Tausende Migranten sitzen im mexikanischen Tijuana fest Eine Stadt an der Grenze

Die Touristen kommen sonst für Sex, Suff und Zahnersatz - nun bleiben sie im mexikanischen Tijuana weg. Manche Einwohner geben den vielen Migranten die Schuld, die an der nahen US-Grenze festsitzen.

REUTERS

Aus Tijuana berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Verstörende Bilder gingen zuletzt aus Tijuana um die Welt. Verzweifelte Menschen, die teils mit Kinderwagen und Kleinkindern auf Grenzanlagen zurennen und mit Tränengas zurückgetrieben werden. Hubschrauber im Tiefflug, ausgezehrte Migranten, in einem Flüchtlingslager zusammengepfercht. Man hört rassistische Politiker, die gegen Zuwanderer wettern und Einwohner, die brüllen: "Tijuana first". Es wirkt, als sei die Stadt am nordwestlichen Zipfel Mexikos überfüllt, überfordert und fremdenfeindlich.

Das Bild wird Tijuana nicht gerecht, finden die Einwohner. Ihr Ort sei offen, liberal und verdanke seine Existenz überhaupt nur der Zuwanderung.

Tatsächlich bekommt die Welt dieser Tage von den anderen Seiten Tijuanas kaum etwas mit. Zum Beispiel die der "Maquilas", der vielen Fabriken am Rande der Stadt. Hier werden in gigantischen Hallen Flachbildfernseher für die ganze Welt zusammengebaut und Felgen für große Autohersteller gegossen. 200.000 Jobs stellt dieser Sektor bereit, 60 Prozent der Arbeitsplätze in Tijuana.

Hier arbeiten Migranten aus Oaxaca und Chiapas, den Armutsstaaten Mexikos. Ebenso mehr als 2000 der Haitianer, die vor zwei Jahren in Tijuana gelandet sind, weil ihnen der damalige US-Präsident Barack Obama die Einreiseprivilegien über Nacht aberkannte. Und hier malochen auch viele Honduraner, Guatemalteken und Salvadorianer, die lange schon vor dem aktuellen Flüchtlingszug in die Grenzstadt kamen.

Migranten an der Grenze zwischen Mexiko und den USA
REUTERS

Migranten an der Grenze zwischen Mexiko und den USA

"Wer auch immer gekommen ist, den haben wir aufgenommen, dem haben wir Arbeit gegeben, den haben wir nicht diskriminiert", erklärt die Buchhalterin Patricia. Sie selbst ist vor 22 Jahren aus Guadalajara im Süden zugezogen. Hier oben am Ende Mexikos haben immer alle Platz gefunden, sagt sie. Vier von zehn "Tijuanenses" sind nicht in der Stadt geboren.

Tourismus für Medizin und Sex

Auch von anderen großen Wirtschaftszweigen der Stadt ist derzeit kaum die Rede. Man kann ihnen eigentlich kaum ausweichen, vor allem auf der Hauptstraße Revolución im Zentrum Tijuanas. Hier stehen an jeder zweiten Ecke Apotheken groß wie Supermärkte und locken ihre Kunden auf Englisch an. Hier gibt es zweistöckige Zahnkliniken, die "Smilebuilders" heißen.

Um die Ecke werben die Türsteher der Table-Dance-Bars mit freiem Eintritt. Gewöhnlich feiern junge Männer und Jugendgruppen aus Südkalifornien in Tijuana ganze Wochenenden durch. Und ältere Herren kaufen mit dem Krankenkassen-Rezept das Viagra für knapp zehn Dollar, anstatt daheim das Siebenfache dafür zu zahlen.

Viagra-Werbung in Tijuana
Klaus Ehringfeld

Viagra-Werbung in Tijuana

Seit Jahren hält das Gleichgewicht zwischen Zuwanderern und Einheimischen, Arbeitern und Touristen. Die einen suchen ein Auskommen, eine faire Chance oder wollen nur ein bisschen Geld verdienen, bevor sie den Sprung "al otro lado", auf die andere Seite der Grenze wagen. Die anderen suchen Spaß, preiswerte Gesundheitsversorgung, billigen Rausch und gekauften Sex.

Kein Platz für Migranten

In Tijuana wurden vor 30 Jahren die ersten Befestigungen überhaupt zwischen Mexiko und den USA gebaut. Seither lebt die Zwei-Millionen-Stadt mit und von der Grenze, die Trennlinie bestimmt das Leben fast jedes Einwohners. Zehntausende arbeiten in den USA und können von den Dollars in Mexiko gut leben. Jeden Tag stehen die Autos kilometerlang vor den Grenzübergängen.

