Mexikos Drogenkrieg Tödlicher Terror im Reich des Rauschs

Mexikos Drogenbosse fordern den Staat heraus. Jetzt haben Militärs einen mächtigen Gangster getötet - doch ob die Regierung den brutalen Kampf gegen die Kartelle gewinnen kann, ist offen. Die entscheidende Rolle haben die USA mit ihren laschen Waffengesetzen und ihrer ineffizienten Drogenpolitik.

Von Lars Halter, New York


Träge schleppt sich der Verkehr auf zunächst zwei, dann fünf Spuren in Richtung Grenze. Die Sonne über dem Städtchen Nogales im US-Bundesstaat Arizona brennt, und die Fahrer schwitzen - die meisten wegen mehr als 40 Grad Hitze. Andere, weil sie Waffen von Nord nach Süd schmuggeln.

Gefasst werden Letztere selten. Die Grenzer sind überlastet. Waffen aus Arizona für Mexiko - das ist ein riesigen Geschäft. Das importierte Kriegsgerät wird im mexikanischen Drogenkrieg benötigt, um Richter und Polizisten zu töten, rivalisierende Gangster und Schmuggler, auch unschuldige Passanten.

Der Grenzübergang bei Nogales ist eine Front im langwierigsten Krieg der USA: dem "Krieg gegen die Drogen", den Präsident Richard Nixon vor fast vierzig Jahren ausgerufen hat. Von Mexiko in die USA werden Drogen aller Art geschmuggelt, in die umgekehrte Richtung kommen die Waffen. Es ist ein Multimilliardengeschäft, höchst lukrativ für die Banden, und deshalb kämpfen sie mit äußerster Brutalität. Der Konflikt zwischen der Regierung, den Kartellen und den Banden untereinander fordert jedes Jahr mehr Opfer als die Kriege in Irak und Afghanistan. Ein Sieg scheint aussichtlos.

Spektakuläre Festnahmen wie nun der Schlag gegen das Sinaloa-Drogenkartell werden zwar als Erfolg der Regierung gefeiert - mexikanische Soldaten haben den Drogenboss Ignacio "Nacho" Coronel in der Stadt Guadalajara getötet. Aber es ist eben nur eine gewonnene Schlacht. Keiner weiß, wer die nächste gewinnt.

Rund 25.000 Menschen sind seit 2006 in diesem Krieg umgekommen. Immer wieder haben die Regierungen der USA und Mexikos versprochen, die Entscheidung in dem Konflikt zu suchen. Zuletzt starteten 2008 der damalige US-Präsident George W. Bush und sein mexikanischer Kollege Felipe Calderón die "Merida Initiative" - 1,4 Milliarden Dollar sagten die USA zu, das meiste Geld ging in die Sicherung der mehr als 3000 Kilometer langen Grenze. Es half wenig.

Das Problem ist nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, der Konflikt in Mexiko eskaliert. Die Regierungen sind machtlos.

Das Geschäft geht so: Die mexikanischen Kartelle schmuggeln Kokain, Heroin, Amphetamine und andere Drogen in einem Gesamtwert von geschätzten 30 Milliarden Dollar in die USA. Nur rund ein Drittel der Ware wird dort in bar gezahlt, der Rest wird in Lieferungen von Kriegsgerät beglichen.

Die laxen Waffengesetze in den USA vor allem in Texas und Arizona machen es lokalen Banden leicht, die Bosse in Mexiko mit Sturmgewehren, Pistolen und Munition zu versorgen, deren Anschaffung südlich der Grenze illegal wäre. Ganze 90 Prozent der Waffen, die im Drogenkrieg sichergestellt werden, lassen sich auf Händler in den USA zurückverfolgen.

Der Colt - bevorzugte Waffe der stilbewussten Drogenbosse

Zum Beispiel der 38er-Colt Super Long, den die mexikanische Polizei gemeinsam mit acht weiteren Pistolen und einem Sturmgewehr AK-47 2008 bei der Verhaftung von Alfredo Beltrán Leyva sicherstellte. Er war bis dahin einer der Spitzenleute des Sinaloa-Kartells. Das Prunkstück seines Arsenals war der Colt, silberbelegt mit Perlmuttgriff, elegant - die bevorzugte Waffe der stilbewussten Drogenbosse. (Der Hersteller Colt nennt neue Modelle inzwischen sogar "El Rey" und "El Presidente" - Titel aus den mexikanischen Kartellen.)

