Merkel-Besuch: Deutschland verpasst die Afrika-Chance

Von Horand Knaup, Nairobi

Kriege, Armut, Hunger: Afrika gilt in Deutschland als Kontinent des Elends, nicht der Chancen. Angela Merkels Blitzreise dürfte daran kaum etwas ändern: Für drei Länder nimmt sich die Kanzlerin ganze drei Tage Zeit. Andere Staaten investieren längst mehr - und werden reich belohnt.

Kanzlerin Merkel bei einem Afrika-Besuch (2007): Drei Staaten in drei Tagen Zur Großansicht
dapd

Kanzlerin Merkel bei einem Afrika-Besuch (2007): Drei Staaten in drei Tagen

Sie wird den Präsidenten treffen, den Premierminister, und wenn sie an der Universität von Nairobi eine Rede hält, werden gleich vier nationale Fernsehsender den Auftritt live übertragen: Es ist ein besonderes Ereignis für Kenia, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Montagabend nach Ostafrika kommt. Seit den Unruhen 2008, die mehr als 1400 Menschen das Leben kosteten und Hunderttausende entwurzelt zurückließen, hat sich kein hochrangiger westlicher Staatsgast in Nairobi mehr blicken lassen, Nicolas Sarkozy nicht, der Brite David Cameron nicht. US-Präsident Barack Obama, dessen Großvater aus Kenia stammt, umflog das Land bei seiner einzigen Afrika-Visite im Jahr 2010 weiträumig. Es war ein Affront für Kenia.

Die jahrelange Ignoranz der großen Geber hatte gute Gründe: Sie war nicht zuletzt die Quittung für die Weigerung der Kenianer, die Korruption im eigenen Land energisch zu bekämpfen, vor allem aber die Hintergründe der Unruhen von 2008 aufzuarbeiten und die Drahtzieher vor Gericht zu stellen.

Nun fliegt die deutsche Bundeskanzlerin für einen 20-Stunden-Besuch ein. Es ist erst das zweite Mal seit ihrem Amtsantritt 2005, dass sie - abgesehen von einem Abstecher zur Fußball-WM im vergangenen Jahr - den afrikanischen Kontinent bereist. Von Nairobi aus geht es weiter nach Angola und Nigeria.

Es ist kein Spaziergang - es ist eine mutige Reise, die die Kanzlerin da unternimmt: drei Länder, drei Problemkandidaten.

  • Kenia tut sich schwer mit dem angekündigten Reformprozess, im August 2012 steht die nächste Präsidentenwahl an, und es ist keineswegs sicher, dass der Urnengang nicht wieder zu Auseinandersetzungen führt.
  • Angola hat seit dem Friedensschluss 2002 zwar enorme ökonomische und auch soziale Fortschritte gemacht, doch vom Ölboom profitieren immer noch zu wenig Angolaner. Die Oberschicht bereichert sich hemmungslos, Demonstrations- und Pressefreiheit gibt es nicht, und politisch Andersdenkende landen schnell mal im Gefängnis.
  • Nigeria gehört zu den korruptesten und am meisten verelendeten Ländern Afrikas, trotz Häfen, fruchtbarer Böden und gigantischer Öleinnahmen. Insbesondere im islamischen Norden grassiert die Armut, und die islamistische Sekte Boko Haram führt dort inzwischen einen blutigen Krieg gegen Politik und Polizei.

Aber schon die Kurzatmigkeit des Programms - nicht mal 20 Stunden pro Land - lässt erkennen: Wirklich wichtig ist der Bundesregierung der Nachbarkontinent nicht. Interesse, Aufmerksamkeit oder gar Zuwendung drücken sich anders aus. Es ist eine Pflichttour, die die Kanzlerin absolviert, mehr nicht. Ein bisschen Symbolik in einem Halbjahr, in dem Deutschland dem Weltsicherheitsrat vorsitzt. Ein kleiner Trost für Merkel: Sie ist mit ihrer Passivität nicht allein. Afrika liegt auf allen Ebenen im Schatten des deutschen Wahrnehmungshorizonts.

