Von Horand Knaup, Nairobi
Sie wird den Präsidenten treffen, den Premierminister, und wenn sie an der Universität von Nairobi eine Rede hält, werden gleich vier nationale Fernsehsender den Auftritt live übertragen: Es ist ein besonderes Ereignis für Kenia, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Montagabend nach Ostafrika kommt. Seit den Unruhen 2008, die mehr als 1400 Menschen das Leben kosteten und Hunderttausende entwurzelt zurückließen, hat sich kein hochrangiger westlicher Staatsgast in Nairobi mehr blicken lassen, Nicolas Sarkozy nicht, der Brite David Cameron nicht. US-Präsident Barack Obama, dessen Großvater aus Kenia stammt, umflog das Land bei seiner einzigen Afrika-Visite im Jahr 2010 weiträumig. Es war ein Affront für Kenia.
Die jahrelange Ignoranz der großen Geber hatte gute Gründe: Sie war nicht zuletzt die Quittung für die Weigerung der Kenianer, die Korruption im eigenen Land energisch zu bekämpfen, vor allem aber die Hintergründe der Unruhen von 2008 aufzuarbeiten und die Drahtzieher vor Gericht zu stellen.
Nun fliegt die deutsche Bundeskanzlerin für einen 20-Stunden-Besuch ein. Es ist erst das zweite Mal seit ihrem Amtsantritt 2005, dass sie - abgesehen von einem Abstecher zur Fußball-WM im vergangenen Jahr - den afrikanischen Kontinent bereist. Von Nairobi aus geht es weiter nach Angola und Nigeria.
Es ist kein Spaziergang - es ist eine mutige Reise, die die Kanzlerin da unternimmt: drei Länder, drei Problemkandidaten.
Aber schon die Kurzatmigkeit des Programms - nicht mal 20 Stunden pro Land - lässt erkennen: Wirklich wichtig ist der Bundesregierung der Nachbarkontinent nicht. Interesse, Aufmerksamkeit oder gar Zuwendung drücken sich anders aus. Es ist eine Pflichttour, die die Kanzlerin absolviert, mehr nicht. Ein bisschen Symbolik in einem Halbjahr, in dem Deutschland dem Weltsicherheitsrat vorsitzt. Ein kleiner Trost für Merkel: Sie ist mit ihrer Passivität nicht allein. Afrika liegt auf allen Ebenen im Schatten des deutschen Wahrnehmungshorizonts.
Das war nicht immer so. Während des Kalten Krieges wurden Stellvertreterkonflikte nicht zuletzt in Afrika ausgetragen. Das führte zu stärkerer Präsenz Deutschlands - aus Ost wie West. Inzwischen jedoch ist Afrika für Deutschland zum dunklen Kontinent verkommen, zu einer Großregion der Krisen, Krankheiten und Konflikte, die viele Risiken und wenig Chancen bietet. Auf der politischen Bühne ist diese Region kein Thema, mit dem man sich profilieren könnte. Wer sich im Bundestag für Afrika interessiert, ist - anders als mit Kenntnissen über die USA, Russland oder China - automatisch außenpolitischer Hinterbänkler.
Mit Ach und Krach hat das Außenministerium soeben ein Afrika-Konzept erstellt, das von "Partnerschaft auf Augenhöhe" spricht und erstmals auch von einer "interessengeleiteten" Politik. Das war bislang verpönt. Grundlegend ändern wird das Konzept am Desinteresse nichts. Ein paar Jahre lang hat Bundespräsident Horst Köhler diese Leerstelle ausbalanciert; doch Köhler ist nicht mehr Bundespräsident, und sein Nachfolger zeigt keine Ambitionen, ihm nachzueifern.
Die deutsche Wirtschaft tut sich schwer mit Afrika
Immerhin, Köhler hat aus seiner Amtszeit ein zartes Pflänzchen hinterlassen: Seit fünf Jahren gibt es das von ihm initiierte Programm "Go Africa... Go Germany...", das junge deutsche und afrikanische Akademiker zusammenbringt. Es ist der Versuch, ein Netzwerk zu bilden, das Bemühen, sich gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht erwächst daraus irgendwann einmal eine deutsch-afrikanische Jugendbildungsstiftung. Pläne dafür gibt es.