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Mexiko: Ein Land im Drogenkrieg

Ermittler verfolgten die Waffe zurück zu "X Caliber Guns", einem Waffenhandel in Phoenix. Der Laden war ihnen gut bekannt. Inhaber George Iknadosian hat in den vergangenen Jahren mehr als 700 Sturmgewehre und zahllose andere Waffen an Mittelsmänner mexikanischer Kartelle verkauft. In einem vielbeachteten Prozess vor zwei Jahren wurde er allerdings freigesprochen - dass seine Kunden Strohmänner für Drogenkartelle waren, könne man dem Ladenbesitzer nicht zur Last legen, urteilte der Richter.

Dass Iknadosian seine Kunden kannte und ziemlich genau gewusst haben dürfte, was mit der Ware geschehen würde, spielte in der Verhandlung keine Rolle. Das Recht war nun einmal auf des Händlers Seite. In Arizona können alle Bürger mit sauberem Führungszeugnis ganz legal Waffen kaufen. In spezialisierten Fachgeschäften ebenso wie im Sporthandel, bei Wal-Mart oder einem von Zehntausenden privaten Händlern, die ihre Geschäfte oft aus dem Auto heraus führen. Kunden müssen zwar unterschreiben, dass ihre Waffen zur "persönlichen Nutzung" gedacht sind. Doch Ganoven schreckt das nicht ab.

Waffen im Post-Lastwagen

Der 38er-Colt von Drogenboss Leyva ist mit großer Wahrscheinlichkeit über den Grenzübergang Nogales im Einflussbereich des Sinaloa-Kartells ins Land gekommen - die US-Behörde für Alkohol, Tabak und Schusswaffen (ATF) hat das ermittelt. Bei ihr liegt die einzige komplette Datenbank von US-Waffen, über die sich Seriennummern bis zum Händler verfolgen lassen. Sie kann als einzige Schusswaffen kontrollieren, Besitzer und Händler ermitteln und bestenfalls im Kampf gegen illegale Waffen Erfolg haben.

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Grafiken: Fakten zum globalen Drogenkrieg
Die ATF unterstützt die mexikanischen Kollegen im Kampf gegen den Drogen- und Waffenhandel. Doch die Fahnder sind frustriert, denn Erfolge gibt es kaum. Die Banden sind gut organisiert und schmuggeln kreativ. Waffen werden längst nicht mehr nur im Pkw über die Grenze gebracht, sondern mit kommerziellen Lastwagen, die legale Fracht an Bord haben und Waffen in Geheimfächern.

Manchmal werden Mitarbeiter in Versandzentren bedroht und müssen die Waffen in Container packen, die erst danach ordnungsgemäß verplombt werden. Von außen ist die illegale Fracht so kaum zu erkennen. In Einzelfällen haben Schmuggler auch ganze Trucks umlackiert, um sie etwa als offizielle Transporter der US-Post zu tarnen.

Schärfere Waffengesetze? Die USA denken nicht dran

Präsident Calderón hat die Grenzschützer in den vergangenen Jahren massiv verstärkt, doch vergeblich. Seit das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) 1994 den Güteraustausch zwischen den USA und Mexiko vereinfacht hat, passieren jährlich rund fünf Millionen Lastwagen und 80 Millionen Pkw die 25 Grenzpunkte. Das sind rund 230.000 Fahrzeuge täglich oder 160 Fahrzeuge pro Minute. Wer kann das sorgfältig kontrollieren? Und wer will garantieren, dass nicht auch hier Schmiergelder fließen?

Viele Mexikaner wünschen sich schärfere Waffengesetze in den USA - was utopisch ist angesichts der mächtigen Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Jüngst sprach sich die Organisation sogar dagegen aus, Personen auf Terrorfahndungslisten den Waffenkauf zu verbieten - auf den Listen stünden schließlich auch viele Amerikaner, die keine Terroristen seien. Deren Rechte zu schützen sei wichtiger als der Versuch, Waffenmissbrauch zu verhindern. Im Kongress in Washington hat das Wort der NRA Gewicht. Politiker, die sich ihr nicht fügen, riskieren das Ende ihrer Karriere. Verbandspräsident Wayne LaPierre sieht in der ATF einen Gegner, nennt die Beamten "Nazis" und fordert die Abschaffung der Behörde.

