Mesale Tolu Inhaftierte Deutsche in der Türkei - das ist über den Fall bekannt

Vor knapp zwei Wochen wurde die Deutsche Mesale Tolu in der Türkei verhaftet. Wie lief die Festnahme ab? Was unterscheidet ihren Fall vom "Welt"-Journalisten Deniz Yücel? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Auswärtiges Amt in Berlin
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Auswärtiges Amt in Berlin


Seit dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer hat die Regierung Zehntausende Menschen festnehmen lassen, darunter rund 150 Journalisten und mehrere Deutsche. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat die türkische Polizei Ende April eine weitere Deutsche verhaftet: die Übersetzerin Mesale Tolu. Das ist bisher über ihren Fall bekannt.

Wer ist Mesale Tolu?

Die 33 Jahre alte Übersetzerin arbeitete seit 2014 für verschiedene Medien in Istanbul. Darunter waren die linksgerichtete Nachrichtenagentur Etha und der Sender Özgür Radyo, der nach dem Putschversuch geschlossen wurde. Sie lebte mit ihrem Mann und ihrem zwei Jahre alten Sohn in der Stadt.

Tolu wurde in Ulm geboren und hat in Frankfurt studiert, wie "taz" und ARD übereinstimmend berichten. 2007 nahm sie die deutsche Staatsbürgerschaft an und gab nach Angaben ihrer Familie ihren türkischen Pass zurück.

Was wird ihr vorgeworfen?

Das ist nicht klar. Laut "taz" ist ihre Akte mit einem "Geheimhaltungsbefehl" versehen, weshalb nicht mal ihre Anwälte die Anschuldigungen kennen. Wahrscheinlich wird ihr Terrorpropaganda zur Last gelegt, ein häufiger Vorwurf gegen Journalisten in der Türkei. Möglicherweise geht es auch um Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Eine Rolle hat laut ARD auch gespielt, dass Tolu die Beerdigung zweier Kommunistinnen besucht habe.

Wie lief die Verhaftung ab?

Tolu wurde nach Angaben des Auswärtigen Amtes am 30. April festgenommen. Medienberichten zufolge stürmten Spezialkräfte ihre Wohnung. Derya Okutan, eine Kollegin von Tolu, sagte der "taz": "Sie haben ihr nicht mal erlaubt, einen Anwalt anzurufen oder ihre Familie zu bitten, auf ihren Sohn aufzupassen. Sie wurde gezwungen, das Kind bei den Nachbarn abzugeben, die sie nicht mal kennt." Am 5. Mai wurde Tolu in Untersuchungshaft genommen, wie das Auswärtige Amt berichtete.

Was unterscheidet ihren Fall von Deniz Yücel?

Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit Februar in der Türkei im Gefängnis. Ihm wird Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Während Yücel für eine große deutsche Tageszeitung schrieb, arbeitete Tolu für kleine türkische Medien - das ist ein Unterschied.

Für den Fortgang des Verfahrens dürfte Tolus Staatsangehörigkeit eine entscheidende Rolle spielen. Während Yücel den deutschen und den türkischen Pass besitzt, hat Tolu ihre türkische Staatsangehörigkeit abgelegt. Deshalb gilt für Tolu das Wiener Abkommen, das die konsularischen Beziehungen zwischen Staaten regelt. Demnach haben deutsche Diplomaten das Recht, Tolu in der Haft zu besuchen und sie zu unterstützen.

Auf dem Papier steht Tolu also etwas besser da als Yücel. Wie viel ihr das hilft, wird sich noch zeigen.

Wie reagiert die Bundesregierung?

Das Auswärtige Amt schaltete sich am Freitag ein - und forderte Zugang zu Tolu. Die Türkei habe völkerrechtswidrig die deutsche Regierung nicht über den Fall informiert. "Das ist bedauerlich", sagte Ministeriumssprecher Martin Schäfer. Bislang hätten die türkischen Behörden auch nicht auf die Bitte reagiert, deutsche Diplomaten Tolu zwecks konsularischer Betreuung besuchen zu lassen.

"Reporter ohne Grenzen" zum Fall Tolu:

REUTERS

sep

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