Dieses Gleichgewicht scheint für viele seit der Ankunft der neuen Migranten aus dem Lot geraten. Es sei, so hört man, ein Unterschied, ob Touristen, Arbeiter und Glücksritter in die Stadt kommen oder erst 2500, dann 5000 und bald vielleicht 9000 Flüchtlinge.

Starke wirtschaftliche Folgen

Bürgermeister Gastélum
ALEJANDRO ZEPEDA/EPA-EFE/REX/ SHUTTERSTOCK

Bürgermeister Gastélum

Die Stadt verfügt über zu wenige Unterkünfte, langsam wird das Essen knapp, die Spendenbereitschaft der Einwohner lässt nach. Und Bürgermeister Juan Manuel Gastélum, der die Zentralamerikaner sowieso für Eindringlinge hält, erklärt den "internationalen humanitären Notstand". Der Grenzübertritt von den USA dauert jetzt statt 30 Minuten drei Stunden, entweder weil US-Präsident Donald Trump an den Übergängen Übungen abhalten lässt oder die Grenzschützer besonders scharf kontrollieren.

Als Folge bleiben die Kunden weg im "Callejon Coahuila", dem Rotlichtviertel von Tijuana. Die Bars senken die Bierpreise, damit auch die Mexikaner mal einkehren. Zahnärzte, die in Tijuana eigentlich am Wochenende Hochkonjunktur haben, langweilen sich.

Medizin und Alkohol
Klaus Ehringfeld

Medizin und Alkohol

Die temporären Grenzschließungen, die Verzögerungen und die Aufregung um die Migranten kosteten den Medizin-Tourismussektor 60 bis 70 Prozent an Einnahmen, klagt Ricardo Vega, Präsident der Gesundheitsvereinigung des Bundesstaats Baja California. Arzttermine würden abgesagt, Hotels und Restaurants in Mitleidenschaft gezogen.

Auch Menschen wie der Rentner Richard aus Los Angeles sind betroffen. Der 75-Jährige lässt sich wegen einer Krebserkrankung in Tijuana behandeln und pendelt gewöhnlich zwischen den Anwendungen. Aber jetzt bleibt er lieber in Tijuana, auch wenn ihn das 45 Dollar zusätzlich pro Übernachtung kostet. "Wenn Trump die Grenze dicht macht, sitze ich drüben fest". Es sei eine Frage von Leben und Tod. "Die Mexikaner müssen das Problem mit den Migranten endlich in den Griff bekommen", findet Richard.

Das ist in Stadt und Land unstrittig. Aber jeder hat dafür so seine eigenen Vorschläge.

Wachsende Unzufriedenheit

Paloma Zúñiga, alias Paloma Trump
Klaus Ehringfeld

Paloma Zúñiga, alias Paloma Trump

Da ist zum Beispiel Paloma Zúñiga. Sie handelt gewöhnlich mit Second-Hand-Klamotten.

Derzeit aber steht sie immer wieder im Daunenmantel und Stiefeletten an der Spitze der Anti-Migranten-Demos in ihrer Stadt. "Die haben hier nichts zu suchen, diese Menschen sind illegal, sie haben unser Land überfallen. Sie sollen nach Hause zurückgehen". Die Einwohner von Tijuana nennen Zúñiga nur Paloma Trump, weil sie sich wie die mexikanische Vorhut des US-Präsidenten aufführt. Auf dem Kopf trägt sie eine rote Mütze, wie sie ihr Idol bekannt gemacht hat. Darauf steht: "Make Tijuana great again."

Pfarrer Pat Murphy von der Migrantenherberge
Klaus Ehringfeld

Pfarrer Pat Murphy von der Migrantenherberge

Ganz anders nähert sich Pfarrer Patrick Murphy dem Thema. Er sitzt an einem kühlen Wintermorgen in seinem Büro der Scalabriniani-Migrantenherberge. "Diese Stadt war vor 40 Jahren ein staubiges Dorf, in dem dann die deportierten Gesetzesbrecher einfach blieben. Dann kamen die Migranten hinzu, und so begann Tijuana zu wachsen", erzählt der Direktor der ältesten Migrantenherberge der Stadt.

Murphy stammt wie Trump aus New York, aber den Namen seines Landsmanns spricht er nur ungern aus. Seit mehr als fünf Jahren leitet der Pfarrer die Unterkunft, und die Zahl der Menschen aus Zentralamerika sei vor allem in diesem Jahr erheblich gestiegen. Aber Tijuana sei bisher trotz Menschen wie Paloma Zúñiga eine offene Stadt. "Bei uns hat sich nie ein Anwohner über die Migranten beschwert".