Modell "El Rey" für den mexikanischen Drogenboss

Noch schärfere Grenzkontrollen, endlich schärfere Waffengesetze - beides ist nicht zu erwarten. Bliebe eine Änderung der Drogenpolitik in den USA. Das Tauschgeschäft Drogen gegen Waffen funktioniert schließlich nur, solange die Nachfrage für die illegalen Substanzen hoch ist.

US-Außenministerin Hillary Clinton hat erst kürzlich bei einem Besuch in Mexiko angekündigt, verstärkt in dieser Richtung arbeiten zu wollen. Die Regierung von Präsident Barack Obama plane eine intensivere Drogenpolitik mit einem Schwerpunkt auf Therapie von Abhängigen und einer Senkung der Nachfrage. Auch sie findet, dass die bisherige Politik einer Suchtprävention "nicht funktioniert". Sie erinnere sich an erste Abstinenzprogramme unter der Schirmherrschaft der damaligen First Lady, Nancy Reagan, sagte Clinton. Diese haben die steigende Drogennachfrage in den USA offensichtlich nicht gestoppt.

Clinton bekommt aus dem Kongress Unterstützung für neue Initiativen, unter anderem von Eliot Engel, einem demokratischen Abgeordneten aus New York und dem Mexiko-Experten im Ausschuss für internationale Fragen. Er gehört seit langem zu den Kritikern der "Merida Initiative". Diese beschäftige sich nur mit dem illegalen Grenzverkehr, ignoriere aber das eigentliche Problem - den Drogen-Waffen-Komplex.

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Skandalos, 30.07.2010
1.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Durch die Legalisierung von Drogen in den USA. Dort gibts ja eine aktuelle Initiative, die sich großer Unterstützung quer durch alle Parteien erfreut. Prohibition funktioniert einfach nicht.
karmamarga 30.07.2010
2. Wie entkommen?
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Den Shabab-Milizen das Land schenken. Dann weiss jeder im Land mit wem oder was er es zu tun hat. So wie jetzt geht die Sache endlos weiter.
Ohli 30.07.2010
3. Keine Macht der Drogenmafia
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Die Abteilung der UN, die sich des Themas Drogen angenommen hat, gibt auf ihren jählich stattfindenden Konferenzen in Wien seit 2 Jahren bekannt, das der "War on Drugs", der hauptsächlich in den 80er Jahren von Ronald Reagan proklamiert wurde, verloren ist. Jahrzehnte in denen Milliarden für die Strafverfolgung ausgegeben wurden, umsonst. Der weltweite illegale Drogenanbau hat sich erhöht, die Verkaufszahlen und der Umsatz haben sich erhöht (geschätzte 500 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit mit illegalen Drogen umgesetzt). Weiter so wie bisher, bedeutet weitere Profite für die organisierte Kriminalität, weiter Korruption, weiter mit dem Elend und Leid. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion, sagte einmal der Drogenbeauftragte der Regierung Kohl, Eduard Lintner. Das Ziel muss eine staatlich regulierte Vergabe aller zur Zeit illegalen Drogen sein. Wie eine erfolgreiche Drogenpolitik aussehen kann, zeigt der "Frankfurter Weg" und deren Projekt mit der Heroinvergabe an schwerstabhängige. Regulierung statt Repression, Akzeptanz und Toleranz, statt Stigmatisierung und Strafverfolgung von Konsumenten. Es wäre auf jeden Fall eimal wünschenswert, wenn man sich sachlich und pragmatisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzen würde, statt wie bisher polemisch und emotional. Einen schönen Tag noch, wünscht Ohli
Roller, 30.07.2010
4.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Ganz einfach: die Legalisierung aller Drogen.
obi wan 30.07.2010
5. Gegen jede Art von Titeln und Orden!!!!
Keine Ahnung wie Mexiko entkommen kann. Ich kann nur sagen: Sicher nicht durch so politisch vielleicht korrekte aber vollkommen nutzlose Konzepte wie Rauschgift legalisieren, Dialog suchen u.ä. Mal sehen wann hier die Ersten hier auftauchenk, die so etwas als alleiniges Allheilmittel ernsthaft verkaufen wollen.
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