Merkel-Besuch in Chisinau Auf ein Gläschen nach Moldau

Frankreichs Präsident Hollande kommt, dann der Grieche Samaras, nächste Woche Italiens Monti. Für die Kanzlerin steht Euro-Krisendiplomatie an. Doch vorher kümmert sich Angela Merkel um den Transnistrien-Konflikt. Erstmals reist sie nach Moldau - für das kleine Land ein "historisches Ereignis".

Aus Chisinau berichtet

dapd

Man kann auf die Idee kommen, dass die Kanzlerin in diesen Tagen Besseres zu tun hätte, als in die Republik Moldau zu reisen. Oft ist schließlich in diesen Tagen vom bevorstehenden "heißen Euro-Herbst" die Rede, von der "Euro-Dämmerung". Tatsächlich steht Angela Merkel hektische Krisendiplomatie ins Haus. Für Donnerstagabend hat sich Frankreichs Präsident FrançoisHollande angesagt, am Freitag kommt der griechische Premier Antonis Samaras nach Berlin, nächste Woche ist Italiens Ministerpräsident Mario Monti zu Gast.

Doch vorher findet sie noch Zeit für ein kleines Land ganz im Osten Europas. An diesem Mittwoch ist Merkel nach Moldau geflogen, hierzulande noch immer besser bekannt unter dem Namen Moldawien - als erster Regierungschef aus Deutschland überhaupt.

In Merkels Umfeld verwahrt man sich gegen den Eindruck, die Visite sei angesichts der sich zuspitzenden Schuldenkrise nicht angebracht. Ihr Engagement im Kampf um den Euro nehme durch den Tagestrip "keinen Schaden", heißt es in Regierungskreisen. Und es gehöre nun mal zu den Pflichten Deutschlands, sich auch um den Rand des Kontinents zu kümmern. Im Übrigen sei der Besuch der Kanzlerin der wichtigste eines Staats- oder Regierungschefs, seit sich das Land vor 21 Jahren während des Auseinanderbrechens der Sowjetunion für unabhängig erklärte.

Dass man das durchaus glauben darf, zeigt sich nach der Ankunft in der Hauptstadt Chisinau. Die Stadt hat sich für den hohen Besuch aus Deutschland rausgeputzt, so weit es eben geht. Sicher, die tristen Plattenbauten, die bei der Fahrt vom Flughafen zur Staatsresidenz die Straßen säumen, zeigen nicht zu verbergende Zerfallserscheinungen. Sie erinnern daran, dass Moldau eines der ärmsten Länder Europas ist. Doch trotz der schweren Dürre, die das landwirtschaftlich geprägte Land derzeit heimsucht, sind überall frisch gepflanzte Blumen und Bäume zu sehen. Angeblich soll an mehreren Stellen der Stadt eigens frischer Rollrasen verlegt worden sein, wurde vor Merkels Ankunft berichtet.

Merkels Besuch als "historisches Ereignis"

Die Bundesregierung versuchte im Vorfeld Meldungen zu entkräften, Diebe hätten große Teile des saftigen Grüns gleich wieder entwendet. Lediglich 20 Meter auf dem großen Boulevard der Hauptstadt seien weggekommen, habe das hiesige Gartenbauamt versichert. Auch von den 300 angeblich extra am Flughafen gefällten Bäumen, von denen ein Stadtsprecher berichtet haben soll, wollte die deutsche Botschaft nichts wissen. Die 152 Lastwagenladungen Müll, die die Moldauer für den "verehrten Gast" hätten entsorgen lassen, blieben unkommentiert. Tatsächlich wirken die Straßen, die die Kolonne der Kanzlerin entlangrauscht, sehr aufgeräumt.

Das Interesse der Öffentlichkeit ist riesig. Seit Tagen berichten moldauische Zeitungen über den Besuch aus Deutschland, Journalisten sprechen von einem "historischen Ereignis". Der Raum, in dem Merkel gemeinsam mit Moldaus Ministerpräsident Vladimir Filat die Presse trifft, ist überfüllt. "Das ist ein äußerst wichtiger Besuch für uns", sagt Filat. Der Premierminister blickt dabei traurig, aber das tut der 43-Jährige angeblich immer. Filat regiert die ehemalige Sowjetrepublik seit etwa drei Jahren. Er will Moldau an die Europäische Union heranführen, und dafür gilt Merkels Visite als wichtiges Signal. Vor zwei Jahrzehnten haben die beiden Staaten diplomatische Beziehungen aufgenommen - "20 Jahre, in denen uns Deutschland immer unterstützt hat", bedankt sich Filat.

Merkel lobt die Reformen, die Moldau in den letzten Jahren vollzogen hat. Von den sechs Staaten der sogenannten Östlichen Partnerschaft, die die EU in Osteuropa pflegt, habe sich Moldau "am positivsten entwickelt", heißt es in der Delegation. Von einem möglichen EU-Beitritt will die Kanzlerin aber nicht sprechen. Natürlich habe Moldau eine europäische Perspektive, dabei müsse man aber "Schritt für Schritt" vorgehen. Bei aller Freundschaft - man hat eben andere Probleme derzeit in Europa, als Moldau die Mitgliedschaft in Aussicht zu stellen.

