Athen-Besuch: Merkel verlangt von Griechen mehr Reformen

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Bundeskanzlerin Merkel: "Die Chancen und die Möglichkeiten überwiegen"

Angela Merkel wirbt bei ihrem Griechenland-Besuch für den Reformkurs des Landes. Potential sieht sie in Tourismus und Landwirtschaft. Die Opposition spricht von einem "Showbesuch im Troika-Protektorat".

Athen - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren Besuch in Athen für einen Appell an die Griechen genutzt. Die CDU-Chefin ermunterte Griechenland zur Fortsetzung seines schmerzhaften Reformkurses.

"Ich glaube ganz fest, dass nach einer sehr, sehr schwierigen Phase, die in Griechenland natürlich auch noch durchaus anhält, für viele Menschen in diesem Land unglaublich vieles an Möglichkeiten steckt, was noch gar nicht voll erfasst ist", sagte Merkel bei einem Kurzbesuch in der griechischen Hauptstadt. Gerade in den für Griechenland klassischen Wirtschaftsbereichen Tourismus und Landwirtschaft stecke viel Potential.

Merkel informierte sich zu Beginn ihrer Visite gemeinsam mit ihrem Amtskollegen Antonis Samaras bei einem Treffen mit jungen Unternehmern über die Bemühungen der griechischen Wirtschaft, in der Schuldenkrise wieder Tritt zu fassen.

Wagenknecht kritisiert Merkel-Reise nach Athen

Zum Auftakt des Gesprächs machte sie den jungen Firmengründern Mut: Auch nach der deutschen Wiedervereinigung habe es Schwierigkeiten für viele Menschen gegeben. Sie sei aber sicher: "Die Chancen und die Möglichkeiten überwiegen. Und ich bin ganz sicher, das wird auch in Griechenland so sein, trotz der schweren Wegstrecke."

Die Kanzlerin ist insgesamt nur sechseinhalb Stunden in Athen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gewaltig. 7000 Beamte haben das Regierungsviertel fast vollständig abgeriegelt. Bei ihrem Athen-Besuch mitten in der Schuldenkrise im Oktober 2012 war Merkel wegen ihres harten Sparkurses von vielen Griechen persönlich für die schlechteren Lebensbedingungen verantwortlich gemacht worden.

Linken-Fraktionsvize Sahra Wagenknecht kritisierte die Reise als "Showbesuch im Troika-Protektorat". "Bundeskanzlerin Angela Merkel benutzt das kaputtgekürzte Griechenland als Kulisse für ihren Europawahlkampf", sagte Wagenknecht.

Und wie ist die Stimmung in der griechischen Bevölkerung? Unsere Reporter David Böcking und Giorgos Christides haben bei Betroffenen nachgefragt: Was würden Sie Angela Merkel sagen, wenn Sie die Gelegenheit hätten, mit ihr zu sprechen?

Um die Umfrage zu lesen, klicken Sie auf die Bilder:

Griechenland: Merkels Athen-Besuch
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Mitsaras, arbeitet in einer Taverne:
"Ich würde Merkel eine Maske aufsetzen und ihr dann zeigen, was sie bewirkt hat. An einem Tag würde ich ihr die Obdachlosen zeigen, am nächsten die Suppenküchen. Und die geschlossenen Geschäfte, die Selbstmordstatistiken."

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Dimitris Tsavos, Kellner:
"Politik von oben ist einfach. Merkel sollte die Leute besuchen, ihre Sorgen sehen, dass sie nichts zu essen haben. Ich würde sie bitten, den Tag mit mir hier in der Taverne zu verbringen. Wo Griechen, die Gentlemen waren, jetzt um eine Scheibe Brot betteln. Wenn ich 480 Euro brutto verdiene und eine Ein-Zimmer-Wohnung für 250 Euro habe, wie soll ich da zurechtkommen?"

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Christos Nasmis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Frau Merkel nach einem gerechteren Europa fragen. Und ich würde sie bitten, Investitionen nach Griechenland zu bringen."

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Kostas Karabasis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Merkel bitten, wieder für ein sicheres Geschäftsumfeld zu sorgen. Wer wird investieren, wenn diese Unsicherheit anhält?"

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Ioannis Giolas, 56:
"Ich würde ihr sagen, dass sie Menschen in Südeuropa respektieren soll. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse. Wir arbeiten mehr als alle anderen in Europa. Griechenland hat seinen Mittelstand und seinen Handel verloren. All das Zeugs mit Griechenlands Rückkehr an die Märkte und die angebliche Erfolgsgeschichte ist nur eine Erfindung und ein Mythos."

