Zerrissene Familien an US-Grenze "Ein klarer Verstoß gegen Menschenrechte"

Mexiko kritisiert die Trennung von Migrantenfamilien durch US-Beamte an der Grenze. Auch in den USA regt sich Widerspruch. Vier Bundesstaaten verweigern den Einsatz ihrer Nationalgardisten.

US-Auffanglager an der Grenze zu Mexiko
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US-Auffanglager an der Grenze zu Mexiko


US-Präsident Donald Trump gerät wegen der Trennung von Migrantenfamilien an der Grenze zu Mexiko zunehmend unter Druck. Mexiko hat das Vorgehen der USA scharf kritisiert. Kinder von ihren Eltern an der US-Grenze zu trennen sei grausam, unmenschlich und ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte, sagte Außenminister Luis Videgaray am Dienstag. Er rief die USA dazu auf, ihre Praxis zu überdenken. Die Lage sei inakzeptabel. Die internationale Gemeinschaft müsse klar Stellung beziehen.

Uno-Generalsekretär António Guterres hatte bereits am Vortag einen respektvollen Umgang mit Flüchtlingen und Migranten angemahnt, ohne direkt auf die US-Politik einzugehen. "Kinder dürfen nicht durch Trennung von ihren Eltern traumatisiert werden. Die Familieneinheit muss gewahrt werden."

Die Zahl der von den US-Behörden von ihren Eltern getrennten Kinder übersteigt inzwischen die Grenze von 2000. Beamte des Innenministeriums sprachen am Dienstag von etwa 2300. Sie würden medizinisch und psychologisch von Fachleuten betreut und dürften nicht länger als 20 Tage festgehalten werden. Unabhängige Psychologen wiesen darauf hin, dass die Trennung von ihren Eltern gerade bei kleineren Kindern zu anhaltenden Traumata führen kann.

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Die USA haben als einziges Uno-Mitglied die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen nicht ratifiziert. In Artikel 9 heißt es, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von ihnen getrennt werden soll, wenn es nicht nach gerichtlicher Prüfung zum Wohl des Kindes notwendig ist.

US-Präsident Donald Trump verteidigte das Vorgehen auf Twitter: Menschen, die illegal in die USA gelangen wollten, müssten festgenommen werden. Die meisten Kinder würden zudem ohne Eltern ankommen. Mexiko warf er vor, nichts für die USA zu tun, um Migranten davon abzuhalten, die US-Grenze zu erreichen.

Am Dienstag hatten sich vier US-Bundesstaaten gegen die umstrittenen Familientrennungen an der Grenze zu Mexiko gestellt und den Einsatz ihrer Nationalgardisten verweigert. "Wir werden keine Komplizen bei dieser anhaltenden menschlichen Tragödie sein", twitterte der demokratische Gouverneur des Bundesstaats New York, Andrew Cuomo.

Der republikanische Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, sagte, er werde keine Nationalgardisten mehr an der Grenze stationieren, bis die "Politik der Trennung von Kindern und ihren Eltern" aufhöre. Er habe eine vierköpfige Helikopter-Besatzung angewiesen, "sofort" von der Grenze zurückzukehren. Ähnlich äußerten sich auch die Gouverneure von Colorado und Massachusetts.

Auch die Amerikanische Handelskammer forderte, die Trennung der Familien sofort zu stoppen. Cisco-Chef Chuck Robbins vom Business Roundtable, einer einflussreichen Unternehmer-Lobby, sagte: "Die Praxis ist grausam und das Gegenteil amerikanischer Werte." Die republikanischen Senatoren Ron Johnson, Ted Cruz und John Kennedy forderten Trump auf, Familien das Zusammenbleiben zu erlauben, wenn sie die Grenze illegal überschritten haben sollten. Im Repräsentantenhaus machte ein ähnlich lautender Gesetzentwurf die Runde.

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USA: So sieht es in Trumps Kinderlagern aus

Uno: "Die Situation ist inakzeptabel"

Die Informationen von der Südgrenze fließen spärlich. Vor einigen Tagen wurden einige US-Reporter kurz in ein ehemaliges Lagerhaus gelassen, wo Kinder und Jugendliche von illegalen Einwanderern festgehalten werden. Kinder sollen in käfigartigen Verschlägen festgehalten werden, sie schlafen auf Gummimatten. US-Medien veröffentlichten einen Mitschnitt, der das Weinen von Kindern in einem Aufnahmelager dokumentieren soll.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen machte unmissverständlich klar: "Die Situation ist inakzeptabel." Man könne seine Grenzen schützen und gleichzeitig die Rechte von Kindern achten. Hilfsorganisationen beklagten, den Kindern fehle die Zuwendung, auch weil das Personal in den Unterkünften sie nach US-Bestimmungen nicht intensiv betreuen dürfe. "Kinder nicht anzufassen ist furchtbar. Sie brauchen Zuwendung, sie müssen getröstet und in den Arm genommen werden", sagte ein Unicef-Sprecher.

Das Weiße Haus und Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen verteidigten die Praxis. Man habe sich für nichts zu entschuldigen, sagte Nielsen. Präsident Trump betonte: "Die USA werden nicht zu einem Flüchtlingslager werden."

Video: Flüchtlingsfalle Texas

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lie/dpa/Reuters

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