Auch die Wirtschaft tut sich schwer mit Afrika. Viele früher enge Kontakte sind verlorengegangen, die deutschen Unternehmen scheuen die Risiken, die mit einem Afrika-Engagement verbunden sind. Sie orientieren sich eher in Richtung Osteuropa und Asien, wo sie sich trittfester fühlen und ihre Investitionen besser abgesichert sehen.
Vor allem die global operierenden Konzerne sind zögerlich. Deutsche Automodelle zum Beispiel findet man auf dem Kontinent nur noch in Ausnahmefällen - abgesehen von Südafrika und von Daimler-Limousinen in den Regierungsfuhrparks. Die japanischen Autobauer haben den Markt, der rasant wächst, fest im Griff.
Der Energieriese E.on wollte in Äquatorialguinea in ein milliardenschweres Gasgeschäft einsteigen. Er zog sich wieder zurück, nachdem die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke beschlossen hatte.
Einzig Lufthansa hat sich eine Marktnische erobert, und die Airline lebt glänzend damit. Sie fliegt unter anderem nach Luanda, nach Port Harcourt, nach Malabo und Accra und befördert auf diesen Strecken Geschäftsreisende: Es sind Mitarbeiter der Ölfirmen, die gerne Business Class fliegen, weil ihre Unternehmen die Ausgaben unter Produktionskosten verbuchen können.
Andere sehen Wachstumsraten, Potentiale, Ressourcen
Es sind eher mittelständische Unternehmen, die ihr Glück in Afrika suchen. Firmen wie die Ingenieure von Gauff, die Traditionshandelsfirma Woermann oder die Flaschenabfüller von Krones. Sie sehen in Afrika einen Wachstumsmarkt. Die Spezialisten für Hochdruckpumpen von Kärcher sondieren gerade im Südsudan das Terrain. Die Frankfurter Messegesellschaft will ein Büro in Nairobi eröffnen. Auch Solarfirmen versuchen vorsichtig, in Ostafrika ins Geschäft zu kommen.
Man kann es der Wirtschaft nicht einmal vorwerfen, denn auch etliche Medien haben sich zurückgezogen. Fast alle deutschen Zeitungen haben ihre Berichterstattung über den Kontinent ausgedünnt, aus Nairobi haben vor gut zehn Jahren mehr als doppelt so viele deutsche Korrespondenten berichtet wie heute.
Doch andere Staaten sehen die Wachstumsraten, die Potentiale, haben Strategien entwickelt, die Beziehungen systematisch intensiviert, Netzwerke geknüpft. Sie gehen Risiken ein, denn sie wollen etwas haben von diesem Kontinent, von seiner wachsenden Mittelschicht, von seinen Ressourcen, von seiner Dynamik. Es ist längst nicht mehr nur die Wirtschaftssupermacht China, die sich in Afrika ausbreitet. Die Türkei, Brasilien, Indien, aber auch Japan und Israel haben Afrika als Rohstofflieferanten - und als Markt - entdeckt. Und selbst Länder wie Malaysia oder Singapur beginnen, die Kontakte zu intensivieren.
Die "Partnerschaft auf Augenhöhe", die Außenminister Guido Westerwelle bei der Vorstellung des Afrika-Konzepts vor einigen Wochen proklamiert hat, ist das vielleicht größte Missverständnis. Denn was die Bundesregierung unter "Augenhöhe" versteht, fassen die Afrikaner ganz anders auf. Ihnen sind ausbalancierte Beziehungen zu China, Indien oder Brasilien lieber; zu Regierungen nämlich, die nicht ständig an die Menschenrechte erinnern und politische Freiheiten einfordern, sondern angepasste Produkte, Investitionen, Stipendien und billige Kredite anbieten. Und dafür zahlen die Afrikaner auch gerne mit Rohstoffen und Ressourcen. Lehrmeister hingegen haben afrikanische Regierungen nicht gern. Sagen wird es Angela Merkel wohl niemand. Auffallen könnte es ihr trotzdem.
Und so engagieren sich andere Länder in Afrika:
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