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Stamatia Tsoumea, arbeitslos, ehemalige Schulwächterin:
„Was in Griechenland passiert, ist unmenschlich. Wir haben Ihr Land unterstützt, Frau Merkel, mit der Beilegung deutscher Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieselbe Solidarität würden wir in der sogenannten europäischen Familie erwarten. Wir wissen, dass Sie hierhin kommen, um unsere Regierung zu unterstützen und die falsche Botschaft zu senden: Dass die Krise und die Überwachung durch die Troika vorbei sind."

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Melina Kotsaki, frühere Stewardess bei Olympic Airways, 70:
"Rückkehr an den Markt? Optimistisch? Wirklich? Kommen Sie, das sind alles Märchen für Naive. Das ist alles ein abgekartetes Spiel, um vor der Europawahl zu punkten. Aber wir sind keine Idioten, zumindest die meisten von uns. Merkel ist die Betrügerin Nummer eins. Die Menschen und Europa sind ihr egal. Sie interessieren nur die Eliten."

syd/dpa

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Reeefooorm!!! Stillgestanden!
backtoblack 11.04.2014
Zitat von sysopREUTERSAngela Merkel wirbt bei ihrem Griechenland-Besuch für den Reformkurs des Landes. Potential sieht sie in Tourismus und Landwirtschaft. Die Opposition spricht von einem "Showbesuch im Troika-Protektorat". http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-griechenland-athen-soll-mehr-reformen-einleiten-a-963954.html
Wenn ich das Unwort der letzten Jahre "Reform" aus dem Mund von Merkel höre, dann überkommen mich die übelsten Gewaltphantasien. Was mache ich falsch?
2. Obwohl EU und € illegal ( weil )....
hesse 11.04.2014
Zitat von sysopREUTERSAngela Merkel wirbt bei ihrem Griechenland-Besuch für den Reformkurs des Landes. Potential sieht sie in Tourismus und Landwirtschaft. Die Opposition spricht von einem "Showbesuch im Troika-Protektorat". http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-griechenland-athen-soll-mehr-reformen-einleiten-a-963954.html
( weil Volksabstimmungen fehlen) sind, sollte sich Frau Merkel die Schmach des Griechenlandsbesuches nicht antun.
3. Deutsche Landwirtschaft
diefetteberta 11.04.2014
Ausgerechnet eine deutsche Politikerin gibt den Griechen den Ratschlag bezüglich Landwirtschaft. Sehen wir uns doch einmal an, wie sich dieser Sektor in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat? Brutale Massentierhaltung mit Antibiotika in Riesenställen, Vermaisung der Landschaften, Fleischabfälle, die nach Afrika exportiert werden ... , das sollen sich die Griechen als Vorbild nehmen?
4. Ich glaube auch ganz fest,
eisbaerchen 11.04.2014
Zitat von sysopREUTERSAngela Merkel wirbt bei ihrem Griechenland-Besuch für den Reformkurs des Landes. Potential sieht sie in Tourismus und Landwirtschaft. Die Opposition spricht von einem "Showbesuch im Troika-Protektorat". http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-griechenland-athen-soll-mehr-reformen-einleiten-a-963954.html
dass Mutti bei der nächsten Wahl nicht mehr antritt (und erlöse uns von dem Übel..). Der Wahrheitsgehalt ist ungefähr so groß wie Mutti an die Genesung des griechischen Haushalts glaubt (kann sich jeder selbst überlegen was das heissen mag). Wenn ich mich nicht verhört habe, haben die Griechen über 300 Milliarden Schulden?
5.
RioTokio 11.04.2014
Zitat von sysopREUTERSAngela Merkel wirbt bei ihrem Griechenland-Besuch für den Reformkurs des Landes. Potential sieht sie in Tourismus und Landwirtschaft. Die Opposition spricht von einem "Showbesuch im Troika-Protektorat". http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-griechenland-athen-soll-mehr-reformen-einleiten-a-963954.html
"Showbesuch im Troika-Protektorat"? So ähnlich äußern sich wohl auch Schuldner, bei denen nach unbezahlten Einkäufen plötzlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Wenn die keine Hilfsgelder aus Europa haben wollen müssen sie es nur sagen. Deutsche Steuerzahler sind nicht scharf darauf für griechische Misswirtschaft, Korruption zur Kasse gebeten zu werden. Noch beschimpft zu werden dafür, dass man nicht bedingungslos Geldgeschenke nach Griechenland überweist und das von einem Europartner, der sich den Zutritt zur Eurozone durch Betrug erschlichen hat ist schon krass. Das Land ist als Urlaubsland gestrichen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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