Merkel in Moskau Zwischen Schelte und Schmusekurs

Wenn Kanzlerin Merkel morgen in Moskau Präsident Putin und den designierten Präsidenten Medwedew trifft, widerfährt ihr ein Privileg: Sie ist der erste ausländische Staatsgast, die vom Neuen empfangen wird. Die deutsch-russischen Beziehungen haben trotz mancher Spannungen noch immer Sonderstatus.

Von Carmen Eller, Moskau


Moskau - Angela Merkel wird auf ihrem Weg zum künftigen russischen Präsidenten einen Zaren passieren. Im Vorraum von Dmitrij Medwedews Büro blickt Nikolaj II. auf die Besucher. Ein schnurrbärtiger Romanow - verheiratet mit Alice von Hessen, verwandt mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II.

Putin und Merkel am 15.10.2007 in Wiesbaden: Sonderstatus trotz Kremlkritik
REUTERS

Putin und Merkel am 15.10.2007 in Wiesbaden: Sonderstatus trotz Kremlkritik

Die deutsche Kanzlerin wird der erste ausländische Staatsgast sein, den der designierte Präsident Russlands empfängt. In idyllischer Umgebung. Medwedew und Merkel schütteln auf Schloss Maiendorf die Hände. Ein Ort hinter Moskau, an dem 1905 auch Nikolaj II. verweilt haben soll. General Kassakow gibt den Bau 1847 in Auftrag. Weil sich seine Tochter Nadeschda, die mit dem baltischen Baron Maiendorf verheiratet ist, ein Schloss im Stile mittelalterlicher Ritterburgen wünscht. Heute gehört das Anwesen der Präsidialverwaltung.

Merkel als erster Gast Medwedews – das ist bemerkenswert. Ging doch ausgerechnet die Russisch sprechende Kanzlerin nach Schröders Schmusekurs auf deutliche Distanz zum Kreml. Sie diskutierte mit Menschenrechtlern und forderte im Mai 2007 auf dem EU-Russland-Gipfel in Samara Meinungsfreiheit für Oppositionelle. Zwar gratuliert sie Medwedew nach der Wahl, deren Umstände jedoch stoßen in Deutschland auf Kritik. Über dem morgigen Besuch, zu dem noch Putin geladen hat, schwebt die Frage: Wie hält es Medwedew mit der Demokratie?

Statt einer festen Agenda steht ein "offenes Gespräch" auf dem Programm. Stoff gäbe es genug – von Wirtschaftsfragen bis zur Energiepolitik. Vielmehr scheint es aber der Moment, um Medwedew auf den Zahn zu fühlen. Denn noch ist offen, wer im russischen Machttandem die Oberhand behält. Kommt mit Medwedew die politische Wende oder weht weiter ein kühler Wind?

Starke Partner in der Wirtschaft

Merkels Kremlkritik hat in Deutschland nicht nur Freunde. Firmen sorgen sich ob der klaren Worte um ihr Russlandgeschäft. Gerhard Schröder habe die Interessen der Exporteure besser vertreten, findet mancher deutscher Manager in Moskau. Für die Deutschen ist Russland sowohl der wichtigste Handelspartner als auch der am schnellsten wachsende Exportmarkt. Nach Angaben des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft stiegen die deutschen Ausfuhren 2007 um über 20 Prozent auf rund 28 Milliarden Euro. Heute sind rund 4000 deutsche Unternehmen in Russland aktiv. Die guten Wirtschaftsbeziehungen haben Tradition.

Mit Katharina der Großen, deren Porträt heute Merkels Büro schmückt, sitzt zwischen 1762 und 1796 eine Deutsche auf dem russischen Thron. Sie nutzt Privilegien wie Steuer- und Religionsfreiheit, um Bauern und Handwerker ins Zarenreich zu ziehen. Im Leben wie in der Literatur gelten die deutschen Einwanderer als ordentlich und zielstrebig. In seiner Novelle "Der Newskijprospekt" karikiert Nikolaj Gogol 1835 in seiner Figur Schiller den deutschen Charakter: "Er nahm sich vor, um sieben aufzustehen, um zwei zu Mittag zu essen, in allem pünktlich und jeden Sonntag betrunken zu sein."

Wie Gogol reist auch Fjodor Dostojewski nach Deutschland, wo er viele Kapitel seiner großen Romane verfasst. In den Casinos von Wiesbaden verfällt er dem Glücksspiel, eine Tochter erblickt in Dresden das Licht der Welt. Denker beider Länder inspirieren sich, die russische Sprache kennt heute noch deutsches Vokabular – von der "Schnur" bis zum "Schlagbaum". Thomas Mann spricht gar von einer Seelenverwandtschaft. Bis zur Emigration 1933 steht in seinem Münchner Haus ein ausgestopfter Braunbär. Ein Hochzeitsgeschenk an die Eltern – von Verwandten aus St. Petersburg.

Der geistige Austausch und die historische Verflechtung sichern Deutschland einen Sonderstatus – und das, obwohl die wechselvolle gemeinsame Geschichte viele dunkle Kapitel enthält. Mindestens 27 Millionen Menschen fallen allein in der Sowjetunion dem Größenwahn von Hitler-Deutschland zum Opfer. Doch als Russland den 60. Jahrestag des Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg" begeht, sitzt der deutsche Bundeskanzler auf der Ehrentribüne. Von der ersten Reihe aus verfolgt Gerhard Schröder die Paraden auf dem Roten Platz. Zwischen Anfeindung und Aussöhnung schlägt das Pendel meist in Richtung Partnerschaft.

Saunafreundschaft und Strandspaziergang

In den politischen Beziehungen zu Moskau markiert der Mauerfall einen Meilenstein. Er macht möglich, was bis dahin unvorstellbar schien: Ein Präsident der Sowjetunion wird zur deutschen Popikone. "Gorbi, Gorbi", jubeln die Menschen in Ost und West, wo immer Michail Gorbatschow auftaucht. Nach einer Umfrage im Auftrag des SPIEGEL im Juni 1989 ist der Vater der Perestroika deutlich beliebter als das deutsche Staatsoberhaupt.

Später kehrt zwar ein nüchternerer Ton in die Russland-Politik zurück. Die Saunafreundschaft von Kanzler Kohl und Boris Jelzin können jedoch weder der Tschetschenien-Feldzug noch die chaotische Führung in Moskau trüben. Ein politischer Kurs, den Gerhard Schröder noch verstärken wird.

Im September 2001, wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center, hat Wladimir Putin als erstes russisches Staatsoberhaupt einen Auftritt im Bundestag. Er spricht von Demokratie und Reformen und wechselt nach einem russischen Einstieg ins Deutsche, die "Sprache von Goethe, Schiller und Kant", wie er selbst sagt. "Die Abgeordneten erleben einen geschichtlichen Augenblick", notiert Gerhard Schröder später in seinen Memoiren.

Anna Politkowskaja geht auf die Barrikaden

Während seiner Zeit im Kanzleramt erreicht die russisch-deutsche Politikerfreundschaft einen – kritisch beäugten – Höhepunkt. In Sotschi, der Sommerresidenz des russischen Präsidenten, spazieren die Staatsmänner am Schwarzen Meer, der Kanzler und seine Frau adoptieren Waisenkinder aus St. Petersburg. Schröders Wort vom "lupenreinen Demokraten" wird symptomatisch für einen politischen Kurs, der angesichts der autokratischen Moskauer Führung beide Augen zudrückt.

Die deutsche Russland-Politik treibt die russische Journalistin Anna Politkowskaja auf die Barrikaden. Ihr Buch "In Putins Russland" sei "nicht gerade ein Geschenk für Schröder-Deutschland" mit seiner "weitreichenden Kritiklosigkeit gegenüber dem russischen Staatsoberhaupt", schreibt sie in ihrem Vorwort. "Deutschland ist auf der Seite Putins, nicht auf unserer. Alle Worte, alle Appelle, darunter auch meine, sind ungehört verhallt in dieser Atmosphäre der Liebedienerei vor dem russischen Präsidenten." An Putins Geburtstag 2006 wird Politkowskaja erschossen.

Der Mord überschattet die Deutschland-Visite des russischen Präsidenten, wo Demonstranten "Mörder! Mörder!" rufen und Putin erklärt, Politkowskajas Ermordung habe dem Image Russlands mehr geschadet als ihre Arbeit. Ganz anders tönt da sein Nachfolger Mitte Februar auf dem Wirtschaftsforum in Krasnojarsk. "Wir müssen die Freiheit der Massenmedien verteidigen", ruft Medwedew ins Mikro. Dazu zitiert er Katharina die Große: "Freiheit, Seele von allem, ohne dich ist alles tot." Schöne Worte, die sich in der russischen Wirklichkeit beweisen müssten. Demokrat oder Autokrat wie Nikolaj II.? – Medwedew hat die Wahl. Wenn Putin ihn lässt.



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