Merkels Kurzbesuch in Griechenland Nette Gesten in Villa Maximos

Tausende Polizisten waren im Einsatz, Demonstranten warfen Brandsätze - und hinter verschlossenen Türen tauschten Bundeskanzlerin Merkel und Premier Samaras Freundlichkeiten aus. Die Visite der Deutschen in Athen war als Zeichen der Verbundenheit gedacht, mehr als Symbolpolitik brachte das Treffen nicht.

Merkel und Samaras: "Europa ist unser gemeinsames Haus"
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Merkel und Samaras: "Europa ist unser gemeinsames Haus"

Von , Athen


Sie hat dann doch etwas mitgebracht, einen in Zellophan gehüllten Geschenkkorb, mit einer dicken goldenen Schleife. Angela Merkel, Bundeskanzlerin und in Griechenland die wohl mit Abstand meistgehasste Politikerin, steht vor einem Sofa im Büro des griechischen Premiers und überreicht ihn Antonis Samaras höchstpersönlich. Beide lächeln, strahlen, fassen sich an den Ellbogen. Ein Kärtchen steckt auch dabei, das wird jetzt gemeinsam gelesen. Lächelnd, natürlich.

Merkel in Athen: Ein Besuch bei Freunden, bei Partnern, wie sie später sagen wird, wenn sie aus Samaras' Büro kommt, wo die beiden sich zwei Stunden lang unterhalten haben. Weil es wichtig ist "zusammen zu sprechen", "intensiv in Kontakt" zu stehen, unter Partnern, unter Freunden.

Draußen brummen Helikopter unter wolkenverhangenem Himmel, und nach zuerst weitgehend friedlichem Protest auf dem Syntagma-Platz bedienen doch noch Randalierer die Erwartungen. Sie liefern die Bilder, die alle schon zur Genüge kennen: Tränengasschwaden, Blendgranaten, Menschen, die auseinanderrennen. Und überall Polizei.

Man werde die Kanzlerin gebührend empfangen, hatte Gastgeber Samaras versprochen, als klar war, dass Angela Merkel tatsächlich tun würde, was sie fünf Jahre lang nicht getan hat: nach Athen zu fliegen.

"Raus aus meinem Land, Schlampe"

Man werde die Kanzlerin gebührend empfangen, hatte der linke Oppositionschef Alexis Tsipras gedroht. Und dabei wahrscheinlich genau das gemeint: brennende Hakenkreuzflaggen, "Hau ab Merkel"-Transparente, Steine werfende Vermummte. Schon am Dienstagabend stand ein alter Mann mit Schnauzer und freundlichem Gesicht vor dem Parlament und zeigte, wie hässlich Beziehungen sein können, auch unter Partnern, unter Freunden: "Raus aus meinem Land, Schlampe", stand auf seinem Transparent.

Dass die griechische Gastfreundschaft hier an ihre Grenzen stoßen könnte, mag Samaras geahnt haben: Die Sicherheitsvorkehrungen für den Kanzlerinnen-Besuch übertrafen alles, was es bisher gegeben hatte, auch den Besuch von US-Präsident Bill Clinton 1999. Schon die Zufahrtsstraße vom Flughafen säumten Polizisten, die Hauptachsen der Stadt: abgesperrt. Athen mal ganz anders: autofrei, verkehrsberuhigt.

In der Villa Maximos antwortet die Kanzlerin, Samaras an ihrer Seite, mit fester Stimme auf die große Frage: Warum dieser Besuch? "Für mich ist es sehr wichtig, ein Land so gut kennenzulernen." Ob dafür ein halber Tag im Hochsicherheitskokon reicht, steht zu bezweifeln. Für die Geste aber, auf die es ihr und Samaras ankommt, scheint es zu reichen. "Die internationale Isolation ist durchbrochen", verkündet der griechische Premier stolz und lässt im Gegenzug keinen Zweifel daran, wem das zu verdanken ist. Das Bild Griechenlands in der Welt sei nun ein viel besseres als noch vor einigen Monaten. Sein Beweis: der Besuch der Kanzlerin.

Bei so viel partnerschaftlicher Freundlichkeit tut auch die aktuelle Lage nicht viel zur Sache. Das noch immer nicht beschlossene Maßnahmenpaket zum Beispiel, oder die nach wie vor sehr zaghafte Umsetzung der seit Jahren geforderten Strukturreformen. Oder auch der Hass auf der Straße. Der wird einfach weggeredet. In der Villa Maximos, obwohl 200 Meter Luftlinie zum Syntagma-Platz, ist es ja schön ruhig. "Europa ist unser gemeinsames Haus", sagt Samaras. "Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt", sagt die Kanzlerin. Und: "Wir haben erkannt, dass wir ganz eng zusammenhängen." Immerhin 40 Prozent der deutschen Exporte gingen in die Euro-Zone. Nur Böswillige könnten das als Grund für ihren Wunsch anführen, sogar als Grund ihres doch recht plötzlichen Besuchs: die kalte Angst vor der immer weiteren Zerrüttung des gemeinsamen Marktes.

