSU-Planer für den nächsten Bundestagswahlkampf ins Schwitzen bringen können. Nicht nur, weil die Kanzlerin - zeitweilig als "Mrs. World" gefeiert - mittlerweile generell unter schärferer Beobachtung auch in der Außenpolitik steht. In Berlin wird immer offener diskutiert, ob die vielen schönen Treffen in aller Welt eigentlich auch Resultate erbringen. Haben etwa die Amerikaner Merkels angeblichen Klimadurchbruch überhaupt wahrgenommen? Was ist aus ihrem Herzensprojekt engerer transatlantischer Wirtschaftsbeziehungen geworden? Als der Koordinierungsrat dieser Initiative gestern in Washington unter wenig öffentlicher Beachtung tagte, diskutierten die Beamten unter anderem über bessere gemeinsame Standards bei Geflügel.

Wichtiger aber noch: Soll sich die Kanzlerin an die Brust eines US-Präsidenten ziehen lassen, der laut von einem "Dritten Weltkrieg" raunt und einen Angriff auf Iran immer wieder lautstark nicht ausschließt? Gedanken drängen sich auf an einen "umgekehrten Schröder" - wo der durch seinen Widerstand zum Irakkrieg seine Wiederwahl sicherte, könnte Merkel ihre durch zu wenig Widerstand gegen einen möglichen US-Militärschlag in Iran gefährden.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.