G20-Gipfel Merkel spricht mit Putin lange unter vier Augen

Das Treffen dauerte deutlich länger als erwartet: Fast vier Stunden sprach Kanzlerin Merkel im Hotel mit Wladimir Putin. Es ging um die Ukraine-Krise.

Kanzlerin Merkel: Geringe Erwartungen an Gespräch mit Putin
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Kanzlerin Merkel: Geringe Erwartungen an Gespräch mit Putin

Aus Brisbane berichtet


Das Hilton in der Elisabeth Street im Stadtzentrum von Brisbane ist ein hoher Hotelturm inklusive Parkhaus und Shoppingmall. Am Samstagabend gleicht der Komplex einer Festung. Ein Schutzwall aus Plexiglas umgibt die Einfahrt, daneben mehrere Metalltore, davor zwei Dutzend Polizisten. Die Straße ist zeitweise komplett gesperrt.

Um 21.40 Uhr fährt die Limousine von Russlands Präsident Wladimir Putin ins Hotel, vier Minuten später der weiße BMW der deutschen Kanzlerin, auch mit Polizei-Eskorte. Auf dem Rücksitz neben der Kanzlerin sitzt Christoph Heusgen, Merkels Außenpolitikberater. Die beiden besprechen die letzten Details für das Treffen mit dem Kreml-Herrscher.

Es steht viel auf dem Spiel.

Merkel und Putin kommen vom Abendessen der Staats- und Regierungschefs der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen (G20). Im ganz kleinen Kreis wollen sie über die Ukraine-Krise reden. Die Stimmung ist nicht gut, Merkel ist sauer auf Putin. Deutlich wie nie hatte sie wenige Stunden zuvor das Expansionsstreben der Russen von der Ukraine bis nach Georgien kritisiert.

Auch Putin ist nicht guter Stimmung. Er erwäge, früher abzureisen, lässt er seine Leute streuen. Er fühle sich wie ein Paria, die Kritik beim G20-Gipfel komme von allen Seiten. Australiens Regierungschef verlangt eine Entschuldigung wegen des Abschusses der Maschine MH17 über der Ukraine, bei dem auch Australier starben. US-Präsident Barack Obama bezeichnete Russland am Nachmittag gar als Gefahr für die Welt.

"Wollen Sie, dass die ukrainische Regierung dort alle vernichtet?"

Bereits vor dem Treffen mit Merkel hatte Putin ausgeteilt. "Das Wichtigste ist, dass man das Problem nicht einseitig betrachten darf", sagte er in einem Interview für die ARD-Sendung "Günther Jauch", das am Sonntag ausgestrahlt werden soll. Die ukrainische Regierung habe Truppen eingesetzt, es kämen Raketengeschosse zum Einsatz. Aber dies werde nicht erwähnt. "Das heißt, dass Sie wollen, dass die ukrainische Regierung dort alle vernichtet, sämtliche politischen Gegner und Widersacher. Wollen Sie das?", fragte Putin seine Interviewer. "Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu."

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G20-Gipfel: Das deutsch-russische Stimmungstief
Kurz zuvor hatte das russische Staatsfernsehen mit neuen Bildern zum Absturz des Flugs MH17 Verwirrung gestiftet. Seit Monaten weisen sich die Ukraine und prorussische Separatisten die Schuld für den Crash der Passagiermaschine mit fast 300 Menschen an Bord zu. Am Freitagabend nun zeigte der russische Sender Perwy Kanal angebliche Satellitenaufnahmen von einem Kampfjet des Typs MiG-29, der in der Nähe der Boeing 777 am 17. Juli geflogen sei und eine Rakete abgefeuert habe. Bei dem Flugzeug solle es sich um eine Maschine des ukrainischen Militärs handeln, lautete der Vorwurf. Doch Blogger wiesen im Internet auf zahlreiche Unstimmigkeiten bei dem angeblichen Beweisbild hin.

Am Abend nun also das Treffen mit Merkel. Die Kanzlerin, die Putin seit vielen Jahren kennt, soll's richten. Sie soll den Konflikt zwischen Russland und dem Westen ein wenig entschärfen. Eine kaum zu lösende Aufgabe. Schon vor dem Treffen mit Putin hatte sie die Erwartungen kleingehalten.

Bei all dem Missmut hätte es eigentlich nahe gelegen, wenn Merkel nach kurzer Zeit wieder abgefahren wäre. Doch sie blieb knapp vier Stunden, fast so lang wie vor einem Monat in Mailand, wo beide spät nachts fast fünf Stunden verhandelt hatten.

