Merkel bei Obama Viel Glanz, wenig Substanz

Die Inszenierung ist perfekt: Mit Salutschüssen, charmanter Begrüßung und Scherzen über Berlin umgarnt der US-Präsident Kanzlerin Merkel. Barack Obama erwartet von Deutschland größeres Engagement in Libyen - davon abgesehen sind gemeinsame politische Projekte rar geworden.

Aus Washington berichten und

AFP

Ganz nah wollen sie sich jetzt sein, die Stuhlreihen im East Room des Weißen Hauses sind im engen Halbrund aufgestellt, US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel stehen wie auf einer Bühne direkt vor den Journalisten.

Sie lächeln, sie schmunzeln. Es kommt die Frage auf, wann sie sich endlich auf deutschem Boden so nahe kommen werden. Noch nie war Obama als Präsident in Berlin, eine deutsche Reporterin bohrt prompt in der offenen Wunde. Doch der Präsident kontert gelassen und erinnert an seinen Auftritt als Kandidat vor der Siegessäule 2008: "Ich war doch schon mal in Berlin, wir hatten jede Menge Spaß. Und ich bin mir sicher, ich würde es wieder sehr genießen."

Merkel grinst, sie sagt, die Stadt stehe allzeit bereit, aber Berliner könnten auch warten: "Das Brandenburger Tor steht noch eine Weile."

Da ist sie plötzlich, die Lockerheit, deren Fehlen die Feinbeobachter des deutsch-amerikanischen Verhältnisses bisher gerne sezieren - und die dieser Staatsbesuch der Extraklasse partout sicherstellen soll.

Deshalb hat Obama schon am Montagabend Merkel schick zum französischen Essen ausgeführt, deswegen richtet er am Dienstagabend ein festliches Staatsbankett zu ihren Ehren aus. "Obamas ganzer Tag kreist um Angela Merkel", staunt die einflussreiche Internetseite Politico.

"Chancellor Mörkel, herzlich willkommen"

Schon die offizielle Begrüßung der Kanzlerin durch die Obamas auf dem Südrasen des Weißen Hauses sollte alle offenen Konflikte vergessen machen. 19 Salutschüsse donnerten aus Kanonen. "Chancellor Mörkel, herzlich willkommen", rief Obama auf Deutsch. "Deutschland und Sie persönlich gehören zu meinen wichtigsten Partnern weltweit." Und schob hinterher: "Liebe Angela, wir beide sehen nicht so aus wie unsere Vorgänger. Dass wir hier stehen, als Präsident und Kanzlerin, zeigt, dass Fortschritt und Freiheit möglich sind."

Merkel mochte nicht zurückstehen: "Ich werde diesen Tag nie vergessen."

Doch was wird bleiben außer den schönen Bildern? An Absichten fehlt es nicht bei Merkel und Obama. Zum Thema Libyen gelobt Merkel:"Deutschland fühlt sich sehr wohl verantwortlich für den Fortgang in Libyen." Der Präsident spricht von der "vollen und robusten" Unterstützung Berlins.

Das bedeutet: Auch Deutschland, das im Uno-Sicherheitsrat den Einsatz nicht mittragen wollte, soll nun zumindest mitaufräumen. "Wir haben am Anfang viel geleistet", sagt Obama. Aber es gebe verschiedene Möglichkeiten, mitzuhelfen, wenn Diktator Gaddafi erst einmal von der Macht vertrieben sei.

Da ist es doch, eines dieser neuen transatlantischen Projekte, die die "New York Times" bei Merkels Anreise anmahnte. Denn: "Die Vereinigten Staaten sind nicht länger aus Prinzip an Europa interessiert", schrieb das Blatt. Das sei an sich nichts Schlimmes, es zeige, dass es in Europa keine großen Krisen mehr gebe. Aber nun gelte es, neue gemeinsame Themen zu finden - gerade angesichts eines Deutschlands, das unter Merkel eher nach innen guckt, wie es Charles Kupchan, Deutschland-Experte an der Georgetown University, formuliert. Die Berliner Regierung sei in Zeiten der Euro-Krise und des Frusts der Bundesbürger über Milliarden-Hilfspakete etwa für Griechenland mehr mit Nabelschau beschäftigt als mit außenpolitischer Führung.

