Merkels Kopenhagen-Mission Klimakanzlerin bangt um ihren Ruf

"Wir leben auf einem Planeten": Mit einigem Pathos hat Angela Merkel auf dem Klimagipfel in Kopenhagen an die Vernunft der Weltgemeinschaft appelliert. Die Kanzlerin will mit aller Kraft doch noch einen Erfolg durchkämpfen. Viel steht bei der Tagung auf dem Spiel - auch für sie selbst. Es geht um ihren Ruf.

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Berlin - Die Kanzlerin ist dieser Tage nervös. Angela Merkel hat das neulich wörtlich so gesagt, was bemerkenswert ist, weil Politiker ihre Anspannung gemeinhin eher verbergen als umschreiben.

Wie nervös Merkel ist, kann man an diesem Donnerstag im Bundestag beobachten.

Sie wippt auf der Regierungsbank. Sie schüttelt heftig den Kopf. Vor allem aber: Sie tippt unentwegt in ihr Handy. Beidhändig, mit allen Fingern, die ihr zur Verfügung stehen. Nur sporadisch blickt sie auf, um Interesse für die Redner zu suggerieren.

Es sieht aus, als müsse sie unbedingt irgendwo etwas in Ordnung bringen.

Muss sie auch. In Kopenhagen nämlich, der dortige Klimagipfel droht aus den Fugen zu geraten. Während Merkels Regierungserklärung im Bundestag trudeln die ersten Eilmeldungen ein, die Dänen würden das Ziel eines globalen Nachfolgeabkommens für "Kyoto" aufgeben.

Vielleicht ist das alles ein großer Bluff. Wenn die Erwartungen auf dem Nullpunkt sind, ist es nachher umso einfacher, sich als großer Weltenretter feiern zu lassen. Aber momentan spricht zu viel dafür, dass die Lage beim Klimagipfel tatsächlich völlig verfahren ist. Die ehrgeizigen Schwellenländer sind sauer auf die egoistischen Industriestaaten, die wiederum streiten sich miteinander und die Entwicklungsländer fühlen sich sowieso nicht ausreichend gewürdigt. Die Elefantenrunde der Staats- und Regierungschefs ist jetzt wohl die letzte Hoffnung.

"Wir müssen verstehen, dass wir auf einem Planeten leben"

Merkel macht am Nachmittag im Tagungszentrum in Kopenhagen den Anfang. Sie spricht nur ein paar Minuten, aber der Pathos in ihrer Stimme verrät, dass das nicht irgendeine Rede ist für sie. Sie appelliert an die Vernunft der Weltgemeinschaft. "Wir haben eine gemeinsame Verantwortung", ruft sie den Gästen der Konferenz entgegen. "Wir müssen verstehen, dass wir auf einem Planeten leben."

In den nächsten 24 Stunden müsse man zu einer politischen Vereinbarung kommen, mit der man gesichtswahrend "vor die Weltöffentlichkeit" treten könne. Der Anstieg der Temperatur müsse dringend auf höchstens zwei Grad begrenzt, die CO2-Emissionen weltweit bis 2050 um die Hälfte unter den Wert von 1990 gebracht werden. Besonders die Industrieländer nimmt die Kanzlerin in die Pflicht. Diese müssten sich auf eine ehrgeizige Senkung ihrer Klimagasausstöße festlegen - 25 Prozent bis zum Jahr 2020. "Wenn jeder ein bisschen mehr beiträgt, können wir es schaffen", so Merkel. "Lassen Sie uns alle in diesem Geist die nächsten 24 Stunden verbringen."

Es geht auch um Merkels Ruf

Merkel dürfte alles was sie hat in die Waagschale werfen. Sie sagte selbst, sie reise zur Weltklimakonferenz, um mit ihrem Gewicht einen Erfolg herbeizuführen. Nun ja, es steht auch einiges auf dem Spiel. Nicht nur, was die Umwelt angeht.

Es geht auch um ihren eigenen Ruf.

Eigentlich ist es ganz einfach. Einigt sich die internationale Gemeinschaft in der dänischen Hauptstadt doch noch auf einigermaßen ambitionierte Klimaziele, fällt der Glanz auch ein bisschen auf sie ab. Scheitert der Gipfel, könnte sie fortan als durchsetzungsschwach gelten. Zumindest auf internationaler Bühne. Aber auch daheim würde ein Misserfolg wohl ausstrahlen auf all die anderen Probleme, die ihre Regierung momentan paralysieren. Sie wäre am Tiefpunkt ihrer Macht angekommen. Das Bild einer saft- und kraftlosen Kanzlerin ohne Visionen, es würde sich wohl festsetzen. Und natürlich wäre sie auch ihren Titel als "Klima-Kanzlerin" los.

Bisher lief es gut für sie auf diesem Feld. In wenigen anderen Bereichen hat sie größeres Engagement gezeigt. Unter Helmut Kohl war sie Umweltministerin. Als Kanzlerin reiste sie auf Grönlands Gletscher, um vor den Folgen einer Erderwärmung zu warnen. In der Europäischen Union drängte sie auf ehrgeizige Emissionsreduktionen von 30 Prozent bis zum Jahr 2020.

In Erinnerung ist aber vor allem, wie sie den amerikanischen Präsidenten George W. Bush vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007 derart penetrant bearbeitete, bis er sich bewegte. Bush akzeptierte damals immerhin die Formulierung, dass die G8 "ernsthaft erwägt", den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 um die Hälfte zu reduzieren.

In Kopenhagen wird sie daran gemessen.

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yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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