Merkels Liebe zu Polen: "Es gibt keine Eier"

Von Christina Hebel

Angela Merkel: Die Kanzlerin und die Polen
Fotos
AFP

Es ist eine Liebe, die vielen bisher verborgen war: Angela Merkel und die Polen. Im Nachbarland freuen sich die Menschen über die polnischen Wurzeln der Kanzlerin, Verwandte werden gesucht, Melderegister durchstöbert. Zeitungen berichten über eine Radtour durch Masuren und einen denkwürdigen Satz.

Warschau/Berlin - Er nennt sie "liebe Angela", sie ihn "lieber Donald" - die Kanzlerin und der polnische Premier verstehen sich gut. Donald Tusk sagte einmal in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE über seine deutsche Kollegin: "Ich bin unfähig, sauer auf Angela Merkel zu sein", da ging es mal wieder hoch her in der EU. Jetzt gibt der Regierungschef ihr sogar Polnisch-Nachhilfe: "A. Merkel fragte, wie man Kazmierczak richtig ausspricht", twitterte Tusk beim EU-Gipfel in Brüssel. "Beim zweiten Mal klappte es :)"

Kazmierczak - das ist der ursprüngliche Name von Merkels Großvater und Vater. Ein Geheimnis aus der Familiengeschichte der Regierungschefin, das Stefan Kornelius in seiner neuen Biografie "Angela Merkel - die Kanzlerin und ihre Welt" gelüftet hat. Merkels Vater hieß demnach als Kind nicht Kasner, er wurde 1926 als Horst Kazmierczak geboren. Im Alter von vier Jahren ließen seine Eltern den Namen in Kasner eindeutschen - ein nicht unüblicher Schritt zu dieser Zeit. Ansonsten wäre Merkel wohl als Angela Kazmierczak zur Welt gekommen.

Eine Sensation, so bewertet manch ein Medium im Nachbarland die Nachricht über Merkels polnische Wurzeln. "Endlich wissen wir, warum Angela Merkel so herzlich über Polen spricht", schreibt die linksliberale "Gazeta Wyborcza". Die Lokalausgabe des Blatts wählt die Überschrift: "Angela Merkel Enkelin Poznans - wirklich!" - und sucht gleich noch nach möglichen Verwandten der Kanzlerin. Merkels Großvater, Ludwig Kazmierczak, stammt aus Poznan (Posen). Dort wurde er 1896 als nichteheliches Kind von Anna Kazmierczak und Ludwig Wojciechowski geboren. Er wuchs unter der Obhut seiner Mutter und ihres späteren Ehemanns Ludwig Rychlicki auf.

Radtour durch Masuren

Der TV-Sender TVN 24 lässt sich im Staatsarchiv von Poznan die gelbverfärbten alten Melderegister zeigen, die belegen, dass Merkels polnischer Großvater in der Stadt geboren ist. Poznan, das in der Geschichte mal polnisch, mal deutsch war, gehörte damals zu Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags Teil Polens. Merkels Großvater zog nach Berlin. Warum, ist bisher nicht bekannt.

Die konservative "Rzeczpospolita" erklärt Merkels besonderes Verhältnis zum Nachbarland nicht nur mit ihren Wurzeln, sie erinnert auch an deren Erlebnisse in den siebziger Jahren. Damals reiste die junge DDR-Bürgerin erstmals nach Polen. Die Physikstudentin machte eine Fahrradtour durch Masuren. Auf die Frage, woran sie sich von den Ausflügen in Polen noch erinnere, habe die Kanzlerin ohne nachzudenken und völlig ohne Akzent geantwortet: "Nie ma jajek!" - "Es gibt keine Eier", schreibt der Redakteur Piotr Jendroszczyk. Merkel habe diesen Satz auf einem Schild in einem Lebensmittelgeschäft in der Nähe der Stadt Mragowo (Sensburg) gelesen. Eier waren damals rar.

Es sind noch andere Erinnerungen der Kanzlerin überliefert: Die Solidarnosc-Anstecker, die Merkel damals auf ihrer Reise geschenkt bekam, soll ihr der Zoll auf der Rückreise in die DDR wieder abgenommen haben. Andere berichten von einer Postkarte des Danziger Denkmals des Arbeiteraufstands von 1970, wegen der Merkel von den deutschen Grenzern bei ihrer Rückkehr in die DDR angeschnauzt wurde.

Gemeinsame Lieder am Lagerfeuer

Im Wendejahr 1989 reiste Merkel, damals Mitte dreißig, kurze Bubenfrisur, mit ihrem heutigen Mann, dem Chemiker Joachim Sauer, im Sommer nach Polen. Ihre polnischen Bekannten erinnern sich an Lagerfeuer und daran, dass man gemeinsam Lieder der russischen Protestbarden Bulat Okudschawa und Wladimir Wyssozki gesungen habe. Diese waren in Polen sehr beliebt, da sie sich gegen das Sowjetregime richteten.

Diese guten Erinnerungen hat Merkel wohl auch polnischen Politikern erzählt - und so schaffte sie es, selbst einen Draht zu Polens störrischem Präsidenten Lech Kaczynski, der 2010 tödlich beim Flugzeugabsturz in Smolensk verunglückte, aufzubauen. Die "freundliche Dame aus Berlin" überzeugte den Staatschef 2007, seine Blockade gegen den Vertrag von Lissabon ("Quadratwurzel oder Tod") schließlich aufzugeben.