Es wird viel geredet - aber wenig beschlossen

Libyen könnte nun ein Neuanfang sein, genau wie die globale Konjunktur. "Gemeinsame Verantwortung" für die Weltwirtschaft betonen Merkel und Obama, "gemeinsame Abhängigkeit". "Wir dürfen nicht vergessen, wie nah wir am Rande der absoluten Katastrophe standen", sagt der US-Präsident.

Doch es zeigt sich auch im Ton der Pressekonferenz: Zu den wichtigen Themen, etwa Afghanistan, Libyen oder dem Internationalen Währungsfonds, können Kanzlerin und Präsident zwar reden, aber wenig beschließen. Es ist inzwischen eben eine G-20-Welt, nicht mehr eine G-2-Welt.

  • Beispiel Internationaler Währungsfonds: Da will Merkel zwar den Verzicht auf die europäische Führungsposition langfristig billigen, doch kurzfristig möchte sie unbedingt die Französin Christine Lagarde als neue Chefin installieren. Die USA halten sich dazu vornehm zurück, und die erstarkten Staaten aus anderen Teilen der Welt wollen dem Geschacher nicht länger zuschauen. Der mexikanische Zentralbanker Agustin Carstens hat seinen Hut in den Ring geworfen - er verkauft seine Kandidatur als Kampfansage an den Status quo in den internationalen Institutionen.
  • Beispiele Libyen und arabischer Frühling: Selbst die Amerikaner sind unsicher, was sie von der Mission in Libyen halten sollen, der Kongress murrt bereits. Obama muss sich gegen den Vorwurf der Doppelmoral verteidigen, weil im nahen Syrien Diktator Assad Demonstranten niederschießen lässt - doch eine Intervention als zu gefährlich gilt. So wirkt die deutsche Enthaltung im Uno-Sicherheitsrat zu Libyen schon fast wieder prophetisch, allem amerikanischen Unmut zum Trotz.

Neue Grenzen zwischen USA und Europa

  • Beispiel China: Die Kanzlerin sucht den Schulterschluss mit den Amerikanern gegenüber der Volksrepublik. In der Bundesregierung wünschen sich viele, dass sich die USA und Deutschland künftig enger abstimmen, wenn es darum gehen soll, gemeinsame Positionen gegenüber den Chinesen zu markieren, etwa im Streit um Handelsschranken oder Menschenrechte.
    Doch wie weit reicht ihr Einfluss gegenüber der neuen Supermacht?

  • Beispiel Afghanistan: Lange Zeit haben die Amerikaner bei keinem Treffen mit Europäern eine Gelegenheit ausgelassen, für mehr Engagement am Hindukusch zu werben. Doch nun denken sie selbst über einen noch schnelleren Abzug nach als bislang geplant. Man wolle das Land gemeinsam verlassen, sagt Kanzlerin Merkel. "Natürlich ohne es zu vergessen."

Damit fällt aber auch ein weiteres Projekt weg, bei dem Europa für Amerika wichtig war.

Das sind die neuen Grenzen der scheinbar so grenzenlosen transatlantischen Freundschaft. Vielleicht sind die Partnerländer sogar an einem Punkt angekommen, an dem es Zeit ist "to see other people", wie die Amerikaner sagen: Amerika schielt in die Pazifikregion - Deutschland ebenfalls. Merkel hat gerade erst einen aufwendigen Besuch in Indien absolviert.

Der Fokus in den USA liegt auf dem Wahlkampf

In den USA dreht sich ohnehin bereits alles um den nächsten Präsidentschaftswahlkampf - selbst im Verhältnis zu Europa. Obamas Visite dort Ende Mai führte ihn nicht umsonst in ein winziges irisches Dorf (zur Ahnensuche) und nach Polen. Wähler mit irischen oder polnischen Vorfahren spielen eine große Rolle bei den US-Präsidentschaftswahlen.