Zunächst redeten die Kanzlerin und Putin unter vier Augen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte russischen Agenturen zufolge, dass Putin der Kanzlerin noch einmal eingehend die Nuancen des russischen und europäischen Zugangs zum Ukraine-Konflikt erklärt habe. Nach ungefähr zwei Stunden kam nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hinzu. Putin und Juncker führten ihr Gespräch nach Merkels Abfahrt fort.

Über den genauen Inhalt des Gesprächs wurde zunächst nichts bekannt.

Mit Material von dpa

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katzenheld1 15.11.2014
1. Armes reiches Land
Dieser Mensch hat jegliches Maß verloren: „Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu." Als wenn die Ukraine wieder oder immer noch ein Vasallenstaat eines Neo-Großrussischen Reiches wäre. Tja, wir können doch auch nichts dagegen tun, dass die russische Regierung sämtliche ihr zu gefährlich erscheinenden politischen Gegner und Widersacher vernichtet. Jedenfalls wollen wir nicht mit mit Waffengewalt unser „Nichtwollen“ durchsetzen, Russland ist schließlich ein souveränes Land. Aber Russland sieht die Ukraine ja nur dann als souveränen Staat, wenn die Ukraine tut, was Russland will. Krieg will kein europäisches Land. Russland gehört ja nur zu einem Viertel zu Europa, und deshalb gehören wohl Krieg und Annexion wieder zu den Mitteln, die Russland für gerechtfertigt hält. Dieses Land ist reich an Bodenschätzen und reich an Menschen, die es lieben. Leider haben die sich einen Führer gewählt, der arm im Geiste ist.
KingTut 15.11.2014
2. Beratungsresistent
Es ist ja gut, dass man weiterhin im Gespräch bleibt, aber wie oft hat dieser Mann schon seine Zusagen gebrochen? Frau Merkel kann davon ein Lied singen. Putin ist für rationale Argumente nicht mehr empfänglich. Er handelt aus einem krankhaften Nationalbewusstsein heraus. Der Zusammenbruch der Sowjetunion war ein Trauma für ihn, das bis heute sein Handeln bestimmt. Ich bin überzeugt, dass Frau Merkel sich redlich bemüht hat, einen gemeinsamen Konsens mit Putin zu finden, aber ihre Argumente dürften an ihm abgeprallt sein. Ich wäre überrascht, wenn wir morgen etwas anderes erfahren würden.
smilingone 15.11.2014
3. Die
Deutsch-Russische Freundschaft war ein Wunschtraum der Bundesrepublik. Russland hat keine Freunde sondern nur nützliche Partner oder Gefolgsleute. Gesprächskanäle müssen geöffnet bleiben aber nicht um jeden Preis. Ich war kein Freund von Frau Merkel aber Respekt für ihr Verhalten in dieser Krise.
DirkSt 15.11.2014
4. Putins Argumente sind so zynisch ...
Er kritisiert den Einsatz der ukrainischen Armee? Was hat denn diesen ausgelöst? SEINE Truppen, ob verdeckt oder nicht. Möchte er der Ukraine jegliches Recht zur Selbstverteidigung gegen einen fremden Aggressor absprechen? Und dafür, dass die ukrainische Regierung "alle vernichtet", gab und gibt es ja - bei aller möglichen Kritik - nun wirklich keine validen Anhaltspunkte. Schon die Argumente für die Krim-Annexion waren aus der Luft gegriffen. Es ist wirklich traurig, dass jemand mit solch verzerrter Wahrnehmung ein Land mit einer so großen globalen Verantwortung (nicht: Bedeutung) führt. Hinter all den Atomwaffen dürfte nicht sehr viel belastbare Substanz sein, wenn es um wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität geht. Einzig positiv an dem Krieg ist, dass es - neben Abchasien, Südossetien & Co. - Russland weitere Unsummen kosten wird, sich das Wohlwollen der Annektierten zu sichern. Auf einen wirklichen Wandel darf man wohl erst hoffen, wenn die "Generation UdSSR" endgültig ausgestorben ist. Das dürfte im Falle Putins auf biologische Art noch ~20 Jahre dauern.
Salmonelli 15.11.2014
5. Drei Augen
Von einem Vieraugengespräch zwischen Putin und Mutti kann ja wohl keine Rede sein. Nicht erst seit dem Skandal um die Rechtsterroristen weiß doch jeder, dass die Strafverfolgung und die Politiker in Deutschland auf dem rechten Auge blind sind. Es handelt sich also allenfalls um ein Dreiaugengespräch.
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