Lechs Zwillingsbruder Jaroslaw ist weniger zimperlich. Im Wahlkampf 2011 bediente er sich wieder einmal antideutscher Ressentiments. In einem Buch warf er der Bundeskanzlerin wie allen deutschen Politikern ihrer Generation vor, heimlich - und mit Russland - an der Wiedererrichtung deutscher "Großmacht" zu arbeiten, wobei Polen "störe".

Eine Ausnahme in den glücklicherweise mittlerweile unaufgeregten deutsch-polnischen Beziehungen. Das liegt sicher auch an dem Duo Merkel/Tusk. Gerade eröffneten die beiden die Computermesse Cebit in Hannover. Die enge Zusammenarbeit der beiden, die viele Beobachter Freundschaft nennen, geht noch auf die Oppositionsjahre der Politiker zurück. Sie besuchten damals das Denkmal des Warschauer Aufstands. Tusk, der aus Gdansk (Danzig) stammt und Deutsch spricht, sagt, er habe bemerkt, wie "authentisch" die Kanzlerin an diesem Ort deutscher Verbrechen "berührt" gewesen sei.

In Polen kommt das an. Ende 2012 wurde die Kanzlerin zur beliebtesten ausländischen Politikerin gekürt - zum dritten Mal in Folge. Sie schlug sogar US-Präsident Barack Obama.

Mitarbeit: Marta Solarz

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 60 Beiträge
brux 15.03.2013
Das dürfte François Hollande noch einiges Kopfzerbrechen bereiten.
Das dürfte François Hollande noch einiges Kopfzerbrechen bereiten.
Kalaschnikowa 15.03.2013
Was soll man da groß diskutieren??? Millionen Deutsche haben ihre Wurzeln im ehemaligen Ostblock - ob aus Polen, Rumänien, Ungarn oder Russland! Wichtiger für mich ist, dass sie im Herbst die Wahlen gewinnt und mich persönlich [...]
Zitat von sysopEs ist eine Liebe, die vielen bisher verborgen war: Angela Merkel und die Polen. Im Nachbarland freuen sich die Menschen über die polnischen Wurzeln der Kanzlerin, Verwandte werden gesucht, Melderegister durchstöbert. Zeitungen berichten über eine Radtour durch Masuren und einen denkwürdigen Satz
Was soll man da groß diskutieren??? Millionen Deutsche haben ihre Wurzeln im ehemaligen Ostblock - ob aus Polen, Rumänien, Ungarn oder Russland! Wichtiger für mich ist, dass sie im Herbst die Wahlen gewinnt und mich persönlich vor einem kanzler Steinbrück bewahrt!
Ambrosicus 15.03.2013
Wollen wir mit den Polen nicht tauschen? Sie kriegen Merkel und wir nehmen Tusk?
Wollen wir mit den Polen nicht tauschen? Sie kriegen Merkel und wir nehmen Tusk?
theodorheuss 15.03.2013
haben wir in der Tat einen liebenswerten Nachbarn mit freundlichen, offenen und ehrlichen Menschen als EU Partner bekommen. Aus eigenen, fast ausschließlich positiven Erlebnissen, in und mit den Polen, besonders mit der [...]
Zitat von sysopEs ist eine Liebe, die vielen bisher verborgen war: Angela Merkel und die Polen. Im Nachbarland freuen sich die Menschen über die polnischen Wurzeln der Kanzlerin, Verwandte werden gesucht, Melderegister durchstöbert. Zeitungen berichten über eine Radtour durch Masuren und einen denkwürdigen Satz. Merkels Liebe zum Nachbarland Polen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkels-liebe-zum-nachbarland-polen-a-889013.html)
haben wir in der Tat einen liebenswerten Nachbarn mit freundlichen, offenen und ehrlichen Menschen als EU Partner bekommen. Aus eigenen, fast ausschließlich positiven Erlebnissen, in und mit den Polen, besonders mit der jungen Generation, kann ich die Kanzlerin in diesem Punkt voll und ganz verstehen. Die Menschen dort haben noch Werte und Familienbande die uns Deutschen längst abhanden gekommen sind. Auch ist von Deutschenfeindlichkeit absolut nichts zu spüren. Wäre das Wetter nur nicht so bescheiden!
Thomas Kossatz 15.03.2013
... wenn die deutsch-polnischen Beziehungen unaufgeregt sind, ein großer Fortschritt. Doch ganz normal werden sie wohl erst sein, wenn man Danzig nicht jedesmal Gdansk ujnd Posen nicht jedesmal Poznan nennen muss, obwohl der [...]
... wenn die deutsch-polnischen Beziehungen unaufgeregt sind, ein großer Fortschritt. Doch ganz normal werden sie wohl erst sein, wenn man Danzig nicht jedesmal Gdansk ujnd Posen nicht jedesmal Poznan nennen muss, obwohl der deutschen Zunge diese Konsonantenfolge ziemlöich schwer fällt. Ich gönne es den Italienern, mich Teutonen zu nennen (tedeschi), den Franzosen Alemannen und die Briten Germanen - und ich hoffe sehr, dass irgendwann die Polen den Namen Danzig von einem Deutschen akzeptieren, ohne dass damit ein Gebietsanspruch verbunden ist. Danzig gehört Polen, aber meine Sprache gehört mir. Ganz unaufgeregt.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Angela Merkel

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Freitag, 15.03.2013 – 15:29 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 60 Kommentare

Fläche: 312.679 km²

Bevölkerung: 38,501 Mio.

Hauptstadt: Warschau

Staatsoberhaupt:
Bronislaw Komorowski

Regierungschef: Donald Tusk

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Polen-Reiseseite


Buchtipp





TOP