Das war nicht immer so. Während des Kalten Krieges wurden Stellvertreterkonflikte nicht zuletzt in Afrika ausgetragen. Das führte zu stärkerer Präsenz Deutschlands - aus Ost wie West. Inzwischen jedoch ist Afrika für Deutschland zum dunklen Kontinent verkommen, zu einer Großregion der Krisen, Krankheiten und Konflikte, die viele Risiken und wenig Chancen bietet. Auf der politischen Bühne ist diese Region kein Thema, mit dem man sich profilieren könnte. Wer sich im Bundestag für Afrika interessiert, ist - anders als mit Kenntnissen über die USA, Russland oder China - automatisch außenpolitischer Hinterbänkler.

Mit Ach und Krach hat das Außenministerium soeben ein Afrika-Konzept erstellt, das von "Partnerschaft auf Augenhöhe" spricht und erstmals auch von einer "interessengeleiteten" Politik. Das war bislang verpönt. Grundlegend ändern wird das Konzept am Desinteresse nichts. Ein paar Jahre lang hat Bundespräsident Horst Köhler diese Leerstelle ausbalanciert; doch Köhler ist nicht mehr Bundespräsident, und sein Nachfolger zeigt keine Ambitionen, ihm nachzueifern.

Die deutsche Wirtschaft tut sich schwer mit Afrika

Immerhin, Köhler hat aus seiner Amtszeit ein zartes Pflänzchen hinterlassen: Seit fünf Jahren gibt es das von ihm initiierte Programm "Go Africa... Go Germany...", das junge deutsche und afrikanische Akademiker zusammenbringt. Es ist der Versuch, ein Netzwerk zu bilden, das Bemühen, sich gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht erwächst daraus irgendwann einmal eine deutsch-afrikanische Jugendbildungsstiftung. Pläne dafür gibt es.

Auch die Wirtschaft tut sich schwer mit Afrika. Viele früher enge Kontakte sind verlorengegangen, die deutschen Unternehmen scheuen die Risiken, die mit einem Afrika-Engagement verbunden sind. Sie orientieren sich eher in Richtung Osteuropa und Asien, wo sie sich trittfester fühlen und ihre Investitionen besser abgesichert sehen.

Vor allem die global operierenden Konzerne sind zögerlich. Deutsche Automodelle zum Beispiel findet man auf dem Kontinent nur noch in Ausnahmefällen - abgesehen von Südafrika und von Daimler-Limousinen in den Regierungsfuhrparks. Die japanischen Autobauer haben den Markt, der rasant wächst, fest im Griff.

Der Energieriese E.on wollte in Äquatorialguinea in ein milliardenschweres Gasgeschäft einsteigen. Er zog sich wieder zurück, nachdem die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke beschlossen hatte.

Einzig Lufthansa hat sich eine Marktnische erobert, und die Airline lebt glänzend damit. Sie fliegt unter anderem nach Luanda, nach Port Harcourt, nach Malabo und Accra und befördert auf diesen Strecken Geschäftsreisende: Es sind Mitarbeiter der Ölfirmen, die gerne Business Class fliegen, weil ihre Unternehmen die Ausgaben unter Produktionskosten verbuchen können.

Andere sehen Wachstumsraten, Potentiale, Ressourcen

Es sind eher mittelständische Unternehmen, die ihr Glück in Afrika suchen. Firmen wie die Ingenieure von Gauff, die Traditionshandelsfirma Woermann oder die Flaschenabfüller von Krones. Sie sehen in Afrika einen Wachstumsmarkt. Die Spezialisten für Hochdruckpumpen von Kärcher sondieren gerade im Südsudan das Terrain. Die Frankfurter Messegesellschaft will ein Büro in Nairobi eröffnen. Auch Solarfirmen versuchen vorsichtig, in Ostafrika ins Geschäft zu kommen.

Man kann es der Wirtschaft nicht einmal vorwerfen, denn auch etliche Medien haben sich zurückgezogen. Fast alle deutschen Zeitungen haben ihre Berichterstattung über den Kontinent ausgedünnt, aus Nairobi haben vor gut zehn Jahren mehr als doppelt so viele deutsche Korrespondenten berichtet wie heute.

Doch andere Staaten sehen die Wachstumsraten, die Potentiale, haben Strategien entwickelt, die Beziehungen systematisch intensiviert, Netzwerke geknüpft. Sie gehen Risiken ein, denn sie wollen etwas haben von diesem Kontinent, von seiner wachsenden Mittelschicht, von seinen Ressourcen, von seiner Dynamik. Es ist längst nicht mehr nur die Wirtschaftssupermacht China, die sich in Afrika ausbreitet. Die Türkei, Brasilien, Indien, aber auch Japan und Israel haben Afrika als Rohstofflieferanten - und als Markt - entdeckt. Und selbst Länder wie Malaysia oder Singapur beginnen, die Kontakte zu intensivieren.

