Merkels Besuch bei Erdogan: Der anstrengende Mann vom Bosporus

Aus Ankara berichtet Konstantin von Hammerstein

Der türkische Premier Erdogan ist ein schwieriger Gesprächspartner, kaum berechenbar, anstrengend. So mühte sich Kanzlerin Merkel beim Besuch in Ankara um gute Stimmung, unternahm gar einen seltenen touristischen Abstecher. Allein: Bei Streitpunkten wie dem EU-Beitritt bewegt sich wohl wenig.

Im Kanzleramt gilt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als schwieriger Zeitgenosse. Zwar nervt er nicht wie Argentiniens aufgekratzte Präsidentin Cristina Kirchner, die ihre Gesprächspartner gerne in Grund und Boden redet. Aber er ist anstrengend. So wie der Russe Wladimir Putin, bei dem die Deutschen vorher nie wissen, ob er ihnen nun als Charmeur oder Autokrat gegenübertreten wird.

Auch Erdogan ist schwer berechenbar. Mal ist er die personifizierte Freundlichkeit, der seine Gäste verbal umarmt und mit Wohlwollen überschüttet, mal tritt er als aggressiver Despot auf, der seine Gesprächspartner von oben herab abkanzelt. Man weiß vorher nur leider nie, für welche Variante er sich am Ende entscheiden wird.

Vor dem Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel an diesem Montag in Ankara war die deutsche Seite immerhin verhalten optimistisch. Ankaras "Null-Problem-Politik" gegenüber den Nachbarn wird inzwischen auch in der Türkei als "Null-Nachbarn-ohne-Probleme-Politik" verspottet. Ob nun mit den Israelis, den Syrern, den Irakern oder den Armeniern - es gibt kaum ein Land in seiner Nachbarschaft, mit dem sich Erdogan nicht überworfen hätte. Die Chancen standen also gut, dass er in dieser Situation kein Interesse haben würde, auch noch Angela Merkel zu verprellen.

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Merkel in der Türkei: Höhlenkirche, Mausoleum, Erdogan
Zumal die Kanzlerin alles daran gesetzt hatte, dem Gastgeber ihre Wertschätzung zu demonstrieren. Am Morgen besichtigte Merkel frühchristliche Kulturdenkmäler in der Region Kappadokien. Die uralten Höhlenkirchen, in denen sich Christen schon vor den Römern versteckten, gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Merkel besucht bei ihren Auslandsreisen so selten touristische oder kulturelle Ziele, dass ihr Trip in die zentralanatolischen Tuffstein-Berge sofort auffiel.

Doch als die beiden am Nachmittag im Amtssitz des türkischen Ministerpräsidenten vor die Presse traten, schien es zunächst so, als sei die deutsche Mühe umsonst gewesen. Ernste, angespannte Gesichter, kein Lächeln, nicht das kleinste Zeichen von Herzlichkeit. Aber dann: Die "Sensibilität", deutsche "Patriot"-Einheiten in die Türkei zu entsenden, sei "sehr wichtig", flötete Erdogan auf einmal, und: "Ich möchte mich bei Ihnen bedanken."

Die deutschen Diplomaten atmeten auf. Dank ist ein seltenes Gut, wenn man es mit Erdogan zu tun hat. So schlimm schien es also nicht gewesen zu sein. In der Sache war zwar keine Bewegung zu erkennen: ob bei den festgefahrenen EU-Beitrittsverhandlungen, dem türkischen Ärger über die angeblich zu weiche Haltung der Deutschen gegenüber der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, der unversöhnlichen Haltung Ankaras gegenüber dem EU-Mitglied Zypern oder den schwierigen Gesprächen über Visa-Erleichterungen.

Aber immerhin war die Stimmung nach der ersten Gesprächsrunde gelockert. So sehr, dass der türkische Ministerpräsident eigens die Kolonne anhielt, damit zwei deutsche Journalistinnen ihren Bus nicht verpassten.

Gute Voraussetzungen für das gemeinsame Abendessen in Erdogans Residenz.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Das höchste Leistungsbilanzdefizit
Baikal 25.02.2013
aller G-20 Staaten, eine kreditgetriebene Nachfrage, eine fast sichere Blasenbildung am Immobilienmarkt und so lange ist die letzte Beinah-Staatspleite ja nun auch noch nicht her: Aber Erdogan wird dem ökonomisch ahnungslosen Murksel schon was vom türkischen Pferd erzählen und Wählerstimmen versprechen.
2. Warum eigentlich?
Kalaschnikowa 25.02.2013
Zitat von sysopBei Streitpunkten wie dem EU-Beitritt bewegt sich wohl wenig
In mehreren Zeitungen konnte man lesen, dass die Mehrheit der Türken keinen Bock mehr auf die EU haben und sich lieber den arabischen Ländern + Russland + China zuwenden möchten. Sollte das stimmen, frage ich mich, warum sich Erdogan weiterhin um einen Beitritt der Türkei bemüht, wo es ihm doch klar sein muss, dass die Mehrheit der EU-Staaten über den eventuellen Türkei-Beitritt not amused sind...
3.
kannmanauchsosehen 25.02.2013
Zitat von Baikalaller G-20 Staaten, eine kreditgetriebene Nachfrage, eine fast sichere Blasenbildung am Immobilienmarkt und so lange ist die letzte Beinah-Staatspleite ja nun auch noch nicht her: Aber Erdogan wird dem ökonomisch ahnungslosen Murksel schon was vom türkischen Pferd erzählen und Wählerstimmen versprechen.
Na aber, die Wählerstimmen der Türken gehen doch überwiegend zur SPD und den Grünen (C. Roth). Was auch komisch ist, die europaskeptischen Briten sind für die Aufnahme der Türkei in die EU. Wenn es dem Handel dient, ist man eben bereit, Kompromisse zu schließen, da stört es auch nicht, dass Menschenrechte in der Türkei keine Bedeutung haben.
4. Also
C-A-M 25.02.2013
ich find den Artikel hier etwas zu sehr auf Erdogan fokussiert. Wieso wird hier nur in einem Absatz, und dann auch noch ohne wirklich darauf einzugehen, über die Themen berichtet die da besprochen wurden? Das Erdogans ein launischer Mensch ist, weiß wohl inzwischen jeder, aber das sagt immer noch relativ wenig über seine Politik aus bzw. wie es sich entwickelt. Es ist zumindest kein Grund die vielen Themen die da besprochen wurden einfach links liegen zu lassen und ein 'Erdogan-Bashing' zu starten. Ich glaube das es eine Menge Menschen interessiert, was da besprochen wurde...
5.
CompressorBoy 25.02.2013
Zitat von kannmanauchsosehenWas auch komisch ist, die europaskeptischen Briten sind für die Aufnahme der Türkei in die EU. Wenn es dem Handel dient, ist man eben bereit, Kompromisse zu schließen, da stört es auch nicht, dass Menschenrechte in der Türkei keine Bedeutung haben.
Bekannntermaßen sind die Briten in der EU auch das trojanische Pferd der USA. Diese wollen die Türkei unbedingt in die EU reinquetschen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie da nicht gut reinpassen würden.
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Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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