SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Februar 2013, 19:11 Uhr

Merkels Besuch bei Erdogan

Der anstrengende Mann vom Bosporus

Aus Ankara berichtet Konstantin von Hammerstein

Der türkische Premier Erdogan ist ein schwieriger Gesprächspartner, kaum berechenbar, anstrengend. So mühte sich Kanzlerin Merkel beim Besuch in Ankara um gute Stimmung, unternahm gar einen seltenen touristischen Abstecher. Allein: Bei Streitpunkten wie dem EU-Beitritt bewegt sich wohl wenig.

Im Kanzleramt gilt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als schwieriger Zeitgenosse. Zwar nervt er nicht wie Argentiniens aufgekratzte Präsidentin Cristina Kirchner, die ihre Gesprächspartner gerne in Grund und Boden redet. Aber er ist anstrengend. So wie der Russe Wladimir Putin, bei dem die Deutschen vorher nie wissen, ob er ihnen nun als Charmeur oder Autokrat gegenübertreten wird.

Auch Erdogan ist schwer berechenbar. Mal ist er die personifizierte Freundlichkeit, der seine Gäste verbal umarmt und mit Wohlwollen überschüttet, mal tritt er als aggressiver Despot auf, der seine Gesprächspartner von oben herab abkanzelt. Man weiß vorher nur leider nie, für welche Variante er sich am Ende entscheiden wird.

Vor dem Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel an diesem Montag in Ankara war die deutsche Seite immerhin verhalten optimistisch. Ankaras "Null-Problem-Politik" gegenüber den Nachbarn wird inzwischen auch in der Türkei als "Null-Nachbarn-ohne-Probleme-Politik" verspottet. Ob nun mit den Israelis, den Syrern, den Irakern oder den Armeniern - es gibt kaum ein Land in seiner Nachbarschaft, mit dem sich Erdogan nicht überworfen hätte. Die Chancen standen also gut, dass er in dieser Situation kein Interesse haben würde, auch noch Angela Merkel zu verprellen.

Zumal die Kanzlerin alles daran gesetzt hatte, dem Gastgeber ihre Wertschätzung zu demonstrieren. Am Morgen besichtigte Merkel frühchristliche Kulturdenkmäler in der Region Kappadokien. Die uralten Höhlenkirchen, in denen sich Christen schon vor den Römern versteckten, gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Merkel besucht bei ihren Auslandsreisen so selten touristische oder kulturelle Ziele, dass ihr Trip in die zentralanatolischen Tuffstein-Berge sofort auffiel.

Doch als die beiden am Nachmittag im Amtssitz des türkischen Ministerpräsidenten vor die Presse traten, schien es zunächst so, als sei die deutsche Mühe umsonst gewesen. Ernste, angespannte Gesichter, kein Lächeln, nicht das kleinste Zeichen von Herzlichkeit. Aber dann: Die "Sensibilität", deutsche "Patriot"-Einheiten in die Türkei zu entsenden, sei "sehr wichtig", flötete Erdogan auf einmal, und: "Ich möchte mich bei Ihnen bedanken."

Die deutschen Diplomaten atmeten auf. Dank ist ein seltenes Gut, wenn man es mit Erdogan zu tun hat. So schlimm schien es also nicht gewesen zu sein. In der Sache war zwar keine Bewegung zu erkennen: ob bei den festgefahrenen EU-Beitrittsverhandlungen, dem türkischen Ärger über die angeblich zu weiche Haltung der Deutschen gegenüber der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, der unversöhnlichen Haltung Ankaras gegenüber dem EU-Mitglied Zypern oder den schwierigen Gesprächen über Visa-Erleichterungen.

Aber immerhin war die Stimmung nach der ersten Gesprächsrunde gelockert. So sehr, dass der türkische Ministerpräsident eigens die Kolonne anhielt, damit zwei deutsche Journalistinnen ihren Bus nicht verpassten.

Gute Voraussetzungen für das gemeinsame Abendessen in Erdogans Residenz.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH