Inhaftierte Deutsche in der Türkei Erdogans Geisel

Zum ersten Mal können deutsche Diplomaten die in der Türkei inhaftierte Mesale Tolu besuchen. Wie geht es der Bundesbürgerin, wie ihrem zweijährigen Sohn, der bei ihr ist?

Kampagne für die Freilassung von Mesale Tolu: "Wir werden siegen!"
DPA

Kampagne für die Freilassung von Mesale Tolu: "Wir werden siegen!"

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Sie kamen im Morgengrauen und sie kamen mit Gewalt. Türkische Anti-Terror-Polizisten brachen am 30. April gegen vier Uhr die Istanbuler Wohnung auf, in der die deutsche Journalistin Mesale Tolu mit ihrem zweijährigen Sohn schlief. Sie warfen die Frau zu Boden und richteten Maschinengewehre auf sie. So erzählt es Hüseyin Tolu, Mesales Bruder.

Die Beamten schrien Tolus kleinen Sohn an: Wenn du nicht ruhig bist, kommst du in den Knast, genau wie deine Mutter. Tolu wurde festgenommen und auf die Polizeistation gebracht. Der Junge blieb zunächst bei Nachbarn zurück.

Tolu, 33 Jahre alt, ist eine von mehr als 150 Journalisten, die in der Türkei seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhaftet wurden. Sie sitzt in einem Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy.

Der Fall ähnelt jenem des "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel, der sich seit Februar in der Türkei in Untersuchungshaft befindet - mit einem Unterschied: Tolu besitzt ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie hat ihren türkischen Pass 2007 abgegeben.

Die Bundesregierung hat ihre Ohnmacht im Fall Yücel stets mit dessen doppelter Staatsangehörigkeit begründet. Die Festnahme Tolus offenbart: Es ist vollkommen egal, ob es sich bei den Betroffenen um Türken oder Deutsche handelt. Präsident Recep Tayyip Erdogan macht, was er will. Und Berlin schaut weitgehend zu.

Laut internationalem Recht wäre die Türkei dazu verpflichtet gewesen, die Bundesregierung über die Inhaftierung Tolus zumindest zu informieren. Sie hat noch nicht einmal das getan. Nun, einen Monat später, sollen deutsche Diplomaten die Journalistin erstmals besuchen dürfen. Die Bundesregierung feiert dies als Erfolg. In Wahrheit erfüllt die Türkei damit lediglich völkerrechtliche Mindeststandards.

Türkischer Präsident Erdogan (Mitte)
AFP

Türkischer Präsident Erdogan (Mitte)

Mesale Tolu ist in Deutschland geboren und wuchs mit ihren zwei Geschwistern und ihrem Vater, einem Automechaniker, in Ulm auf. Die Mutter ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. Tolu studierte nach dem Abitur in Frankfurt am Main Ethik und Spanisch auf Lehramt. Seit 2014 pendelt sie zwischen Deutschland und der Türkei.

Tolu hat in Istanbul als Journalistin und Übersetzerin für die linke Nachrichtenagentur Etkin Haber Ajans und den Radiosender Özgür Radyo gearbeitet, der nach dem Putschversuch geschlossen wurde. Sie hat vor allem in ihren Tweets regelmäßig die türkische Regierung kritisiert.

Geisel des türkischen Regimes

Die Behörden haben bisher keine eindeutige Erklärung dafür abgegeben, warum die Deutsche verhaftet wurde: Mal heißt es, sie habe Propaganda für eine linksextreme Terrororganisation betrieben. Dann wiederum ist von Spionage für den deutschen Geheimdienst die Rede. Es sind die üblichen Unterstellungen, mit denen die türkische Regierung Kritiker verfolgt. Tolus Anwälte haben bis heute keinen Einblick in die Akten erhalten.

