Mexikos Reaktion auf die Flüchtlingskrise Überrannt und überfordert

Tausende Migranten aus Mittelamerika sitzen seit Tagen an der Grenze zu Mexiko fest. Ihr Ziel: die USA. Doch von dort droht Präsident Trump bereits mit Militär. Die mexikanische Regierung ist ratlos.

Von , Mexiko-Stadt


Eigentlich wollte Enrique Peña Nieto seine sechsjährige Amtszeit gemütlich ausklingen lassen. Sechs Wochen bleiben ihm noch im Amt, und schon lange ist einer der unbeliebtesten Präsidenten in Mexikos Geschichte nicht mehr in der Öffentlichkeit wahrnehmbar.

Aber der Ansturm mehrerer Tausend Migranten aus den zentralamerikanischen Ländern Honduras, Guatemala und El Salvador zwingt ihn nochmal zum Arbeiten. Denn er hat das Zeug, sich zu einer schweren Krise für Mexiko auszuweiten. Eine Migrationskrise im Süden ist es spätestens, seit mehrere Hundert Migranten am Freitag mit dem Mut der Verzweiflung die poröse Grenze zwischen Guatemala und Mexiko überwanden. Eine diplomatische Krise mit dem ungeliebten Nachbarn USA im Norden zeichnet sich gerade ab. Und Präsident Peña Nieto wirkt lustlos und überfordert.

Die Bilder an der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze von erschöpften und verzweifelten Männern, von Frauen mit Kinderwagen erinnern an die Flüchtlingskrise in Europa. Auch in Mittelamerika können notdürftig errichtete Sperranlagen, mit Schilden bewehrte Sicherheitskräfte und Drohungen die Menschen nicht stoppen.

Bizarrer Auftritt mit heimlichem Adressaten

Die 4000 Migranten, die vor einer Woche in Honduras aufbrachen, sind bereit, 3000 Kilometer durch drei Länder zu Fuß zu gehen. Sie haben nichts zu verlieren. Sie haben bereits alles verloren. Der Dreiklang aus Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit in ihren Ländern treibt die Menschen zu Hunderttausenden in die Flucht.

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Auf Autoreifen und Holzpaletten: Migranten versuchen Fluß zu überqueren

Verärgert wandte sich Peña Nieto am Freitagabend an seine Landsleute. Zur besten Sendezeit unterbrachen die TV-Sender für gut drei Minuten die Fußballübertragungen und Telenovelas. Sein Land werde nicht tolerieren, dass sich Menschen "gewaltsam und ohne die notwendigen Papiere" Zutritt verschafften. "Das ist eine völlig neue Situation", sagte der Staatschef und betonte, dass die Polizei die Ordnung an der Grenze inzwischen wieder hergestellt habe.

Es war ein bizarrer Auftritt, und viele Mexikaner fragten sich, warum ihnen ihr Präsident das alles erzählte. Die Botschaft schien doch eher an die Migranten gerichtet. Oder viel eher noch an die USA, die gegenüber dem südlichen Nachbarn seit Donnerstag den Druck erhöht haben.

Vermutlich galt Peña Nietos Botschaft tatsächlich eher US-Präsident Donald Trump: "Sieh her, ich mach doch was". Denn bis dahin hatte der scheidende Staatschef angesichts des sich abzeichnenden Konflikts eher teilnahmslos gewirkt und gerade mal 250 Bundespolizisten an die Südgrenze in Marsch gesetzt, die sich den 4000 Flüchtlingen entgegenstellen sollten.

Dabei schien gerade erst Ruhe in die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko eingekehrt. Das NordamerikanischeFreihandelsabkommenn Nafta wurde als USA-Mexiko-Kanada-Vereinbarung (USMCA) wiedergeboren. Die Regierungen der drei Länder, die Unternehmen und Investoren sind zufrieden.

Aber jetzt zürnt und tobt der Präsident in Washington angesichts der 4000 Migranten, er werde das Militär an die Grenze schicken und diese zur Not schließen, sollte Mexiko nicht den Weg der Honduraner, Guatemalteken und Salvadorianer stoppen. Trump betonte dabei, ihm sei das Thema Migration wesentlich wichtiger als das Thema Handel. Schließlich sind kommenden Monat in den USA Wahlen, bei denen das Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu zusammengesetzt werden.

Etwas Besseres als Elend und Tod finden sie überall

Dabei ist das Thema der zentralamerikanische Migranten keinesfalls neu. Seit vielen Jahren schon verlassen die Menschen im Dreieck des Elends ihre Heimat in immer größerer Zahl. Durchschnittlich 700 Männer und Frauen schnüren täglich in Honduras, Guatemala und El Salvador angesichts von Arbeitslosigkeit und Gewalt der Jugendbanden ihr Bündel und machen sich auf den gefährlichen und langen Weg gen Norden. Denn etwas Besseres als Elend und Tod finden sie überall.

Die rund 4000 Migranten der aktuellen "Karawane" entsprechen also gerade mal dem Kontingent einer Woche. Nach Angaben der US-Regierung sind alleine vergangenes Jahr 225.000 Menschen aus Zentralamerika in die Vereinigten Staaten eingereist - meist ohne die notwendigen Papiere. "Es ist keine Karawane, es ist ein Exodus", sagt dann auch der Analyst Diego Petersen Farah.

Doch die Mitglieder sind nicht wie sonst heimlich und in kleinen Gruppen unterwegs. Sie verließen die Stadt San Pedro Sula vor einer Woche offen und fordernd. Und unterwegs wuchs die Gruppe erst zu der großen Zahl an, die sie jetzt hat.

Und diese Flüchtlinge sind wütender als andere. Denn Trump bezeichnet die Zentralamerikaner als Bedrohung für sein Land und rückt sie in die Nähe Krimineller und Drogendealer. Diese antworten ihm mit einem immer wieder laut skandierten Satz: "Wir Migranten sind keine Kriminellen, wir sind internationale Arbeiter".

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Ansturm an Mexikos Grenze: "Wir werden reinkommen"

Mittlerweile haben die mexikanischen Sicherheitskräfte die Grenze gesichert, die Migranten harrten am Samstag auf der guatemaltekischen Seite aus. Mexiko beharrt darauf, dass niemand ohne gültige Papiere einreisen dürfe. Wer es dennoch tue, werde festgenommen. Wer Asyl suche, dürfe allerdings einen Antrag stellen. Dennoch ließ Mexiko am Samstag Dutzende Frauen und Kinder ins Land.

US-Präsident Trump lobte Mexiko ausdrücklich für die harte Haltung. Die Regierungen von Honduras und Guatemala erwägen inzwischen, Vertreter des Zivilschutzes nach Mexiko zu schicken und eine Luftbrücke einzurichten für diejenigen, die freiwillig zurückkehren wollen.

Mexikos künftiger Staatschef Andrés Manuel López Obrador kündigte unterdessen eine Wende in der Migrationspolitik an. Der Linkspolitiker, der am 1. Dezember sein Amt antritt, wird mit Beginn seines Mandats Arbeitsvisa an zentralamerikanische Migranten ausgeben. Dies habe er auch mit Trump besprochen, sagte López Obrador.

Außerdem will er den US-Präsidenten von einem gemeinsamen Entwicklungsfonds in Höhe von 30 Milliarden Dollar für Zentralamerika überzeugen, mit dem die Fluchtursachen in den dortigen Staaten beseitigt werden sollen. "Wer dennoch auswandern will, soll in Mexiko eine Chance bekommen", versprach der künftige mexikanische Präsident.

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