Katars Staatschef bei Merkel Der zwielichtige Scheich besucht Berlin

Einer der jüngsten und international umstrittensten Staatschefs kommt nach Berlin: Katars Emir Tamim. Er steht unter Verdacht, den Aufstieg des IS gefördert zu haben. Nun soll das Emirat beim Kampf gegen die Terroristen helfen.

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Hamburg/Berlin - Entwicklungsminister Gerd Müller gehört zu den unauffälligsten Köpfen im Bundeskabinett. Seine Amtsvorgänger Heidemarie Wieczorek-Zeul und Dirk Niebel hatten wenigstens noch knallrote Haare oder eine Landser-Mütze, mit denen sie in Erinnerung geblieben sind. Müller führt sein Amt dagegen bislang so unauffällig, wie es sein Name nahelegt.

Nur einmal hat der CSU-Politiker bislang so richtig für Aufsehen gesorgt. In einem ZDF-Interview zum Vormarsch der Terrorgruppe "Islamischer Staat" im Irak und in Syrien sagte er Ende August: "Man muss sich auch die Frage stellen, wer rüstet, wer finanziert die IS-Truppen? Stichwort Katar". Müller war damit der erste Regierungspolitiker, der das Emirat öffentlich bezichtigte, die Dschihadisten zu unterstützen.

Katars Herrscherhaus bestellte daraufhin die deutsche Botschafterin in Doha ein, um sich offiziell über den Minister zu beschweren. Die Bundesregierung entschuldigte sich umgehend und sprach von bedauernswerten Missverständnissen. Müller habe mit seinen Äußerungen "keinen konkreten Vorwurf verbunden", sondern lediglich auf Zeitungsberichte angespielt.

Katar erhält "Leopard"-Panzer aus Deutschland

Am Mittwoch kann Kanzlerin Angela Merkel persönlich die Haltung der Bundesregierung erläutern. Sie empfängt Katars Emir, Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani, in Berlin. Es ist der erste Staatsbesuch des 34-jährigen Autokraten in Deutschland, der im Juni 2013 die Macht von seinem Vater übernahm.

Merkel wird im Kanzleramt einen heiklen Bündnispartner begrüßen. Das Herrscherhaus ist mit Milliardenbeträgen an deutschen Unternehmen beteiligt, unter anderem an Hochtief, Volkswagen und der Deutschen Bank. Katar ist einer der weltgrößten Produzenten von Flüssiggas. Weil Deutschland intensiv nach Alternativen zum Erdgas aus Russland sucht, ist ein gutes Verhältnis zu dem Golfstaat auch energiepolitisch wichtig.

Zudem ist Katar in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Abnehmer der deutschen Rüstungsindustrie aufgestiegen. Allein im ersten Halbjahr 2013 erteilte die Bundesregierung Ausfuhrgenehmigungen im Wert von rund 635 Millionen Euro. In das Land werden unter anderem 62 "Leopard"-Kampfpanzer und 24 Panzerhaubitzen geliefert. Katar zählt zu den sogenannten strategischen Partnern Deutschlands, deshalb darf das Emirat Waffen von deutschen Rüstungskonzernen kaufen.

Aber darf die Bundesrepublik einen Staat massiv aufrüsten, obwohl allen Verantwortlichen in der Berliner Regierung klar ist, dass dieser hinter den Kulissen in Syrien von Beginn an radikale Islamisten unterstützt hat? Islamisten, die inzwischen ein religiöses Terrorregime errichtet haben und Menschen vor laufenden Kameras den Kopf abschneiden.

Offiziell ist Katar inzwischen wie die anderen arabischen Golfstaaten der internationalen Koalition gegen den "Islamischen Staat" beigetreten. Die Bundesregierung hofft vor allem auf Kooperation bei der Jagd auf die Kommandeure des IS, auf Hinweise über Reisebewegungen und einen Stopp der Terror-Finanzierung aus der Golfregion.

Am Freitag kommt der nächste Regierungschef vom Golf

Schon seit Jahren ist das Emirat in Sachen Informationsaustausch beim Kampf gegen den Terror ein unerlässlicher Partner, im Vergleich zu den erratischen Herrschern von Saudi-Arabien gilt der junge Staatschef Tamim als weitgehend berechenbar, rational, manchmal fast modern.