Merkels helle Farben

Aber nein, Ziel ihres Besuchs, Merkel wiederholt sich jetzt, sei natürlich, sich "ein vertieftes Bild von der Situation in Griechenland" zu machen. Die zeichnet die Kanzlerin in recht hellen Farben: Wichtige Erfolge seien erreicht worden, wie die Stabilisierung des Außenhandeldefizits etwa, oder die Senkung der Lohnstückkosten. Alles andere, wie zum Beispiel die dringend nötigen Strukturreformen, braucht eben noch Zeit, denn da gehe es ja "um große Sachen". Dass es um diese große Sachen schon seit geraumer Zeit, nämlich seit mindestens zweieinhalb Jahren geht, damit mag sie sich ihren Besuch bei Freunden nicht verderben. Schließlich ist sie ja nicht als "Lehrerin oder Notengeberin" nach Athen gereist. Nur so viel: Es sei vieles geschafft - und noch etliches zu tun.

Zu tun gibt es in der Tat noch, die Unterredung mit Samaras ist nicht der einzige Programmpunkt - und deshalb bummeln Premier und Kanzlerin später einträchtig nach nebenan in den Präsidentenpalast, wo Staatspräsident Karolos Papoulias wartet, mit dem Merkel auf deutsch parlieren kann.

Kurz darauf geht es mit Eskorte und Blaulicht ins vier Minuten entfernte Hilton Hotel, auf dem Weg wachen Scharfschützen über die Sicherheit der "Freundin unseres Landes", wie Samaras Merkel immer wieder nennt. Die blauen Kastenbusse der Spezialkräfte säumen die Straße.

Im Hilton, jetzt mit Sicherheitsschleuse in der Lobby, treffen sich Merkel und der Premier mit deutschen und griechischen Unternehmern, denn es soll nach den Worten der Kanzlerin ein "neues Kapitel" in der bilateralen Zusammenarbeit aufgeschlagen werden. Wachstumsimpulse lautet das Stichwort, mal wieder. Für Projekte - und so vage bleibt das auch - hat die Europäische Investitionsbank ihren Etat um zehn Milliarden aufgestockt, auch die deutsche KfW soll bei der Finanzierung helfen. Damit sollen endlich bisher auf Eis liegende Vorhaben umgesetzt werden - zum Beispiel die von deutschen Fachleuten ausgearbeitete Kommunalreform. Und die Griechen sollen jetzt endlich die dafür zur Verfügung stehenden Mittel in Brüssel abrufen können.

Eigentlich ein uraltes Kapitel, aber wen kümmert das heute, hier in Athen, unter Freunden?

insgesamt 58 Beiträge
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prologo1, 09.10.2012
1. Diese Heuchelei ist doch unerträglich, wenn man 7.000 Polizisten und.....
.....und eine ganze Hauptstadt Griechenlands absperren muss, um einen EU Freund zu empfangen, nur um ihn vor dem eigenen Volk zu schützen, dann wird mir schlecht. Darüber sollten wir doch mal alle nachdenken!!! Ich frage mich wirklich, wo wir leben? Wenn ein befreundeter Staatsgast kommt, dann wird doch zugejubelt, und Hosiana gesungen. Wie bei Kennedy oder Obama. Offensichtlich stimmt da was nicht mehr, mit der EURO Rettung, oder....?
stoiker1.9 09.10.2012
2. Pippi
singt: Ich mal mir die Welt, wie sie mir gefällt!
tarantel2 09.10.2012
3. Liebe Griechen
Als langjähriger Hellas-Fahrer muß ich euch sagen das war zu viel. Merkel mit Hitler zu vergleichen ist nicht mal mit Dummheit zu entschuldigen. Trinkt euren Uso alleine, ich komme nicht mehr. Die Türkei ist ja auch ganz schön.... Kali Spera
titopoli 09.10.2012
4.
Zitat von sysopGetty ImagesTausende Polizisten waren im Einsatz, Demonstranten warfen Brandsätze - und hinter verschlossenen Türen tauschten Bundeskanzlerin Merkel und Premier Samaras in Athen Freundlichkeiten aus. Die Visite war als Zeichen der Verbundenheit gedacht - mehr als Symbolpolitik brachte das Treffen nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-und-samaras-betonen-deutsch-griechische-freundschaft-a-860413.html
Peinlich - hinter dicken Mauern tauscht man Artigkeiten aus - vor den Mauern wird das Volk geprügelt. Erinnert an Ludwig XVI und Marie Antoinette.
Erythronium 09.10.2012
5. teurer Besuch
Zitat von sysopGetty ImagesTausende Polizisten waren im Einsatz, Demonstranten warfen Brandsätze - und hinter verschlossenen Türen tauschten Bundeskanzlerin Merkel und Premier Samaras in Athen Freundlichkeiten aus. Die Visite war als Zeichen der Verbundenheit gedacht - mehr als Symbolpolitik brachte das Treffen nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-und-samaras-betonen-deutsch-griechische-freundschaft-a-860413.html
Was mag der "Hochsicherheitskokon" den sowieso bankrotten griechischen Staat wohl gekostet haben? Ganz bestimmt deutlich mehr, als der mit viel Presseempörung bekanntgewordene Flug eines Bischofs nach Indien in der ersten Klasse dessen Kirche gekostet hat.
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