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Flüchtlinge in Mexiko: Überleben ist Glückssache

Von , Mexiko-Stadt

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AFP

Flüchtlinge an Zug in Mexiko: In die USA - um jeden Preis

Experten sprechen von der gefährlichsten Flüchtlingsroute der Welt: Auf dem Weg aus Zentralamerika in die USA sterben Tausende. Nun wurden 150 Menschen aus einem Lkw gerettet - kurz vor dem Erstickungstod.

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Der Fall des Lastwagens voller Leichen auf einer österreichischen Autobahn ging um die Welt. 71 Flüchtlinge starben Ende August qualvoll - weil sie sich skrupellosen Schleusern anvertraut hatten. Nun haben die Behörden in Mexiko offenbar einen ähnlichen Fall in letzter Minute verhindert und 150 Flüchtlinge aus Zentralamerika vor dem möglichen Erstickungstod gerettet.

Der Fall erinnert daran, dass auch in Zentralamerika und Mexiko täglich Hunderte Menschen unter lebensbedrohlichen Bedingungen ihre Heimat verlassen, um in den USA ein besseres Leben zu suchen. Je nach Herkunftsland und Route durch Mexiko sind das bis zu 4000 Kilometer. Der Trip dauert oft mehrere Wochen.

Die Migranten, unter ihnen 25 Kinder, wurden in einem Lkw-Anhänger im zentralen Bundesstaat Zacatecas gefunden. Nach Angaben der Einwanderungsbehörde hätten die Menschen 14 Stunden auf engstem Raum ohne Essen und ohne Wasser zugebracht. Mehrere Flüchtlinge seien der Ohnmacht nah gewesen.

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REUTERS

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Die Polizei nahm die Fahrer des Lkw fest, der als Ziel Monterrey im Norden nahe der Grenze zu den USA nannte. Nach Angaben der Flüchtlinge nahmen die Schlepper ihnen umgerechnet zwischen 1500 und 2500 Euro für den Trip von Zentralamerika bis zur US-Grenze ab.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hält den Korridor Mexiko für die gefährlichste und meistfrequentierte Migrationsroute der Welt. Laut US-Behörden versuchen jeden Tag mindestens tausend Menschen die gut 3000 Kilometer lange Grenze zwischen Mexiko und den USA ohne Papiere zu passieren. Vergangenes Jahr haben die USA 257.000 Migranten an ihrer Grenze aufgegriffen und nach Hause geschickt, fast alle waren entweder Mexikaner oder Zentralamerikaner.

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Offizielle Zahlen, wie viele Flüchtlinge die Reise mit dem Leben bezahlen, gibt es in den Auswanderer-Ländern kaum. Allein die US-Behörden zählen jedes Jahr rund 400 Menschen, die in der Wüste tot aufgefunden werden. Unzählige Männer, Jugendliche und inzwischen auch Frauen sind zudem über die Jahre von Gangsterbanden in Mexiko ermordet worden. Da in den vergangenen Jahren zunehmend auch Frauen auf den langen Marsch gehen, steigt auch die Zahl der Vergewaltigungen deutlich.

Die Menschen fliehen vor Gewalt und Perspektivlosigkeit

Der Fundort des Lkw mit den Flüchtlingen aus Guatemala, El Salvador, Honduras, der Dominikanischen Republik und Ecuador befindet sich rund 650 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt. Er liegt in der Mitte einer von drei Routen durch Mexiko, die Migranten nehmen.

Eine Million Mexikaner und rund 150.000 Zentralamerikaner versuchten jedes Jahr legal oder illegal in die Vereinigten Staaten zu gelangen, schätzt Christopher Gascon, Repräsentant der IOM in Mexiko. Schutzorganisationen wie die Mittelamerikanische Migrationsbewegung - M3 gehen von sehr viel mehr zentralamerikanischen Flüchtlinge aus und kalkulieren ihre Zahl auf rund 300.000.

Vor allem Menschen aus Honduras und El Salvador, aber auch aus Guatemala, fliehen vor der dramatischen Gewalt und der Perspektivlosigkeit in einer der ärmsten Regionen des amerikanischen Kontinents.

Die Gefahren für die Flüchtlinge wachsen stetig. Seit einigen Jahren droht die größte Gefahr durch die organisierte Kriminalität. Banden wie die "Zetas" haben Migranten als Einnahmequelle entdeckt. Sie verschleppen sie, nötigen ihnen unter Folter die Telefonnummern von Angehörigen in den USA ab und erpressen Lösegeld. Frauen und Mädchen werden missbraucht. Fast immer ist die Polizei Komplize, aber auch Bahnangestellte und Lokführer.

Banden werfen die Menschen vom fahrenden Zug

Seit 2006 sind laut der Organisation M3 auf dem Weg durch Mexiko 70.000 Migranten verschwunden oder als Krüppel gestrandet, weil sie vom Zug gefallen sind. Denn bis vor Kurzem reisten die Migranten weite Teile ihres Weges auf "Der Bestie", dem Güterzug, der von Mexikos Südgrenze bis hoch in den Norden fährt. Die Flüchtlinge sitzen dabei bei Wind und Wetter auf den Dächern, hängen auf den Kupplungen, bis sie vor Müdigkeit herunterfallen oder von Banden heruntergeworfen werden.

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Migranten in Mittelamerika: Unterwegs auf der "Bestie"

Doch seit dem vergangenen Jahr ändern sich die Routen. Der Weg auf dem Güterzug wird schwieriger, weil die Strecke von der Polizei bewacht wird. Also weichen die Migranten aus: mit Flößen und Booten über den Pazifik, in Privatwagen der Schlepper, in Überlandbussen, zu Fuß oder eben wie im aktuellen Fall per Lkw.

Ähnlich wie die Flüchtlinge in Europa sparen die Familien in Mexiko und Zentralamerika oft jahrelang auf das Geld für den "Coyote", wie die Schlepper hier genannt werden. Zwischen 500 und 5000 Dollar werden für einen Transport ins gelobte Land fällig. Garantien gibt es auch hier keine, Ankommen ist Glückssache.

Überleben auch.


Zusammengefasst: Auch an der Südgrenze der USA spielt sich ein Flüchtlingsdrama ab - allerdings seit Jahren. Hunderttausende Menschen aus Mexiko und Zentralamerika wollen unbedingt in den reichen Norden. Dabei vertrauen sie sich für viel Geld Schleppern an, die nicht selten auch den Tod der Flüchtlinge in Kauf nehmen. Zuletzt wurden mehr als 150 Menschen in einem Schmuggellaster entdeckt - viele kurz vor dem Erstickungstod.

Multimedia-Reportage

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Fläche: 1.964.375 km²

Bevölkerung: 122,273 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

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