Vieles deutet darauf hin, dass Erdogan Tolu als Druckmittel einsetzt, um die Bundesregierung dazu zu zwingen, vermeintliche PKK-Unterstützer und Anhänger des Islamisten-Predigers Fethullah Gülen, dem mutmaßlichen Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli, an die Türkei zu überstellen. "Wenn ihr uns nicht helft, diese Leute auszuliefern, dann müsst ihr wissen, dass ihr in Zukunft jene Leute nicht mehr bekommen werdet, die ihr von uns haben wollt", sagte der türkische Präsident am Dienstag.

Mesale Tolu ist, wie auch Deniz Yücel oder der französische Fotoreporter Mathias Depardon, der seit drei Wochen im Südosten der Türkei im Gefängnis sitzt, eine Geisel des türkischen Regimes. "Ich denke nicht, dass ich zufällig festgenommen wurde", erklärte sie in einem Statement. "Wir wissen alle, dass in diesem Land Hunderte von Journalisten ermordet wurden, Gewalt auf der Straße erfahren haben oder abgeschoben wurden, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt."

Einmal in der Woche, immer am Montag, darf ihr Vater Mesale Tolu im Gefängnis besuchen und eine Stunde mit ihr reden - das erlaubten die türkischen Behörden rund zwei Wochen nach der Festnahme. Der Rest der Familie hat keinen direkten Kontakt zu Mesale Tolu, erfährt nur über den Vater, wie es ihr geht.

"Wir werden siegen!"

Tolus Ehemann, der Journalist Suat Cor, sitzt seit April ebenfalls im Gefängnis. Ihr Sohn sei durch den Vorfall traumatisiert, erzählt Onkel Hüseyin Tolu. Er, Tolus Schwester und ihr Vater sind Ende April nach Istanbul gereist, um sich um den Jungen zu kümmern. "Das Kind war extrem verstört, hat geweint und nach seiner Mutter gefragt." Inzwischen hat Tolu ihren Sohn zu sich holen dürfen.

Hüseyin Tolu ist von der Bundesregierung enttäuscht. Er glaubt, dass sich diese nicht mit aller Kraft für die Freilassung seiner Schwester einsetze. "Es hat vier Wochen gedauert, bis ein Besuch durch deutsche Diplomaten möglich wurde, obwohl meine Schwester ja ausschließlich den deutschen Pass hat", sagt er.

Mesale Tolu ist trotz all der Repressionen zuversichtlich. "Auch ich, als Teil der freien Presse, habe trotz Bedingungen von Unterdrückung die Wahrheit vertreten und werde diese auch weiterhin vertreten", verkündet sie in ihrem Statement. "Und ich wiederhole ein weiteres Mal: Euch wird nicht gelingen, uns zu besiegen! Wir werden siegen!"

insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
Nandiux 02.06.2017
1.
Ein perfides Spiel von Erdogan und Fern jeglicher Rechtstaatlichkeit. Es ist wirklich erschütternd was dort gerade passiert.
pauleschnueter 02.06.2017
2. Was der Artikel gut vermeidet
direkt anzusprechen: Hat sie denn nun auch die doppelte Staatsangehörigkeit, ja oder nein? Denn wenn dem so ist, dann kann man auch hier nur betroffen zusehen.
sincere 02.06.2017
3. Meine Güte,
wieso soll denn das Kind im Gefängnis bleiben? Nur um der Mutter Gesellschaft zu leisten? Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, wie es dem Kind wohl damit geht? Ob das alles korrekt mit Frau Tolu abgelaufen ist, darüber lässt sich streiten aber das Kind zur Mutter ins Gefängnis zu stecken, nur um bei der Mutter zu sein finde ich inakzeptabel.
GoaSkin 02.06.2017
4.
Ausgerechnet die Gängel-Plattform "Facebook" zu nutzen, um Freiheit zu fordern... Gehts noch?
Outdated 02.06.2017
5. Warum Deutschtürkin?
Wenn sie nur einen Deutschen Pass hat ist sie Deutsche. Allerhöchstens Deutsche Türkischer Abstammung.
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