Ungelöste Transnistrien-Frage

Und dann ist da noch die ungelöste Transnistrien-Frage, jener bizarre frozen conflict um 3500 Quadratkilometer Land an der Grenze zur Ukraine. Noch immer ist nicht klar, was aus diesem schmalen Streifen jenseits des Flusses Dnjestr werden soll, in dem rund eine halbe Million Menschen leben. Das Gebiet, das noch immer stolz Hammer und Sichel im Wappen führt, hatte sich 1990 von Moldau losgesagt, es kam zu einem kurzen aber blutigen Sezessionskrieg. Anerkannt hat das Mini-Gebilde und seine sogenannte Regierung in der sogenannten Hauptstadt Tiraspol international niemand, nicht einmal Russland, das noch immer Truppen dort stationiert hat.

Bis 2011 regierte in Transnistrien ein autoritärer Clan von Sowjetnostalgikern. Erst seit "Präsident" Jewgeni Schewtschuk im Amt ist, gibt es wieder Bewegung. Es sind kleine Fortschritte: Zugverbindungen, der Bau einer Brücke, Aufbau von Festnetztelefonie. Deutschland hat daran großen Anteil, das schätzen sie in Chisinau sehr. Gemeinsam mit Russlands damaligem Präsidenten Dmitrij Medwedew hatte Merkel im Sommer 2010 eine neue Initiative zur Lösung des Transnistrien-Konflikts gestartet, internationale Gespräche kommen wieder in Gang. Noch ist ungewiss, ob es unter dem Staatschef Wladimir Putin so weitergeht, der die Annäherung Moldaus an Europa wesentlich unentspannter sieht als Medwedew.

Millionen Liter Wein warten unter der Erde

Nach einem Treffen mit Moldaus Präsident Nicolae Timofti und einer Rede Merkels vor Parlamentariern wollte Premier Filat die Kanzlerin am Mittwochabend noch auf dem Staatsweingut Cricova zum Abendessen einladen. In einem gigantischen, unterirdischen Stollensystem lagert dort eine der größten Weinsammlungen der Welt. Mehr als eine Million Flaschen, dazu etliche Fässer, liegen in den Tunneln bis zu 80 Meter unter der Erdoberfläche bei idealer Temperatur und Feuchtigkeit, darunter angeblich auch eine Sammlung des Nazi-Kriegsverbrechers Hermann Göring, von russischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg hierher gebracht. Merkel soll vor dem Essen eine Führung durch die moldauische Unterwelt des Weins bekommen.

Fragen nach der Euro-Krise weicht Merkel am Mittwoch weitgehend aus, sie will ihre Gastgeber nicht vergrätzen, die sich so viel von ihrem Besuch erhoffen. Auf Forderungen des griechischen Premiers Samaras nach einer Atempause bei den Sparzielen geht sie daher nicht konkret ein. Es werde beim Gespräch mit Samaras am Freitag keine Lösungen geben, sagt die Kanzlerin nur. Aber, fügt sie noch hinzu, jeder Partner müsse seine Verpflichtungen einhalten.

Doch wer weiß, vielleicht nimmt Merkel von der Besichtigung ja ein Fläschchen für ihren Gast François Hollande am Donnerstagabend mit nach Berlin. Angeblich, so wird im Internet behauptet, soll sein Vorgänger Nicolas Sarkozy zumindest den Sekt aus Cricova einst als einen der besten bezeichnet haben.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ziegenzuechter 22.08.2012
1. transnistrien
ist eines der schoensten laender europas und ein echtes traumziel fuer individualisten. sehr empfehlenswert.
Albalux 22.08.2012
2. Aus gegebenem Anlass
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71558798.html
theodorheuss 22.08.2012
3. Ja!
Zitat von sysopdapdFrankreichs Präsident Hollande kommt, dann der Grieche Samaras, nächste Woche Italiens Monti. Für die Kanzlerin steht Euro-Krisendiplomatie an. Doch vorher kümmert sich Angela Merkel um den Transnistrien-Konflikt. Erstmals reist sie nach Moldau - für das kleine Land ein "historisches Ereignis". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851524,00.html
es gibt auch noch andere Länder als Griechenland, Griechenland und Griechenland. Ein Bruchteil der Griechenhilfe an die Moldau und da hätte etwas entstehen können.
Crom 22.08.2012
4.
Zitat von Albaluxhttp://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71558798.html
Jepp, eine Vereinigung mit Rumänien wäre für die Moldauer wohl der kürzeste Weg in die EU. Allerdings muss zuvor der Transnistrienkonflikt beseitigt werden.
bruce-willis-verschnitt 22.08.2012
5. Nachfrage aus den 80ern
Ist das nicht das Land, wo in den 80ern vom Denver-Clan erfunden wurde und dann ein furchtbarer Putsch war, als Amanda Carrington den netten Prinz Michael heiraten wollte? Da es jetzt "Republik Moldau" heisst spricht viel dafür, dass Amanda und Michael bisher nicht zurückkommen durften.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.