Die "Partnerschaft auf Augenhöhe", die Außenminister Guido Westerwelle bei der Vorstellung des Afrika-Konzepts vor einigen Wochen proklamiert hat, ist das vielleicht größte Missverständnis. Denn was die Bundesregierung unter "Augenhöhe" versteht, fassen die Afrikaner ganz anders auf. Ihnen sind ausbalancierte Beziehungen zu China, Indien oder Brasilien lieber; zu Regierungen nämlich, die nicht ständig an die Menschenrechte erinnern und politische Freiheiten einfordern, sondern angepasste Produkte, Investitionen, Stipendien und billige Kredite anbieten. Und dafür zahlen die Afrikaner auch gerne mit Rohstoffen und Ressourcen. Lehrmeister hingegen haben afrikanische Regierungen nicht gern. Sagen wird es Angela Merkel wohl niemand. Auffallen könnte es ihr trotzdem.

Und so engagieren sich andere Länder in Afrika:

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insgesamt 147 Beiträge
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1. Kein Interesse
rodelaax 11.07.2011
Tja, die Frau ist eine Ignorantin und hat kein Interesse an Afrika. Wozu auch, schließlich interessiert sich auch das Wahlvolk nicht für diesen Kontinent oder Reisen dorthin. Und da sie einzig und alleine an ihrem Machterhalt interessiert ist wird diese Reise halt nur als Pflichtprogramm gesehen und möglichst schnell abgearbeitet. Wieder einmal schadet diese Kanzlerin mit ihrem Egoismus unserem Land!
2. Heia Safarie Kenya!
Viva24 11.07.2011
Wünsche Frau Merkel einen schönen Ausflug vom Alltag. Eine gute Pirsch bei Löwen und Elefanten, nette Geschenke... Und wenn Sie in Ihrem Airbus rauschaut vielleicht sieht Sie ja den Gipfel des Mt.Kenya! Was wir Steuerzahler alles finanzieren müssen...
3. Merkel
güntersch 11.07.2011
Zitat von sysopKriege, Armut, Hunger: Afrika gilt in Deutschland als Ort des Elends, nicht der Chancen. Angela Merkels*Blitzreise dürfte daran kaum etwas ändern:*Für drei Länder nimmt sich die Kanzlerin ganze drei Tage Zeit. Andere Staaten investieren*längst mehr - und werden reich belohnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773173,00.html
Was soll sie da auch so lange. Außer Krieg hat sie Armut und Elend doch zu Haus auch da braucht sie nicht nach Afrika. Wenn es um Armut geht werden wir Afrika eines Tages noch überholen. Man braucht nur an die Rettungsschirme zu denken die schon aufgespannt bzw. noch aufgespannt werden dann sind wir nämlich 4. Welt.
4. Das Geschäft machen die Chinesen
VorwaertsImmer 11.07.2011
Obwohl die Europäer sehr viel Erfahrung mit Afrika hätten schaffen sie es nicht, mit Afrika eine vernünftige Zusammenarbeit hinzubekommen. _Die Strategie der Chinesen: _*Die Chinesen holen sich das Wissen von den Europäern, fertigen in China und exportieren nach Afrika. Die Afrikaner liefern die Rohstoffe.* Dümmliche Europäer schauen dabei zu wie die Chinesen das Geschäft machen, haben nur die Kosten z.B. friedenssichernder Massnahmen. Statt von den Afrikanern klipp und klar eine Gegenleistung zu fordern, helfen die Europäer - ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die Afrikaner nehmen die Hilfe der Europäer gerne an, liefern aber die Rohstoffe nach China.... Und dann noch die permanente Selbstanklage weil man mal Kolonialmacht war. Das hilft niemanden weiter!
5. Interessante Sichtweise
hbblum 11.07.2011
Ich bin ja schon überrascht, das Sie ausgerechnet die Chinesische Afrikapolitik als ein Beispiel für uns verkaufen wollen. Chinesische Millionen die die Machtverhältnisse zementieren und diche Dicktatoren an der Macht halten, Chinesische Händler, die jeglichen aufkeimenden lokalen Handel per Stückzahl mit Billigramsch überrenne? Wenn das unsere "Interessen" sein sollen, dann wird mir der Nibel richtig sympatisch....
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