Opfer der Drogenmafia Mexikos Reporter im Fadenkreuz

Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder für die Presse: In den vergangenen Tagen wurden vier Reporter gefoltert und getötet, die über den Drogenhandel berichtet hatten. Nun werfen Journalisten dem Staat vor, die Morde der Kartelle zu decken.  

REUTERS

Vier Journalisten in einer Woche - erwürgt, gefoltert, zerstückelt und in Müllbeuteln verklappt. Das ist selbst für den Drogenstaat Mexiko, das Gewalt und Tote gewöhnt ist, eine neue Dimension des Horrors und der Gefährdung der Pressefreiheit. Rund 200 Medienschaffende forderten am Freitag mit einem Protestmarsch in Mexiko-Stadt Aufklärung und machten die Regierung für den Tod der Reporter mitverantwortlich, die alle im Bundesstaat Veracruz ermordet worden waren: "Die Täter genießen vorsätzliche Straffreiheit", kritisierte Anabel Hernández, Investigativ-Journalistin und Buchautorin, die nur noch mit Leibwächtern aus dem Haus geht, seit sie anonyme Todesdrohungen erhalten hat. Wer auch immer die Mörder der drei Foto- und der Printjournalistin seien, der Staat trage Mitschuld an dem Tod, betonte Hernández im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Entweder decken sie die Täter, weil sie mit ihnen unter einer Decke stecken oder sie ermitteln nachlässig."

An diesem Wochenende dreht sich die Spirale der Gewalt weiter. In der Grenzstadt Nuevo Laredo entdeckte die Polizei am Freitag 23 Leichen. Neun von ihnen, fünf Männer und vier Frauen, hingen von einer Brücke, die 14 anderen wurden enthauptet. Die Köpfe waren zusammen mit einem Drohbrief in Kühlboxen vor dem Rathaus abgelegt, die dazugehörenden Körper lagen in Plastiksäcken in einem verlassenen Auto. Nuevo Laredo im Bundesstaat Tamaulipas liegt gegenüber dem texanischen Laredo und ist eine der wichtigsten Grenzübergänge zwischen den USA und Mexiko. In der Stadt kämpfen das "Sinaloa-Kartell" von Chapo Guzmán und die paramilitärische Bande "Zetas" um die Vorherrschaft und damit die Transportrouten.

In Mexiko liegt die Aufklärungsquote von Gewaltverbrechen bei zwei Prozent. Das gilt auch für Morde an Reportern. Präsident Felipe Calderón verurteilte am Freitag zwar "jede Attacke auf die Meinungsfreiheit" und bot den Ermittlungsbehörden seine Unterstützung an. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte von der Regierung aber entschieden "wirksame" Ermittlungen und Schutz für die Familien der Opfer. "Die Morde kamen nicht ohne Ankündigung", erklärte Amnesty. Zwei der Toten standen vergangenes Jahr auf einer Todesliste des Organisierten Verbrechens. Doch der Staat unternahm nichts.

"Die Regierung schaut nicht allzu genau hin"

"Die Regierung hat kein Interesse daran, dass wir allzu genau hinschauen", ist Journalistin Hernández überzeugt. In Gemeinden, Bundesstaaten und selbst in der Bundesregierung seien die Drogenkartelle eingesickert, betont die Autorin des Buches "Los señores del narco" (Die Herren des Drogenbusiness). Nach fünf Jahren Recherche kam Hernández darin zu dem Ergebnis: "Es gibt in Mexiko keinen Krieg des Staates gegen die Kartelle, sondern einen Kampf der Kartelle untereinander, in dem der Staat auf der Seite der mächtigsten Mafia mitkämpft".

Seit Ende 2010 sind in Veracruz, einem Bundesstaat im Südosten Mexikos, zehn Journalisten getötet worden. Damit ist der Staat mit Abstand der gefährlichste für Reporter in ganz Mexiko. Veracruz ist von strategischer Bedeutung für das Organisierte Verbrechen: An der Golfküste gelegen verfügt er über den wichtigsten Atlantikhafen Mexikos. Im Süden ist es nicht weit nach Guatemala, im Norden nicht weit in die USA. Wer Veracruz kontrolliert, kontrolliert die Transportwege durch ganz Mexiko.

Wenn Reporter in Mexiko zum Recherchieren hinausgehen, ist der Tod oft mit dabei. Das gilt vor allem für die Bundesstaaten im Norden des Landes wie Sinaloa, Tamaulipas und Chihuahua, wo der Staat die Macht teilweise an die Kartelle abgegeben hat. Es gilt in zunehmendem Maße aber auch für Veracruz - auch hier streiten die beiden mächtigsten Kartelle, das Sinaloa-Kartell und die "Zetas", um die Hoheit. Und die Mafia-Gruppen wollen nicht, dass ihnen dabei jemand zusieht.

Reporterin mit Würgemalen aufgefunden

Das wusste auch Regina Martínez, die am Sonnabend vor einer Woche in ihrem Haus in Jalapa, der Hauptstadt von Veracruz, mit Würgemalen und Spuren von Folter tot aufgefunden wurde. Martínez war das, was man eine erfahrene Journalistin nennt. 30 Jahre lang arbeitete sie als Landeskorrespondentin für mehrere mexikanische Medien. Ihr Thema war der Drogenkrieg, die Organisierte Kriminalität und deren Verbindungen in die Regierung. Ihre Arbeit und besonders die unbequeme Recherche in ihrem letzten Fall könnten Martínez jetzt zum Verhängnis geworden sein. Unmittelbar vor ihrem Tod recherchierte sie den Fall eines ermordeten Aktivisten. In diesem Zusammenhang berichtete sie am Tag vor ihrem Tod über die Festnahme von neun Polizisten, denen eine Verbindung zur Tat vorgeworfen wird.

Die sterblichen Überreste der Fotografen Guillermo Luna Varela, Gabriel Huge und Esteban Rodríguez wurden am Donnerstag, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, in schwarzen Müllbeuteln in einem Abwasserkanal in einem Randbezirk von Veracruz gefunden. So morden und entsorgen nur die Drogenkartelle. Zwei der Opfer fotografierten für die Presseagentur Veracruznews.com.mx und machten häufig Bilder im Zusammenhang mit den Verbrechen der Kartelle. Das dritte Opfer arbeitete früher für die örtliche Tageszeitung "Notiver". Deren stellvertretender Chefredakteur Miguel Ángel López war im Juni 2011 zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn ermordet worden. Nach Angaben von Journalistenschutz-Organisationen mussten die Reporter Veracruz vorübergehend verlassen, nachdem sie Drohungen erhalten hatten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in den vergangenen zwölf Jahren 80 Berichterstatter bei der Ausübung ihres Berufs in Mexiko getötet worden oder verschwunden. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stellt Mexiko auf eine Stufe mit Ländern wie Irak und Pakistan und spricht von einer "Kultur der Gewalt gegen die Presse".



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.