Viel Zeit für Ausflüge in die große weite Welt und die Außenpolitik bleibt ihm nicht mehr. Eine neue Umfrage der "Washington Post" hat gerade gezeigt, wie unzufrieden die Amerikaner mit der Wirtschaftspolitik ihres Präsidenten sind. Fast 60 Prozent der Befragten glauben, dass der ersehnte Aufschwung noch nicht einmal begonnen hat. Das ist Gift für seine Wiederwahl-Chancen.

"Derzeit blickt das Weiße Haus auf die Welt nur noch unter dem Vorzeichen der Wahl 2012", sagt William Drozdiak, Chef des American Council on Germany. "Staatsbankett und Freiheitsmedaille hin oder her."

Berlin muss warten.



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Seite 1
Diefie 07.06.2011
1. Merkel bei Obama: Viel Glanz, wenig Substanz
Wenn ich dieses Foto sehe wird mir Übel. Wie kann man ( Frau Merkel) bei so einem Gesicht so lachen. Das sieht aus als wenn man Oma Merkel am Stammtisch einen schmutzigen Witz erzählt hat. Genauso niveaulos ist die Politik von Frau Merkel.
pragmat 07.06.2011
2. Na, wenn der ...
Zitat von sysopDie Inszenierung ist perfekt: Mit Salutschüssen, charmanter Begrüßung und Scherzen über Berlin umgarnt der US-Präsident Kanzlerin Merkel. Barack Obama erwartet von Deutschland größeres Engagement in Libyen - davon abgesehen sind gemeinsame politische Projekte rar geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767249,00.html
... Obama sagt, die USA hätten am Anfang in Libyen Ordentliches geleistet, meint er wohl die 220 Marschflugkörper, welche die USA als Bündnispartner der NATO abgeschossen haben. Etwas anders haben sie ja nicht zustande gebracht. Jetzt soll denn Angela als Trümmerfrau die die Ruinen eines Staates aufräumen. Dazu braucht man allerdings ein "robustes" Gemüt. Das muss man auch haben, wenn einem angetragen wird, sich doch an den etwa 100 Millionen Dollar zu beteiligen, welche die 220 Stück Kriegsgerät gekostet haben.
unclevanya 07.06.2011
3. Kasperle-Theater... für Schildbürger ?
Zitat von sysopDie Inszenierung ist perfekt: Mit Salutschüssen, charmanter Begrüßung und Scherzen über Berlin umgarnt der US-Präsident Kanzlerin Merkel. Barack Obama erwartet von Deutschland größeres Engagement in Libyen - davon abgesehen sind gemeinsame politische Projekte rar geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767249,00.html
Was soll denn dieses Kasperle-Theater dieser Polit-Clowns ? Wenn die ihre Aufführungen (+ Food & Hotel) wenigstens aus eigener Tasche bezahlen würden oder hinter mit 'nem Hut rumgingen...
panzerknacker51, 07.06.2011
4. Was soll man sagen?
Mal wieder außer Spesen nichts gewesen...
jackweil 07.06.2011
5. ...
Zitat von sysopDie Inszenierung ist perfekt: Mit Salutschüssen, charmanter Begrüßung und Scherzen über Berlin umgarnt der US-Präsident Kanzlerin Merkel. Barack Obama erwartet von Deutschland größeres Engagement in Libyen - davon abgesehen sind gemeinsame politische Projekte rar geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767249,00.html
Großer Gott, auf dem Spon-Bild sieht die Merkel aus als hätte man ihr Stromstöße versetzt damit sie ihr Gesicht so verzieht. Ich hoffe die Amerikaner halten das nicht für die übliche Art des deutschen Lachens. Ansonsten hat Spon recht: wenig Substanz.
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