Im Video: Flüchtlinge in Mexiko - Die Karawane der Verzweifelten

SPIEGEL TV

Aber Murphy fürchtet auch, dass die Stimmung kippen könnte. Dauerhafte große Flüchtlingscamps in der Stadt würde die Bevölkerung kaum tolerieren. "Aber in Tijuana gibt es Platz für alle. Fast jeden Tag klopfen Firmen bei uns, die Arbeitskräfte suchen", weiß Murphy. Nur müsste auch ein Umdenken bei den zentralamerikanischen Flüchtlingen einsetzen: "Sie dachten, sie bleiben hier drei oder vier Tage, aber vermutlich werden es drei bis vier Monate."

Für die meisten der Gestrandeten würde sich der "American dream" ohnehin in einen "Mexican dream" verwandeln.


Zusammengefasst: Tijuana ist einer der bekanntesten mexikanischen Grenzorte zu den USA. Tausendfach kommen die Touristen aus dem Norden, um an den Wochenenden zu feiern oder wegen der günstigen medizinischen Angebote. Viele Mexikaner pendeln zum Arbeiten über die Grenze. Nun sind Tausende Menschen aus Mittel- und Südamerika dort gestrandet, weil US-Präsident Donald Trump die Einreise verbietet. Langsam wachsen in der Stadt die Spannungen.

insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karlsiegfried 03.12.2018
1. Danke für den Bericht
Ört sich alles nicht gut an. Bloss, was soll ich damit anfangen. USA und Mexico iegen weit weg. Die müssen ihre Probleme alleine lösen.
MJR 03.12.2018
2. Es geht nicht um eine Invasion, wie Trump meint!
Es geht darum, dass ein relativ reiches Land wie die USA die Aufnahme von ein paar tausend Migranten verweigern und stattdessen auf eine diesen Zahlen unverhältnismäßige Härte setzen! Nun ist es so, dass man sich für die Anerkennung als Flüchtling laut US-Recht auf diesen Status bewerben muss. Komfortabel für die USA, denn weder ein politischer Asylant, noch ein Wirtschafts- oder Kriegsflüchtling wird die Zeit für diese Schikane haben! Auch ist klar, dass die USA von den wesentlichen Krisenzonen dieser Erde ausreichend weit entfernt und somit vor den Problemen, vor denen z.B. Europa steht, weitestgehend geschützt sind. Somit geht es um ein paar tausend Menschen. Arme Menschen, die mit Tränengas von Mexikanern traktiert werden und die von den Militärs der US-Streitkräfte ebenfalls nicht mit offenen Armen empfangen werden. Auch wenn es bei uns dumme Rufe gab, exakt so vorzugehen: Deutschland tat es nicht. Deutschland nahm über eine Millionen (!) Menschen als Flüchtlinge auf. Ein Akt, der uns natürlich über unsere Grenzen des Machbaren hinaus beanspruchen wird, keine Frage! In Relation gesehen sind diese paar Tausend Menschen aber etwas völlig anderes und es ist schäbig sich mit Gewalt gegen Flüchtlinge zu richten, weil man meint eine "Lasche Haltung" hätte Sogwirkung. Eine Sogwirkung hat das Treiben der USA in Südamerika... vor allem ist es dies, was die Fluchtursache ausmacht: All seine Restriktionen, Einmischungen und Unterstützungen teils fragwürdiger Politik! Es sind nicht die Menschen, die nun vor den Toren stehen, die das Problem sind! Die USA tragen massive Mitverantwortung an dem Schicksal dieser Menschen und lehnen sogar mit militärischen Mitteln jede Verantwortung ab. Es wird sich eingemischt, wo man sich hätte raushalten sollen und dort, wo gegen Faschismus und Personenkult hätte vorgegangen werden müssen, hielt man still. Je instabiler der Nachbar, desto stabiler die eigene Wirtschaft. Dachte man... wird nicht umgedacht, stehen bald Millionen an der Grenze, weil immer noch gilt: Actio = Reactio!
pelayo1 03.12.2018
3.
Dabei muss man sich vor Augen halten, dass diese Menschen eine gemeinsame Süprache, Religion und Kultur haben, und trotzdem gibt es Konflikte. Aber bei uns wird das multikulturelle Zusammenleben wunderbar klappen, wenn wir nur die Rechtspopulisten zum Schweigen bringen.
citizen01 03.12.2018
4. Wie wär's wenn die UNO/UNHCR in solchen Fällen
Camps im unfreiwilligen Gastland einrichtet und die Kosten bis zur Rückführung den Herkunftsländern wirksam in Rechnung stellt.
wannbrach 03.12.2018
5.
Die Migranten können nicht erwarten dass die USA sie aufnehmen nur weil sie aus einem armen Land kommen. Die Migranten sind selber verantwortlich die besten Politiker zu wählen damit ihre Land Fortschritte macht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.