Doch nicht nur Katars Syrien-Politik hat in Berlin für wachsenden Unmut gesorgt: Auch die massive Unterstützung für die palästinensische Hamas verärgert die Bundesregierung. Hamas-Chef Chalid Maschaal residiert seit mehr als zwei Jahren in Doha, das Emirat ist der wichtigste Finanziers der Organisation.

Obwohl Katar sich als Bündnispartner von USA und EU im Nahen Osten präsentiert, unternahm das Herrscherhaus während der jüngsten Eskalation lange nichts, um die Hamas zu einer Waffenruhe mit Israel zu überreden. Merkel wurde ungewöhnlich deutlich: "Katar hat hier die Möglichkeit, einzuwirken", sagte die Kanzlerin in einem Fernsehinterview. Es dürfe nicht sein, dass das Land "in eine ganz andere Richtung arbeitet".

Der Berlin-Besuch von Emir Tamim soll diese Unstimmigkeiten endgültig beilegen. Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" ist der Westen bei der Suche nach Partnern ohnehin nicht wählerisch. Schon am Freitag empfängt Merkel im Kanzleramt den nächsten zwielichtigen Herrscher vom Golf: den Premierminister von Kuwait.



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ketzer2000 17.09.2014
1. Autokrat
Es ist interessant, wie Politik mit den arabischen Staaten gemacht wird. Der Emir von Katar wird empfangen, obwohl Katar autokratisch diktatorisch regiert wird und Meinungsfreiheit und Menschenrechte - Frauen - nicht besonders geschätzt werden. Geschätzt wird aber die Kaufkraft des Emirs, der von deutschen Waffen begeistert ist. Vielleicht wird der Emir auch gegen die IS helfen, nachdem er die IS im Aufbau unterstützt hat und ihm möglicherweise der Boden doch zu heiss werden könnte. Die IS duldet keine Autokraten, sondern nur den allächtigen Kalifen und das Kalifat. Ob wir allerdings wirkliche Unterstützung bei einer Befriedung des Nahen Osten erhalten, wage ich zu bezweifeln. Nötig wäre der Fieden allemal!
fabio 17.09.2014
2. Katar ist der engste Verbündete
der USA in der Region. ZUSAMMEN haben sie die IS aufgepäppelt und gegen Damaskus geschickt. Und nun erwarten wir von unseren prinzipientreuen Politikern, dass man mit gleichem Massstab misst wie bei Russland. Oder wenigstens ehrlich zugibt,dass "westliche Werte" jeweils der Situation angepasst werde. Falsche Hoffnung? Klar. Aber so offensichtlich, dass sich jeder rational denkende Mensch angewidert wegdreht.
erasmus89 17.09.2014
3. Jaja, westliche Werteorientierung
und wertegeleitete Außenpolitik. Da kommt einem die Galle hoch. Diese verlogene deutsche Außenpolitik entzaubert sich wieder einmal mit dem Empfang dieses Salon-Salafisten, der noch viel mehr als sein Vater Syrien mit Waffen überschwemmt hat siehe internationale Presseberichte. Wie kann der Westen nur mit solchen Verbrechern paktieren, obwohl diese durch ihre massive Einmischung im Bürgerkrieg das Blut zehntausender Menschen an den Händen kleben haben.
Leser heute 17.09.2014
4. Guantanamo
wäre ein guter Ort um den freundlichen Herrn die nächsten Jahre dauerhaft aufzubewahren. Anstelle der Entschuldigung sollte man den Förderer des internationalen Terrorismus und der Piraterie von hier aus direkt nach dort verbringen. Das ist auch eine Art von Sprache, die dort verstanden wird. Ansonsten verlacht man unserer staatliche Entbödung doch nur.
accie 17.09.2014
5. Selbstbewußt
Gott sei Dank. Junge arabische Generation sind nicht skalaven der USA wir ihre Väter. Sie haben überblick und wissen genau, worum es geht. Sie kummer sich um ihr Land. Sie überlassen die Regierungsgeschäfte nicht den Amerikaner und den Europäer und es ist gut so. Das heißt sie sind politisch und Mutig. Erdogan hat denen Augen geöffnet. Deshalb hat Saudischer König mit ihm Probleme. Jetzt ist Saudi Arabien ist an der Reihe. Her mit dem jungeren Generation.
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