López Obrador in Mexiko Die Wut der Masse

Andrés Manuel López Obrador ist für viele frustrierte Mexikaner die letzte Hoffnung. Die etablierten Parteien wollen den Linkskandidaten mit allen Mitteln verhindern - doch seine Chancen stehen gut.

REUTERS

Von , Chimalhuacán


Catalina Guevara ist schon vor Stunden gekommen. Sie will ihrem Kandidaten ganz nahe sein. Erste Reihe, direkt vor der Bühne, freier Blick auf Andrés Manuel López Obrador. Gegen Wind und Regen hier in Chimalhuacán hat sich Señora Guevara (65) in ein großes weißes Transparent eingewickelt, auf dem in Rot schlicht "Morena" steht. So heißt das Parteienbündnis des Linkskandidaten, der am Sonntag zum Präsidenten von Mexiko gewählt werden will.

Zwei Mal ist López Obrador, den alle nur AMLO nennen, schon gescheitert im Kampf um das höchste Amt im Staat. Dieses Mal, so scheint es, wollen die Mexikaner ihm eine Chance geben. Sie sind wütend auf die traditionellen Parteien, die ihre Probleme nicht lösen.

Seit Monaten eilt der Kandidat durch ganz Mexiko, in große Städte und kleine Gemeinden. Kein anderer Bewerber um das Präsidentenamt ist derart viel unterwegs. Den Menschen gefällt das. "Er weiß, woran es uns fehlt", sagt die frühere Lehrerin Guevara.

Chimalhuacán liegt drei Autostunden außerhalb von Mexiko-Stadt. Ein typischer Vorort der Millionenmetropole, gezeichnet von Armut und Gewalt. Aus dieser Gegend stammt Präsident Enrique Peña Nieto, Chimalhuacán ist eine Hochburg der Regierungspartei PRI.

Dennoch sind an diesem Abend 3000 Menschen gekommen. Wahlkampfsongs halten die Anhänger von López Obrador trotz des miesen Wetters bei Laune. "Wir warten auf ihn, egal, wie lang es dauert", sagt Catalina Guevara. "Er muss unser Land retten, die anderen haben es an den Abgrund geführt", sagt sie und zählt die Übel Mexikos auf: Gewalt, Armut, Korruption und keine Arbeit für die Jugend.

"Es ist eine Ehre"

Gut eine Stunde später als geplant, erklimmt der Mann die Bühne, den viele in Mexiko für einen Messias halten, andere dagegen für einen Demagogen. Die Menschen, viele im Rentenalter, kreischen, als sei der 64-Jährige ein Popstar: "Es un honor, estar con Obrador", skandieren sie. "Es ist eine Ehre, mit Obrador zu sein".

López Obrador richtet sich die silbergrauen Haare, dann spricht er über das, was seine Anhänger hören wollen: Stipendien für Oberschüler, Garantierente für Alte, Festpreise für die Bauern. Überhaupt solle Mexiko weniger importieren. Mais und Benzin, die könnte das Land doch selber produzieren. Es klingt ein wenig nach "Mexico first".

Finanzieren will er das durch die Halbierung der Gehälter der Beamten und den Kampf gegen die Korruption. Die Botschaften sind einfach, manchmal platt, aber die Zuhörer jubeln.

Am Ende verspricht López Obrador noch: "Ich komme wieder, als Präsident".

Tatsächlich sehen die Umfragen den Kandidaten mit seiner neu gegründeten "Bewegung zur Erneuerung Mexikos" (Morena) mit knapp 50 Prozent weit vor den Vertretern der klassischen Parteien.

Der Newcomer Ricardo Anaya kommt auf 27 Prozent. Doch der 39-Jährige, der für die ideologisch schwammige Rechts-links-Allianz aus PAN und PRD antritt, wirkt wie ein rechthaberischer Oberschüler. Er punktet bei Teilen der Mittelschicht und Studenten. "Aber er spricht nicht wie AMLO die Sprache des Volkes", sagt der Soziologe Alberto Aziz Nacif vom Forschungszentrum CIESAS. Als chancenlos gilt der parteilose Ex-Finanzminister José Antonio Meade, den die PRI ins Rennen schickt. Er liegt mit 23 Prozent auf dem dritten Platz.

Pure Verzweiflung

Die Wut der Mexikaner auf die Regierung der Korruptionspartei PRI ist so groß, dass viele López Obrador einfach aus purer Verzweiflung wählen. Schlimmer, so die Annahme, könne es ja ohnehin nicht mehr kommen. Präsident Enrique Pena Nieto hatte vor sechs Jahren versprochen, in seiner Amtszeit sollte alles besser werden. Weniger Tote im Drogenkrieg, weniger Korruption, mehr Wachstum und niedrigere Preise dank der Strukturreformen.

Fakt ist: Alles ist schlechter geworden. 32.000 Morde wird es geschätzt in diesem Jahr geben, doppelt so viele wie vor vier Jahren. Schwere Menschenrechtsverbrechen wie das Verschwinden der 43 Studenten von Ayotzinapa im September 2014 verbinden sich mit Peña Nietos Amtszeit.

Auf dem Korruptionsindex von Transparency International hat Mexiko unter Pena Nieto 30 Plätze eingebüßt und liegt nun gemeinsam mit Russland auf Platz 135. Die Öffnung des Energiesektors hat vor allem eines bewirkt: höhere Benzin- und Strompreise. Vier von zehn Mexikanern können sich nicht alle Produkte des Warenkorbs leisten.

Etablierte Parteien wehren sich

Besondere Unterstützung findet der Linkskandidat daher gerade bei jenen 50 Millionen Mexikanern, die in Armut leben. Ihnen widmet er seinen Wahlkampf, für ihre Interessen macht er sich besonders stark. López Obrador sei der einzige Kandidat, der wirklich am Status quo etwas ändern und für die 50 Prozent Armen und Ausgeschlossenen in Mexiko regieren wolle, sagt der Journalist Jorge Zepeda Patterson. "Mexiko erträgt es nicht mehr, dass die Regierungen nur für den oberen Teil der sozialen Pyramide Politik machen."

Diese allerdings sorgen sich, der Linkskandidat wolle die liberale und offene Ausrichtung seiner Wirtschaft abschaffen. Vor allem Unternehmerverbände fürchten eine Abschottung des Landes unter López Obrador. Dessen Wirtschaftsberater Alfonso Romo zerstreut diese Bedenken. "Wir sind keine Radikalen. Alles andere seien "diffamatorische Kampagnen".

Dennoch versuchen die etablierten Parteien bis zum Schluss, López Obrador unter allen Umständen zu verhindern. Dabei setzen sie auf Schmutzkampagnen, wie auch schon 2006 und 2012. Seinerzeit hieß es, López Obrador sei eine "Gefahr für Mexiko", er werde das Land in ein zweites Venezuela verwandeln. Dieses Jahr werden die Wähler mit anonymen Anrufen bedrängt, in denen dunkle Stimmen falsche Behauptungen über den Linkskandidaten aufstellen. Er wolle angeblich den Sozialismus einführen und die Institutionen zerstören.

Doch es sieht so aus, als ließen sich die Mexikaner davon nicht beeindrucken.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.